Ernst ist das Leben, komisch die Kunst

von Georg Kasch

München, 14. Dezember 2007. Zunächst einmal: Calderóns "Das Leben ein Traum" am Residenztheater München ist eine Inszenierung, für die man den Text vorher nicht gelesen haben muss. Man versteht jedes Wort, jeden Zusammenhang in der nur unwesentlich gekürzten Fassung. Alexander Nerlich hat den Text genau gelesen, seine Regie ist behutsam und präzise – und wattiert das Stück wie eine zerbrechliche Antiquität.

Der Anfang ist beeindruckend. Aus dem undurchdringlichen Dunkel der Bühnen schälen sich die Umrisse zweier Figuren in Fallschirmspringermonturen: Rosaura und Clarin sind am Verließ des Prinzen Sigismund gelandet. Allmählich wird ein Container mit Fenstern und Tür sichtbar, aus der Felix Rechs sehnig-nervöser Sigismund schnellt, beschränkt durch ein Metallseil, ein psychisch gestörter, verzweifelter junger Mann, der sich manisch die Unterarme kratzt.

Bei Königs vor dem Fauteuil

Sigismund hat ein Problem, Lisa Wagners burschikos-rotzige Rosaura auch, doch noch ehe sie es benennen kann, kommt der Wächter Clotaldo mit einem vermummten Sondereinsatzkommando und nimmt die beiden Eindringlinge fest.

Im Schloss ist die Bühne so fein gedrechselt wie Calderóns Trochäen, die über weite Strecken höchst wohlgeraten über die Rampe kommen: holzvertäfelte Wände, Parkett, kostbar bezogene Fauteuils – so sieht es bei Königs auch heute noch aus. Hier herrscht Oliver Nägeles leicht versponnener, aber nicht unsympathischer König Basilio mit Donnerstimme und Selbstzweifeln.

Sein Plan, den gefangenen Sohn probeweise auf den Thron zu setzen, um zu prüfen, ob sich das unglückliche Horoskop erfüllt und Sigismund sich als Tyrann erweist, teilt er einem Volk mit, das hinter roten Sperrkordeln steht und sich von ihm zur Scheinlegitimation missbrauchen lässt.

Eine gewisse Musealität

Ähnlich ergeht es dem Publikum. Eine unsichtbare Kordel scheint es vom sorgsam eingerichteten Bühnengeschehen zu trennen, das einer gewissen Musealität nicht entgeht und kaum direkte (Be-)Rührung zulässt. Handwerklich vollkommen und solide steht die Ausstattung da, zwischen der die Lakaien lautlos und wie am Schnürchen umhergehen, Stühle zurechtrücken, eine üppig beladene Tafel auftragen; höchst elegant sind die Kostüme bei Hof.

An alles ist gedacht: Wenn Basilio klagt, dass schon an den Wänden das Blut klebt, hat Rechs Sigismund bei seiner Mordaktion ganz sicher welches hingeschmiert. Und wenn Estrella entsetzt berichtet, dass sie nie etwas Schrecklicheres als die sich nahenden Rebellen gesehen habe, dann hält sie in der Hand ein Opernglas, weil man das Schlachtengetümmel mit dem bloßen Auge wohl kaum erkennen kann.

Die Fallen des Illusionstheaters

Diese inszenatorischen Überlegungen gehen davon aus, dass sich die Zuschauer von der Geschichte verzaubern und mitnehmen lassen und jede logische Panne sie aus diesem Traum reißen würde. Doch gerade solch Illusionstheater stellt sich selbst desillusionierende Fallen. Wenn beim Auf und Ab die Türen knallen, wenn links Estrella und rechts Clotaldo am König zerren, wenn ein Blutüberströmter mit einem Seufzer verscheidet, sich sein nackter Bauch aber weiterhin hebt und senkt, ist das lächerlich und grenzt an Boulevard und Klamotte.

