Der eigenwillige Charme gescheiterter Kommunikation

von Hannah Eßler

Berlin, 15. Mai 2013. Dienstag, 10 Uhr morgens, eine Doppelstunde Sozialkunde steht an. Das Klassenzimmer ist erwartungsgemäß leer, der Abend gestern steckt vielen noch in den Knochen. An der Tafel der Ausschnitt einer Landkarte, die Zu-Spät-Kommer drücken sich möglichst unauffällig an der Wand entlang, der Lehrer guckt verstimmt. Ich kauere in meinem Stuhl, die Knie angezogen. Vor mir meinen Notizblock, kaue ich an meinem Bleistift. Wie schnell man doch in alte Rollenmuster zurückfällt. Bleibt nur zu hoffen, dass ich den Schauspielern der ungarischen Produktion "Palinkantzaroi" etwas mehr Aufmerksamkeit schenken kann, als meinen ehemaligen Lehrern.

Sprach- und andere Verwirrungen

Im Laufe der Aufführung zeigt sich: Das ist gar nicht so einfach! Das Stück ist auf Ungarisch, die Übertitel Deutsch-Englisch, wobei der deutsche Text nur zur Hälfte sichtbar ist. Mein Blick springt also zwischen dem Bühnengeschehen (vor, hinter, um mich herum) und dem kleinen Bildschirm hin und her. Als wäre das nicht schon genug babylonische Verwirrung, geht es den Herren auf der Bühne nicht besser.

palinkantzaroi 280 christian-bocsiNationalklischee: Ungar mit Pfeil und Bogen Christian BocsiDas Geschehen: Treffen sich ein Rumäne und ein Zyprier in einem ungarischen Klassenzimmer. Springt einer der Ungarn plötzlich auf und ruft: "Ich bin einer von euch! Ich hab auch einen sechsten Finger!" – Was ist passiert? Palinkantzaroi, ein Koboldvolk, sind ins Klassenzimmer eingebrochen und suchen nun einen Ausweg, zurück in die Heimat! Sie nehmen den Lehrer als Geisel und weisen die Schüler an, per Facebook, Skype und Co. Kontakt zur Außenwelt aufzunehmen und Verstärkung aus der Heimat zu organisieren. Vor den Schultoren nämlich lauern die Tierfänger.

Der Kern des Stücks ist spannend: Alle drei stammen sie vom selben Blut, vom selben Volk, sprechen jedoch verschiedene Sprachen und stammen aus unterschiedlichen Ländern. Was also heißt Identität? Vereint uns unser Aussehen? Unsere Sprache? Unsre Geschichte? Keine Antwort darauf, dafür gibt es jede Menge Musical-Schmalz und Heimatsehnsucht, abgemildert durch Low-Budget-Trash: Die Ausstattung schreit nach Flohmarkt plus Gaffa-Tape, statt Feuersbrunst lodert das Streichholz, gesungen wird zu Konserve und E-Piano. Schade eigentlich, wenn man bedenkt, wie stark die traditionelle Musik in den drei Kulturen verwurzelt ist.

Schwierige Kooperation

Wie schon in der Geschichte nehmen auch die Kostüme Nationalklischees auf die Schippe: Der Rumäne tritt als schmuddeliger Kleinkrimineller auf, der sich bei einer herzzerreißenden Ode an die Heimat seiner Schlabberjacke und Strickmütze entledigt und plötzlich in Fliege und Weste dasteht. Der Zyprier trägt eine bestickte Toga. "I know I’m actually Greek, but my heart also follows Turkish songs' beats", trällert er von der verbindenden Macht der Musik. Der Ungar als letzter im Bunde steckt in typischer pompöser Tracht mit Armbrust, sein Pfeil allerdings ist geknickt. Eine Spitze gegen die kulturellen Einschnitte der Politik? Wie vieles im Stück und der Inszenierung ist auch hier nicht ganz klar, was ursprünglich beabsichtigt und was improvisierte Notlösung ist. Dennoch entwickelt das Stück Charme.

Was den Kobolden auf der Bühne noch gelingt, scheint im Entwicklungsprozess des Stücks schwieriger gewesen zu sein: Die Kooperation von Zypern und Ungarn verlief keineswegs reibungslos. Zwar arbeiteten die beiden Theater noch bei der Themenfindung und Stoffsammlung zusammen, bei der Stückentwicklung kamen sie jedoch auf keinen Nenner mehr. Woran das lag? Unter Anderem wohl daran, dass das Produktionsteam wechselte und Menschen mit dem Schreiben von Stücken beauftragt waren, an deren Entstehung und Planung sie nicht mitwirken konnten. Beim Publikumsgespräch lächelt der Regisseur leicht gequält: Es war sein erstes Musical, und, naja, eigentlich ist er kein großer Musical-Fan…  Was zeigt: Kommunikation, zumal grenzüberschreitende, kann ziemlich fragil sein.

 

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