Himmel und Hölle in hoher Halle

von Ute Grundmann

Dresden, 10. Mai 2013. Den Kinderwagen lässt sie nicht los und nicht aus den Augen. Eine Hand hat sie immer an diesem Gefährt, das feiner aussieht als seine Umgebung; sie stellt sich davor, lässt anfangs noch ihren Mann in die Nähe, dann jedoch niemand mehr – es geht nur noch darum, dieses Kind zu verteidigen, von dem sie längst vergessen hat, dass es nicht ihres ist. Solche dichten, eindringlichen Szenen gelingen immer wieder in dieser Inszenierung, mit der Susanne Lietzow Gerhart Hauptmanns 1911 uraufgeführtes Drama "Die Ratten" ins Große Haus des Dresdner Staatsschauspiels gebracht hat. Dominiert anfangs noch die "Berliner Tragikomödie", gerinnt die Aufführung mehr und mehr zu einer Tragödie, die jederzeit, auch heute, spielen könnte.

Berliner Welt

Die Fabrikhalle hat schon bessere Tage gesehen. Wände und Decke sind voller Wasser- und Schmutzflecken, die Fenster der hohen Türen sind kaputt oder übermalt, auf dem Boden liegen Staub und alte Koffer. In diesem riesigen, schäbigen Raum (Bühne: Aurel Lanfert) werden die feine und die weniger feine Berliner Welt aufeinander treffen. Doch erst einmal teilen zwei Frauen ihr Elend: Pauline Piperkarcka (Marie Smolka) heult und radebrecht auf Deutsch und Polnisch ihre Not vom unehelichen Kind. Frau John (Rosa Enskat) kann gar nicht so schnell sprechen, wie sie sie beruhigen möchte. Doch vor allem achtet sie darauf, dass das "arme Würmchen", Ursache all des Elends, am Ende bei ihr landen wird, als Ersatz für ihr totes Albertchen. Das ist eine schnelle, fast hektische Szene, in der die beiden Frauen aufeinander ein und aneinander vorbeireden – in die dann erst mal das Milljöh einbricht.

ratten 560 matthiashorn uNicht ohne mein Baby: Rosa Enskat als Frau John © Matthias HornWitwe Knobbe in schwarzem Unterrock und Strümpfen keuchhustet sich durch den Raum zum schäbigen Waschbecken. Hinten spielt Frau Johns Bruder Bruno Mundharmonika, produziert sich aber vor allem als Mini-Gangster, der brüllt und nölt. Dann fegt die feine Gesellschaft durch die schmutzigen Hallentüren: Walburga (Annika Schilling) und ihr Verlobter Spitta (Thomas Braungardt), ebenso auf verbotenem Rendezvous-Terrain wie Hassenreuter (Albrecht Goette) und die Schauspielerin Alice (Cathleen Baumann). Die holt aus dem Fundus des ehemaligen Theaterdirektors einen roten, pelzbesetzten Umhang und lässt so demonstrativ den Staub aufwirbeln, dass man fürchtet, so aufgesetzt-unzeitgemäß könnten auch die nächsten Szenen werden.

Wie ein Eisregen

Doch zum Glück geht Susanne Lietzow mit ihrer Inszenierung einen anderen Weg. In Innsbruck geboren, hat sie in New York Bildhauerei und Innsbruck Schauspiel studiert, war als Schauspielerin dort und in Weimar engagiert, hat in Weimar, Wien, Hannover Regie geführt. In Dresden hat sie Lutz Hübners Die Firma dankt (Einladung zu den Mülheimer Theatertagen 2011) und Goethes "Reineke Fuchs" inszeniert.

In ihrem Hauptmann nimmt sie das Milljöh immer mehr zurück, baut Brechungen ein, lässt es in der hohen Halle immer kälter werden. In der grotesken Theaterprobe Hassenreuters mit gespreizten, sprechenden Gesten macht Spitta das ganze Getue mit "Himmel-und-Hölle"-Hüpfen lächerlich. Pastor Spitta (Hanns-Jörn Weber), Vater des abgebrochenen Theologie- und willigen Schauspielstudenten, bricht wie ein Eisregen in die Probe ein, beklagt Sodom und Gomorrha, während sich hinter seinem Rücken zwei Männer küssen. Plötzlich flutet ein Karussell-Video den Bühnenraum, singt Pauline anrührend oder dramatisch Lieder von Gilbert Handler. Und kurze Zeit später ersäuft Bruno sie wie beiläufig und stopft sie in das Waschbecken, an dem sich Maurerpolier John dann ahnungslos wäscht.