Auch die von Dramaturg Georg Holzer neu übersetzten reimlosen Verse erzeugen punktuell unfreiwillige Komik, weil der hohe Ton auch in unpassenden Momenten auf eine lässige Umgangssprache trifft. Dabei kann einem beim 1630 in Madrid uraufgeführten Stück das Lachen vergehen: ein junger Mann wird Opfer seines abergläubischen und experimentierfreudigen Vaters, eine junge Frau leidet unter der Feigheit ihres Erzeugers und ihres Liebhabers, die beide die Verantwortung scheuen. Mord, Vergewaltigung, Verrat – alle Protagonisten sind in Schuld verstrickt.

Eine späte Pointe

Die Frage, wie viel freien Willen der Mensch besitzt, ist ohnehin immer aktuell. Gegen Ende bricht Nerlich (er ist übrigens 28 Jahre alt) bewusst die Illusion und lässt die Rückwand des Palastes umfallen – in Zeitlupe und so verhalten, dass man es kaum registriert. Beeindruckend wie der Beginn ist erst wieder das Schlussbild: Nachdem Sigismund die entehrte Rosaura mit ihrem einstigen Geliebten Astolfo verkuppelt und sich selbst mit Estrella entschädigt hat, wendet er sich mit offenen Armen der Bühne zu, um sich mit den Besiegten und Vereinten zu versöhnen. Sie weichen vor der monströsen Geistesklarheit und Kälte zurück, die ihnen aus dem gewandelten Prinzen entgegenschlägt.

Das Happy End ist keines. Doch kommt diese spitze, klare Pointe zu spät, nachdem Nerlich "Das Leben ein Traum" zweieinhalb Stunden lang mit Samthandschuhen anfasste. Diese Schonung hat Calderóns "ernste Komödie" nicht verdient.

 

Das Leben ein Traum
von Pedro Calderón de la Barca, Deutsch von Georg Holzer
Regie: Alexander Nerlich, Bühne: Gisela Goerttler, Kostüme: Silvana Ciafardini, Musik: Rudolf Gregor Knabl. Mit: Oliver Nägele, Felix Rech, Dirk Ossig, Helmut Stange, Lisa Wagner, Anna Riedl, Stefan Wilkening, Dennis Herrmann, Martin, Liema, Eike Jon Ahrens.

www.bayerischesstaatsschauspiel.de

 

Kritikenrundschau

Eine Parabel, ein Märchen, ein "Bericht über ein hybrides Experiment mit der Moral an sich" sei Calderóns "Das Leben ein Traum", aber kein "psychologisch unterfüttertes, stringentes Drama", bemerkt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (17.12.2007). Alexander Nerlich aber inszeniere das Stück, "als wäre es mindestens von Hauptmann, wenn nicht gar von Strindberg" und raube ihm so das Inkommensurable. Immerhin gebe es an den Schauspielern wenig zu mäkeln, sie machten "sogar Spaß", wohingegen das Bühnenbild "erbärmlich uninspiriert" sei. Alles in allem erlebe man am Residenztheater "eine brav erzählte Calderón-Basisversion ..., auf deren Basis die Interpretation, der echte Umgang mit dem Stück, erst noch beginnen müsste und könnte".

Mit dem "so sperrigen, auf den ersten Blick kaum mehr spielbaren Brocken" "Das Leben ein Traum" gelinge Alexander Nerlich eine große Überraschung, meint Rolf May in der Münchner tz (17.12.2007): Er habe Calderón "aufs Wort genau gelesen, ernst genommen und in seiner Fragestellung an uns Heutige überprüft". Mit Psychologie sei dem Intrigenspiel des Stücks nicht beizukommen, deswegen lasse es der Regisseur auch "in all seiner klappernden Schroffheit stehen", breche aber "das Pathos immer wieder herunter ins Heutige".

Gabriella Lorenz zeigt sich in der Münchner AZ (17.12.2007) erfreut, dass Nerlichs Calderón-Inszenierung nur zwei Stunden dauere, denn sie langweile "trotz eines betont hitzigen Zugriffs dann doch mit plakativen und erstaunlich konventionellen Bildern". Der Regisseur habe zwar sehr gute Schauspieler, aber er verlange ihnen "nichts Besonderes" ab. Stattdessen würden Klischees bedient, die "eine neue Sicht aufs Stück" nicht vermittelten.

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