Theater als Heimat von Politik und Illusion

von Friederike Felbeck

Hamburg, 11. Mai 2013. Austauschsemester in Schanghai und Peking, Aufenthalte in Russland und Georgien, geboren in Schweden oder Lettland – die Nachwuchsregisseure des diesjährigen Körber Studios Junge Regie sind international unterwegs. Wen wundert's, dass eine der zahlreichen Performances, die in diesem Jahr die klassisch inszenierenden Jungregisseure wie eine Horde wilder Indianer umzingelt hatten, das Making-of einer deutsch-afrikanischen Koproduktion in den Fokus nimmt.

Achterbahnfaht durch Kolonialismus und Globalisierungskritik

Daniel Schauf (Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt) entführt mit Hilfe eines schnell-sprechenden Performers, der auch geheimnisvolle rituelle Tänze beherrscht, ins tiefste Somalia und zoomt, ganz wie die Computeranimation zu Beginn dem Publikum auf den Kopf schaut, das dortige National Theatre heran, dessen Geschichte in einem Theaterprojekt erzählt werden soll.

Als Kollaborateurin wird eine taiwanesische Opernsängerin gecastet, die mit großen auf Verdi und Rossini gerichteten Hoffnungen nach Europa kam, mit einem Studium der Performance Studies vorlieb nehmen musste und bereits einschlägige Erfahrungen in absurden performativen Aufgabenstellungen machen konnte. Dass sie sich selbst in einer solchen an diesem Abend wieder findet, ist komisch. Die autobiografische Schatztruhe wird coram publico ausgeschüttet, vom Selbstmordattentat in Mogadischu geht's zum "König der Löwen" im Hafen Hamburg, zur Musik von Jim Morrison wird ein Telefonat mit dem Kooperationspartner in Somalia gezeigt.

thalia-gauss-560 krafftangerer hDer Schauplatz: Das Thalia Theater in der Gaußstr  © Krafft Angerer

Die Aufführung ist eine Achterbahnfahrt durch Kolonialismus- und Globalisierungskritik, gespickt mit nachgestellten Fotos vom Hunger in Afrika. Das letzte Bild verspricht viel: Bee, die taiwanesische Sängerin, schminkt sich das Gesicht Minstrel-schwarz und singt verhalten eine italienische Arie, die ihr im Original von einem Dutzend Weltempfängern entgegen geschmettert wird. Dazu werden auf der Leinwand Ausschnitte aus der Emailkorrespondenz mit den Theaterleuten aus Somalia gereicht. Es geht um die Visabeschaffung für die afrikanischen Kollegen. Allein da endet die Kollage, die offen lässt, ob am Ende doch nur alles eine Kooperations-Ente ist.

Schauerstück als Sitcomparaphrase

Allen Performern zum Trotz vertraut Josua Rösing von der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien den herausragenden Schauspielstudierenden des Max Reinhardt Seminars und scheitert letztlich an dem unmöglichen Unterfangen, "Die Brüder Karamasow" in neunzig Minuten zu drängen. Frederik Tidén von der Zürcher Hochschule der Künste übersetzt Eugene O'Neills "Trauer muss Elektra tragen" als psychologisches Schauerstück und Sitcom-Paraphrase. Den auf ein Drittel entschlackten Dialogen machen die Darsteller ordentlich Feuer unterm Hintern, schreien und kreischen nach Kräften.

Allein der Wucht des Originaltextes kann auch Tidén nicht ausweichen und so erliegt der Abend schließlich seiner eigenen Rezeptur: der antiken Bearbeitung eine kräftige Injektion Aktualisierung und Slapstick zu verordnen. Tidéns pfiffiger Trick, die Sätze nicht tief fallen zu lassen und sie immer wieder mit eingespieltem Gelächter aus dem Bedeutungs-Wasser zu fischen, macht die Inszenierung zunächst gut bekömmlich. Aber trotz der beachtlichen schauspielerischen Möglichkeiten von Sophie Hutter in der Titelrolle geht O'Neill bald die Puste aus, denn der Regisseur hat das Steuer längst Richtung Amerikakritik herum gerissen.

Das abgewetzte Serien-Sofa, das auf einer Revue-Treppe prangert, wird zur überflüssigen Kulisse, von der sich der vergiftete Irak-Heimkehrer-Vater in die schmerzhafte Auseinandersetzung zwischen Elektra/Lavinia und Orest/Orin um Rache und Sühne wie ein weißes Rauschen im Fernseher mischt und zum Sprachrohr des ultra-rechten amerikanischen Journalisten Glenn Beck wird.

Shakespeare und Victor Hugo gebündelt

Es sei der seit langem politischste Jahrgang des Körber-Studios, sagt seine Gründerin Barbara Müller-Wesemann. Auch die einzige fremdsprachige Inszenierung unter den insgesamt zwölf Wettbewerbsbeiträgen, in diesem Jahr ist das École Supérieure d'Art Dramatique du Théâtre National de Strasbourg zu Gast, versucht sich an der Analyse von Tyrannenmord und politisch motiviertem Attentat. "Lasst ihn uns im Keim ersticken!" bündelt Texte von Victor Hugo und William Shakespeare und lockt sein Publikum zunächst in eine perfide aufgestellte Falle: Auf einer zum Karree weiß ausgelegten Spielfläche tönen und gestikulieren die Schauspieler, als gelte es die Comédie Française ins Thalia in der Gaußstrasse zu beamen.

