Der kleinste gemeinsame Nenner

von Hannah Eßler

Berlin, 15. Mai 2013. Manchmal, da reicht ein Blick und alles ist klar. Eine kleine Geste, ein Lächeln, und schon versteht man sich. Aber manchmal, da muss es eben mehr sein, da müssen Worte her. Schon wird es kompliziert: Bereits eine Sprache steckt voller potenzieller Missverständnisse und Falltüren - bei mehreren wird's richtig verwirrend. Wer soll da noch durchblicken?

Erhalt der Vielfals vs. Austausch und Verständigung

Wir beim Young Europe Festival stehen täglich vor den Problemen, die die europäische Sprachenvielfalt mit sich bringt. Fallbeispiel: Was tun, wenn bei einem Publikumsgespräch die Dramaturgin nur Deutsch, der Regisseur nur Französisch und ein Teil des Publikums keine der beiden Sprachen spricht? Verknotete Hirnwindungen sind programmiert. Das Projekt "Young Europe" birgt in sich eine winzige Ungereimtheit: Wie sind die beiden Ziele kombinierbar, die Vielfalt der Sprachen zu erhalten und gleichzeitig Austausch und Verständigung zu ermöglichen?

Natürlich gibt es, was die internationale Verständigung angeht, ein paar sehr ambitionierte Projekte: Nach Griechisch in der Antike und Latein im Mittelalter ist Esperanto ein etwas jüngerer Versuch, eine Weltsprache einzuführen. Man ziehe die Wurzel aus germanischen, romanischen und slawischen Wörtern, addiere Griechisch und kürze durch unregelmäßige Verben und komplizierte grammatische Strukturen – fertig ist die wahrscheinlich erste Sprache, die auf dem Papier entstand. Obwohl dieses Kunstgebilde, von den Nazis verboten, von Stalin verhasst, jetzt eigentlichalle Voraussetzungen für ein fulminantes Comeback hätte, blieb es bislang im Konjunktiv stecken. Längst hat sich Englisch als neue Lingua franca und Allzweckskommunikationsmittel durchgesetzt. Doch was, wenn jemand mal kein Englisch spricht?

Bruch in der Wahrnehmung

Am Theater wird dem Problem der Sprachenvielfalt meist mit einer Behelfslösung aus dem Weg gegangen: Über- und Untertitel verunstalten das Bühnenbild und lenken vom Wesentlichen ab. Nach zwei Tagen Young Europe Festival habe ich eine Nackenstarre von den kleinen Projektionsflächen, die mir doch nur helfen sollen, die englisch-französisch-finnisch-ungarisch-griechisch-holländisch-deutschen Stücke zu verstehen. Leider sind Übertitel immer mit einem Bruch in der Wahrnehmung verbunden. Der Blick hetzt hin und her zwischen Monitor und Bühnengeschehen – am Ende hab ich das Stück nur halb gesehen und nur halb verstanden. Wenn dann noch die deutsche Version nur zur Hälfte und viel zu klein projiziert wird bzw. sie sich am linken Rand der Bühne befindet, sodass jeder Wechsel mit einer 180-Grad-Drehung des Kopfes verbunden ist, dann macht das Ganze schnell keinen Spaß mehr.

Heute, am dritten Tag des Festivals, wurde den Zuschauern eine überraschend konsequente Alternative geboten: Das deutsch-französische Produktionsteam von "Fragen Fragen- La vache et le commissaire" hat komplett auf eine englische Übersetzung verzichtet. "Das Theater ist eine eigene Sprache, die jeder versteht", erklärt der Regisseur (auf Französisch, freie Übersetzung der Autorin). Und wie ging's denjenigen, die beide Sprachen nicht sprechen? "Ich glaube, ich hab alles kapiert!", meint der Finne neben mir. Er sagt es auf Englisch. Sonst hätt ich ihn auch nicht verstanden.

 

Der Blog ist ein Kooperationsprojekt von nachtkritik.de und der European Theatre Convention im Rahmen des Young Europe Festivals. Seine Inhalte sind nicht Teil des redaktionellen Kontents von nachtkritik.de: Impressum.

 
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