Verwirren statt Begreifen

von Hannah Eßler

Berlin, 14. Mai 2013. Am Anfang war das Chaos. Oder sagen wir, zumindest ein wenig Verwirrung. Trübes Wetter. Vereinzelt tröpfeln Menschen in den Hof der Parkaue. Grüppchen bilden sich, es wird gelächelt, Händeschütteln, unschlüssiges Warten. Das Young Europe Festival 2 startet mit 45-minütiger Verspätung, da sich die Ankunft von Schirmherrin Doris Pack, Präsidentin des Komitees für Kultur und Bildung, verzögert. Kleine Bemerkung am Rande: das Internet funktioniert nicht, die Live-Blog-Leitung liegt lahm.

eroffnungfestival 560 thomaskoeck uEröffnung des Young Europe Festivals  © Thomas Köck Nachdem Frau Pack die obligatorischen einleitenden Worte in schmerzlos-lockerem Ton gesprochen hat, wird zum ersten Stück gebeten. Wieder draußen empfing die Zuschauer die kühle Nachtluft, gedämpftes Licht und ein einsamer Trompetenspieler. Bei Wein und deftigem Essen lockert sich die Stimmung, Gläser klirren, Satzfetzen in den verschiedensten Sprachen fliegen hin und her. Alles drängt sich unter dem kleinen Pavillon im Innenhof der Parkaue. Die Lautstärke steigt direkt proportional zum Alkoholpegel. Am Ende des Abends steht als Ausdruck meines persönlichen Kopfchaos der Satz: "Can you bring the Aufnahmegerät to the Pförtner please?"

Verstanden wurde ich trotzdem.

Und das Stück?

Es ist 15.15 Uhr, die Welt scheint aus den Fugen: das Wetter schwankt, Sandstürme und Tsunamis bedrohen die Welt und Außerirdische beschließen, die Erde zu vernichten, um dem Kontrollzwang der Menschen ein Ende zu setzen.

Der Herr des Universums singt

Mittendrin: drei Menschen sitzen, stehen, liegen an der Bushaltestelle und warten auf den 20er, der partout nicht auftaucht. Sie kommen ins Reden, über die Liebe, den Zufall, das menschliche Dasein. Eine strickende Madame, die es gar nicht so eilig hat, zurück ins Altersheim zu kommen und sich beschwert: "Heute sind immer alle spät dran.". Ein Grobian mit Beinprothesen, der aus einem Keller um eine stille Revolution bittet und schlussendlich die Liebe findet. Ein Mathematiker auf dem Weg zum ersten Date seit der Studienzeit, der sich zwischen Beatles-Songs und Liebes- Utopien, Physikformeln und Statistiken verliert.

Die drei anrührenden Gestalten bewegen sich traumwandlerisch zwischen Weltall und Tiefsee, greifen nach Hoffungsfetzen und landen doch letztendlich wieder bei der Frage: "Wie viel Uhr ist es? War der Bus schon da?". Die schlichten weißen Kostüme bieten Projektionsflächen für Taucheranzüge, Astronautenkleidung, Anstaltskittel, oder, ja, nichts eben. Berührende Momente, wenn die Zuschauer einer Opernarie des Herrn des Universums lauschen - mit herausragendem Einfühlungsvermögen dargestellt von der rechten, beringten Hand der Rentnerin -, wenn sich der Mathematiker schließlich mit seiner Affennatur versöhnt und sie beide Banane knabbernd unter der multifunktionalen Leinwand kauern.

Diese wird im Stück ausführlich genutzt: Videosequenzen, die die Schauspieler in die Tagesschau, auf den Mond und das Computerspiel Pacman transportieren, ergänzen das Gedankenpuzzle. Es bleibt die Frage: Alles Chemie? Alles Zufall? Alles determiniert? "Messfehler können ja immer passieren", gibt der Mathematiker schließlich zu.

Der Arbeitsprozess dahinter? Eine kleine Finnin aus dem Schreibprojekt lacht. "Chaotisch eben!"

 

Der Blog ist ein Kooperationsprojekt von nachtkritik.de und der European Theatre Convention im Rahmen des Young Europe Festivals. Seine Inhalte sind nicht Teil des redaktionellen Kontents von nachtkritik.de: Impressum.

 

 
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