Die Regisseure Vincent Thépaut, Sacha Todorov und Thomas Pondevie unterbrechen das angestaubte Pathos und decouvrieren die Szene aus "Julius Caesar" als Spiel im Spiel und Live-Bebilderung einer TV-Show, die von drei brav klischierten Attentats-Experten wahlweise zugespielt oder zurückgespult werden kann. Mal Geschichtsstunde, mal Satire wird die Aufführung bald vorhersehbar – auch wenn einer der Moderatoren als blutiger Leichnam in der Rückblende landet.

Das Gehabe der Mächtigen

"Der souveräne Mensch. Warum Juwelen glänzen und Kieselsteine grau sind" heißt der diesjährige Beitrag aus Gießen. Ein Kollektiv ohne Namen, arbeiten Arnita Jaunsubrena, Lea Schneidermann und Kim Willems bereits zum zweiten Mal zusammen. Helle Jakobinerkluft und Rednerpult im Rücken beginnt Willems mit dem Vortrag des selbst verfassten Textes, eines Essays über die Entstehung von Souveränität und die Installation von Macht. Seine Darstellung ist versiert bis virtuos. Die Choreographie seiner Hände und Arme, wie sie in vertrauten Redner-Bahnen tanzen, mal im Merkel'schen Dreieck ruhen, sich dann verselbstständigen und wie die Gliedmaßen einer Marionette klappern, ist atemberaubend. Mit seiner feinen, anziehenden Stimme, mal mit und ohne Mikrofon, reitet er verschiedene Redner-Modi auf und ab.

dersouveranemensch 560 joergbaumann xDie Siegerproduktion: "Der souveräne Mensch. Warum Juwelen glänzen und Kieselsteine grau sind" aus Gießen © Jörg Baumann

Immer wieder demaskiert die Inszenierung mit einfachsten Mitteln das Gehabe der Mächtigen und führt vor, wie leicht es ist, ein Publikum zu manipulieren. Aber damit nicht genug! Plötzlich spielen zwei Scheinwerfer verrückt und zeigen, was sie als Moving Light alles an Farben und Formen zu bieten haben. Dann öffnet sich der Vorhang, und es erscheint eine Schneelandschaft mit kargen Bäumen und Ästen, die wie Geweihe aus dem Boden ragen. Nebel quillt ins Publikum. Zwei hochgewachsene schwarze Gestalten mit Fuchsmasken servieren Tee, am Ende schneit es gar. Fulminante Bilder, die im nächsten Moment buchstäblich abgebaut und recycelt werden.

Das Gießener Trio landet den Coup des Festivals, indem sie das Theater als erste Heimat der Techniken der Illusion wieder entdecken. Belohnt wurden sie einhellig mit dem Publikumspreis und dem mit 10.000 EUR bestückten Preis der Jury, der als Zuschuss für eine Produktion an Stadt- und Staatstheatern oder der Freien Szene eingesetzt werden kann.

Verlust der Sprache

Wie außer Konkurrenz zeigte am letzten Abend Clara Hinterberger (Bayerische Theaterakademie August Everding und Hochschule für Musik und Theater München) ihre Sicht auf Elfriede Jelineks "Kein Licht". Im Foyer empfangen Streicher mit den "Jahreszeiten" von Piazzola, nur um die Zuschauer dann in einen bedrohlichen Maschinenraum zu entlassen, in dem sich riesige Luftkissen lautstark aufblähen. Zwei Schauspieler (Johanna von Gutzeit und Béla Milan Uhrlau) und eine Tänzerin (Katrin Schafitel) versuchen, ihre Fähigkeit Töne zu erzeugen und zu kommunizieren wieder zu finden. Ein ungewöhnlich klarer und dezidierter Abend, der Jelineks Text wie eine Partitur liest und die gesellschaftliche Auswirkung der unbenannten Katastrophe von Fukushima als Verlust von Sprache konsequent durchdekliniert.

Vielfalt und Entschlossenheit

In zehn Jahren Körber Studio Junge Regie haben die Veranstalter, ein Triumvirat aus Stiftung, Thalia-Theater und Universität Hamburg unter der Schirmherrschaft des Deutschen Bühnenvereins, die Ausbildungslandschaft für junge Regisseure im deutschsprachigen Raum ein Stück weit mitgeprägt. Mit dem alljährlich statt findenden Arbeitstreffen wurde eine Plattform geschaffen, auf der sich Studierende und Dozenten der unterschiedlichen Institute begegnen und austauschen können. Dies war lange keine Selbstverständlichkeit. Zum Jubiläum schilderten in einer Podiumsdiskussion noch einmal die früheren Preisträger David Bösch, Julia Hölscher, Malte C. Lachmann und Gesine Hohmann den Mehrwert der Auszeichnung.

preistraegerkoerber2013 280 krafftangerer hNach der Preisverleihung ©Krafft AngererDer eigenen unsicheren Zukunft ins Auge zu schauen traute sich allein Ulrike Möller von der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst-Busch" Berlin. In "Das Projekt bin ich" outen sich fünf in die Jahre gekommene Spieler als teilweise Gescheiterte. Doch die Aufführung schaffte es weder aus prekären Arbeitsbedingungen und Selbstausbeutung ein gesamtgesellschaftliches Problem abzuzeichnen, noch das Besondere des Metiers zu zeigen und dieser merkwürdig kräftigen Berufung, die das Theater ist. Und so wirkt es allemal romantisch, wenn die fünf Gestrandeten am Ende bekennen, sie würden es immer wieder tun – den Beruf des Schauspielers wählen.

Die Regisseure des diesjährigen Körber Studios stehen erst am Anfang – die Vielfalt und Entschlossenheit ihrer Konzepte und ästhetischen Herangehensweisen wird sie weit tragen können.

 

Körber Studio Junge Regie 2013

www.thalia-theater.de
www.koerber-stiftung.de

 

 

 
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