Die Angst der Männer

von Andreas Wicke

Kassel, 10. Mai 2013. Warum im Federschmuck? Die Frage bleibt. Anatol hypnotisiert in der ersten Szene von Schnitzlers Einakterzyklus seine Geliebte Cora, er möchte endlich die Wahrheit erfahren, ob er für sie der einzige Mann ist, ob sie ihn – und sei es nur in Gedanken – je betrogen hat, ob sie ihm wirklich treu ist und ewig treu bleiben wird. Aber er traut sich nicht, immer wieder versucht er, die richtige Formulierung zu finden, doch seine Angst siegt.

Irritierend modern

Die Frage an das Schicksal wird nicht gestellt und nicht beantwortet, weil, so bemerkt Freund Max hintersinnig, Anatol "seine Illusion doch tausendmal lieber ist als die Wahrheit." Aber auch meine Frage wird nicht beantwortet: Warum hypnotisiert Anatol seine Cora mit einem Federschmuck? Weil Indianer keinen Schmerz kennen? Weil die Freundschaft zwischen Anatol und Max eigentlich eine Blutsbrüderschaft ist? Weil der Wechsel der Kopfbedeckungen erheitern soll?

anatol1 560 dominikketz uIst ewige Liebe möglich? © Dominik Ketz

Schnitzlers Themen sind immer noch irritierend modern, seine Dramenform ist es allemal. Es geht um die Wiederholung des immer Gleichen, die Angst der Männer, die zeitlose Frage, ob Treue, ob ewige Liebe zwischen den Geschlechtern möglich ist. Und die Fragen der Männer bleiben, auch wenn die Frauen bei Schnitzler wechseln. Mal heißen sie Cora, mal Gabriele, mal Bianca, Emilie, Annie oder Ilona...

Klischees von Jetztzeitigkeit

Auf der Bühne des Kasseler tif werden sie in Marco Štormans Inszenierung alle gespielt von Alina Rank, und das ist sicher eine glückliche Entscheidung, denn deutlicher kann man die Austauschbarkeit und Flüchtigkeit kaum demonstrieren. Mal trägt sie Blumenschmuck im Haar, mal eine Schleife, mal eine Halskrause – aber für Anatol sind die verschiedenen Frauen im Grunde alle gleich. Und Alina Rank gelingt es, jeder Gestalt eine neue Facette abzugewinnen und dabei dennoch immer gewisse Grundzüge beizubehalten, durch all die Schnitzlerʼschen Frauentypen immer wieder "die" Frau durchblitzen zu lassen.

Was der Inszenierung weniger gut bekommt, ist der Versuch der plakativen Aktualisierung. Die Szenen spielen auf dem Dach eines Hochhauses inklusive Mercedes-Stern und Rauchabzug. Und spätestens wenn Anatol eine Baseballkappe trägt (ja, auch die Frage nach dem Federschmuck ist noch ungeklärt!), sind zu viele Klischees von Jetztzeitigkeit auf der Bühne, ohne dass einem die Geschichte dadurch näher käme. Manche der kleineren Regieideen hingegen verfehlen ihre Wirkung nicht, etwa wenn Alina Rank im Hintergrund Seifenblasen produziert, während Max und Anatol über die Vergänglichkeit der Liebe fabulieren. Wenn Franz Josef Strohmeier seinen Max zwischen trotteligem Clown und abgeklärtem Sekundanten changieren lässt. Oder wenn Thomas Meczele als Anatol die Erinnerungen an verflossene Liebschaften zu Papierfliegern faltet und vom Hochhausdach wirft.

Liebeshypochondrie

Dennoch kommt der Abend nicht recht in Gang, die einzelnen Episoden entfalten ihre Wirkung nicht, die Regie lässt dem Spiel der Darsteller zu wenig Raum, um wirklich zu berühren. Während Schnitzlers Text auch 120 Jahre nach der Entstehung nichts von seiner melancholischen Leichtigkeit, von seiner "sentimentalen Heiterkeit" eingebüßt hat und immer wieder für Lacher sorgt, ist es genau diese imponderable Mischung der Empfindungen, die man in Marco Štormans Inszenierung vermisst. In einem Interview bezeichnet er die heutige Gesellschaft als eine "Generation im Vakuum", aber genau dieses Vakuum fehlt der Produktion.

anatol2 560 dominik ketz uGemaltes Herz auf der Brust des Homme fragile:Thomas Meczele  © Dominik Ketz

Schwung kommt auf, wenn die Darsteller gegen Ende die Bühne im wahrsten Sinne aufbrechen, wenn das Spiel in hemmungslose Dekadenz umschlägt, wenn die Wände eingerissen werden und die Welt dahinter rosa ist, wenn das Buffet sich unter Austern und Champagner biegt, wenn Etageren und Kronleuchter das Abschiedssouper garnieren, damit wieder einmal das Finale einer ewigen Liebe gefeiert werden kann. Und wenn Thomas Meczele kurz danach als homme fragile fast nackt, aber mit einem gemalten Herz auf der Brust am Boden liegt, dann nimmt man ihm seine Enttäuschung, seine Verletzlichkeit und seine Melancholie ab, dann ist etwas von der Hypochondrie seiner Liebe spürbar.

Doch dann dreht sich der Mercedes-Stern und auf seiner Rückseite wird ein quietschgelber Smiley sichtbar. Wiederum ist Schnitzlers Parodie auf traditionelle Komödienschlüsse subtiler, wenn er den noch nicht mal verheirateten Anatol an seinem Hochzeitsmorgen im Bett einer anderen aufwachen lässt – ganz ohne Smiley. Und zu Hause frage ich mich, warum Anatol als Hypnotiseur anfangs eigentlich einen Federschmuck tragen muss...

 

Anatol
von Arthur Schnitzler
Inszenierung: Marco Štorman, Bühne und Kostüme: Dominik Steinmann, Sound: Gordian Gleiss, Dramaturgie: Stephanie Winter.
Mit: Thomas Meczele, Alina Rank, Franz Josef Strohmeier.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-kassel.de

 

 Mehr lesen? im Februar 2013 inszenierte Marco Štorman (*1980)  am Hamburger Thalia Theater Thornton Wilders per Publikumswahl in den Spielplan gelangte Familiensatire Wir sind noch einmal davongekommen.

 

 
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