Das europäische Surplus

von Thomas Köck

Berlin, 14. Mai 2013. Er ist seit zwei Tagen wach und trotzdem noch ansprechbar: Kay Wuschek, Intendant des Theaters an der Parkaue Berlin und damit Gastgeber und Koproduzent des Young Europe Festivals. Erschöpft wirkt er trotz seines Schlafentzugs nicht, eher gelassen. Um 23 Uhr mitteleuropäischer Zeit war er im westsibirischen Surgut aufgewacht und ist seitdem auf den Beinen. Die Stadt ist einer der wichtigsten Knotenpunkte des russischen Pipelinenetzes. Das Stadtbild wird von Jeeps und gehobener Mittelklasse geprägt, die Arbeitslosigkeit steht bei 0,25 Prozent. "Ins Theater geht man dort so festlich, wie hier in eine Opernpremiere", erklärt Wuschek, der gerade ein Stück von Juliane Kann in Sibirien inszeniert und deshalb die Planung des Festivals "in vollstem Vertrauen" seinem Assistenten Friedemann Windhorst überließ. 

eroffnungfestival1 560 thomaskoeck uEröffnung des Young Europe Festivals: Dubravka Vrgoč, Doris Prack, Kay Wuschek und Friedemann Windhorst © Thomas KöckEin Beispiel für die Internationalisierung – viele deutsche Stadttheater sind längst international vernetzt. Auch das Theater an der Parkaue. Für Wuschek ist das Young Europe Festival eine Möglichkeit, "die eigenen Mittel zu überprüfen, die eigenen Begrifflichkeiten zu schärfen, die eigene Arroganz abzubauen" und einen Zugriff auf veränderte Wahrnehmungsweisen und damit auf Gegenwart zu bekommen: "Das Tempo von Erzählungen hat sich verändert. Was versteht man zum Beispiel unter multiperspektivischen Erzählungen?“ Europa selbst sei nicht unbedingt ein Standbein der Parkaue, aber ein willkommenes Surplus.

Theater an der Parkaue? Wat'n ditte?

Surplus? Geld also, denkt man sofort – und behält Recht. "Treffen sich zwei Politiker, sprechen sie über Kunst, treffen sich zwei Künstler, sprechen sie über Geld", lautet der Witz, mit dem Kay Wuschek dann bei der Eröffnung die Gäste auflockert. Denn das europäische Surplus ist natürlich vor allem in Zeiten zunehmender nationaler ökonomischer Härte gern gesehen, wie Wuschek meint. "Die Produktionsweisen im Theater haben sich in den letzten Jahren stark verändert, auch im Hinblick auf Partnerschaften", betont Wuschek. Durch internationale Kooperationen können andere Geldquellen angezapft werden.

Europa, die Politik und das Geld. Diese aktuelle Verquickung hinterlässt ihre Spuren in den Eröffnungsreden. Doris Pack zum Beispiel, die Schirmherrin der ETC und EU-Abgeordnete, erschien zwar mit knapp einer Stunde Verspätung, dafür mit sprühendem Witz und Anekdoten über das Nachkriegseuropa, die lebensraubende Arbeit im EU-Parlament und Berliner Taxifahrer, die von einem Theater in der Parkaue noch nie etwas gehört haben wollen. Sie strenge sich im Moment an, mehr europäisches Geld in die europäische Theaterlandschaft fließen zu lassen. "Any crisis", erklärt sie, "will never be overcome, if you don't think of culture." Soweit also zu den unzähligen Institutionen hinter der Europe Theatre Convention. Was die eigentlichen Protagonisten des Festivals, die jugendlichen Theatermacher und Besucher über Europa zu erzählen haben und denken, gilt es also die nächsten Tage herauszufinden.

 
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