Ein Abend der Schauspieler

Nicht alles gelingt, manchmal wird das Elend auch zu breit ausleuchtet, wird etwas angestrengt berlinert, ist der Hausmeister in güldenen Stöckelschuhen und Indianerkopfschmuck bloß ein Effekt. Doch insgesamt gelingt die düstere, beklemmende Ballade, ohne dass die Inszenierung mit dem Zeigefinger auf heutige Parallelen (weggeworfene oder aus Kindessehnsucht entführte Babys) hinweisen muss, das denkt sich von alleine mit. Und die relativ kurze Inszenierung ist ein Abend der Schauspieler und Dresden hat das Ensemble dazu.

Albrecht Goette als Hassenreuter, der so gerne als Knallcharge gespielt wird, ist völlig unkomisch, ganz bei sich, ob er auf Freierszehenspitzen einer Schauspielerin nachläuft oder sein Theater deklamiert, er gibt der Figur immer neue Töne mit. Christine Hoppe als dessen Frau liefert mit zwei Auftritten eine komplette, widersprüchliche Figur. Thomas Eisen als Maurerpolier John ist kraftvoll, ohne aufzutrumpfen, und wird immer hilfloser, je mehr er ahnt, dass da etwas an seinem Idyll nicht stimmt. Und natürlich Rosa Enskat als Frau John: schmal, ernst, gerade aufgerichtet, sieht nicht rechts und links bei ihrem Ziel, ihr totes Kind zu ersetzen, in all den Verwicklungen wird sie immer ruhiger und entschlossener, dabei verhärtet sie immer mehr, bis es um sie herum zu frieren scheint.


Die Ratten
von Gerhart Hauptmann
Regie: Susanne Lietzow, Bühne: Aurel Lenfert, Kostüm: Marie Luise Lichtenthal, Musik: Gilbert Handler, Dramaturgie: Beret Evensen.
Mit: Albrecht Goette, Christine Hoppe, Annika Schilling, Hanns-Jörn Weber, Thomas Braungardt, Thomas Eisen, Rosa Enskat, Marie Smolka, Cathleen Baumann, Sascha Göpel, Jonas Friedrich Leonhardi, Antje Trautmann, Lea Ruckpaul, Jan Maak.
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Kritikenrundschau

Von einer "fesselnden Produktion" spricht Guido Glaner in der Dresdener Morgenpost (13.5.2013). Regisseurin Susanne Lietzow halte die schwierige Balance des Stücks zwischen Tragik und Groteske. Der Kritiker empfindet den Stil der Regisseurin als "eher traditionell als avantgardistisch". So bleibg die Regie aus seiner Sicht dicht am Stoff und könne sich am Ende eine "durchaus zeitgemäße Zuspitzung" erlauben. Auch die Schauspieler werden sehr gelobt, besonders Rosa Enskat als Frau John.

Dieser Abend werde von Rosa Enskat geprägt, schreibt Bistra Klunker in den Dresdener Neuen Nachrichten (13.5.2013). Denn die Schauspielerin verkörpere ihre Frau John so sehr, dass es wehtue. Auch die Radikalisierung des Schlusses, ein Amoklauf der Frau John, verträgt der Abend aus Sicht der Kritkerin mühelos, "weil Susanne Lietzow konsequent eine dunkle Gewschichte mit vielen Facetten erzählt."

Ebenso berührend wie beklemmend empfindet Sebastian Thiele in der Sächsischen Zeitung (13.5.2013) Rosa Enskats Spiel. Die Szenerie der Inszenierung, also Bühnenbild, Video-, Lyrik- und Musikeinspielungen beschreibt er im Verbund mit "technischen Gimmicks"  als Effekthascherei. In der Summe ergeben sie für den Kritiker eine "ästhetische Suppe", vor der der Bürger mit behaglichem Schauer sitzen könne. Besucher mit Faible für Literaturtheater werden seiner Einschätzung zufolge den Abend dennoch beglückt geniessen, da sich die Regie mit frischen Ideen oder Lesarten des Stücks zurückhalten und einen drängenden Sozialbezug zur Gegenwart ignorieren würde. Dank virtuoser Schauspieler versinkt der Abend aber nicht nicht im gut verdaulichen Sozialvoyeurismus.

 

 
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