Die Banalität des Deliriums

von Dorothea Marcus

Köln, 14. Dezember 2007. Auf einem Dachboden in New Jersey, so sagt eine neue Legende, wurde 2005 das einzige Theaterstück von Jack Kerouac gefunden, jenes mit 47 Jahren am Suff gestorbenen Autors, der mit "On the road" das Urexemplar aller Kultbücher für Rucksackreisende schuf.

Das Stück heißt "Beat Generation", ein Begriff, den Kerouac 1948 selbst erfand und ihn vor allen Dingen auf eine junge New Yorker Schriftsteller-Generation anwandte, die in einem ähnlich religiös aufgeladenen, wirren Bewusstseinsstrom schrieb wie er selbst – auch wenn manch einer zu Recht einwandte, dass ein paar Freunde namens Kerouac, Bourroughs, Ginsberg und Corso noch keine Generation ausmachen.

Und wer würde zu der Kölner Uraufführung dieses geheimnisvollen Werks besser passen als der große Säufer unter den Regisseuren, der legendäre Plattensammlungsbesitzer Jürgen Kruse, um den es in den letzten Jahren etwas still geworden ist? Wie weit er daran allerdings überhaupt beteiligt war, ist nicht sicher. Das Programmheft vermerkt ihn unter "Co-Regie", nennt aber keinen anderen Regisseur.

Chaos im Spielzeugland

Das Stück "Beat Generation" zeigt eine Gruppe von Freunden in einer Wohnung, die vielleicht auch der Knast ist, wie sie über Pferderennen und die Welt labern. Ja, labern, denn alles hört sich wie ein alkoholisches Delirium am Ende einer langen WG-Party an.

Schon beim Reinkommen wummern die Bässe. Die Bühne von Volker Hintermeier: ein Spielzeugland. Es herrscht pittoreskes Chaos aus Riesenschädeln, Plastikhai, einem sich manchmal in Bewegung setzenden Jahrmarktspferd, Schreibmaschinen, Bücher, Flaschen, Klaviere, Masken zwischen zwei Säulen, auf denen die Zahlen 1959 und 2007 stehen – tja, soviel Zeit ist vergangen.

Hinten sieht man zudem auf leuchtender Fototapete die Zwillingstürme, die gebaut wurden, als Kerouac schon lange tot war. Und vorn verschwimmt der Blick der Zuschauer durch einen Gazevorhang – wahrscheinlich ist es auch besser, dass man nicht alles so scharf sieht.

Drogen, Frauen, Langeweile ...

In Kapitänsuniformen sitzen die coolen Jungs Patrick Gusset, Paul Fassnacht, Lucas Gregorowicz am Tisch, rauchen und labern lethargisch ihr Endzeitgewäsch. Sie posieren als müde Drogenkrieger, kalauern ("Goethe spielt Flöte, Schiller auf seinem Piller") oder philosophieren, wie man es eben auf Drogen tut ("Alles, was du sein musst, ist eine Wolke", oder: "In neun von zehn Fällen trennen sich die Astralleiber"); und meist kann man das eine nicht vom anderen unterscheiden.

Um sie herum tanzen Frauen in kurzen schwarzen Kleidern, Mischungen aus 50er-Jahre-Pin-Up und Amy Winehouse-Look, massieren die Männer, reichen Whisky, gucken lasziv und warten, bis sie wieder beachtet werden. Einer wird irgendwann langweilig, weshalb sie beginnt, ein Buch zu lesen, ohne dass man weiß, ob es dazugehört.

Oder soll man das nicht wissen? Schließlich bleiben die Schauspieler ständig im Text hängen, der in seiner Sinnarmut auch wirklich nicht einfach ist. Aber zum Glück ist der Souffleur mit auf der Bühne; dann wird ein bisschen gelacht. Hauptsache, die Jungs haben Spaß.

... und schöne Songs

Zu solchem Spaß tragen auch zwei blonde Glitzertussis bei, die in Miniröcken und Highheels über die Bühne stolpern. Warum? Wie gesagt: man weiß es nicht. Selbst der Übersetzer Andreas Marber hat offenbar nicht alles verstanden und in vielen Anmerkungen des 143-Seiten-Stücks seine Auslassungen gekennzeichnet. Dem Zuschauer werden die dreieinhalb Stunden deshalb allenfalls erträglich, wenn er sie konsequent als Gelegenheit betrachtet, exquisite Songs von Joe Strummer und Patti Smith wiederzuhören.

In der zweiten Hälfte des Abends sind dann alle gealtert und humpeln mit graubestäubtem Haar über die Bühne. "Worüber reden wir, Jungs?", fragt einer, "um die innerste Form zu erhaschen", sagt ein anderer. Das ist einer der schönsten Sätze. Leider trifft er auf die Inszenierung nicht zu: Hier erhascht niemand etwas. Auch nicht die Witzfigur von Bischof (Martin Reinke), der samt zweier würdevoller Begleiterinnen mit glitzernden Hüten hereinkommt und sich mal eben aufs Sofa setzt. Das pseudoreligiöse, gestelzte Getöse wird auf die Spitze getrieben, und die Zuschauer johlen.

Lustig, oder?

Sind es Schritte oder Stufen, in denen das Leben voranschreitet? Ist die Welt heilig? Braucht es die Hingabe lebendigen Fleisches? (Donnernd kracht das Haifischmaul zu). Falsch gestellte, blödsinnige Fragen. Am schönsten ist es darum, wenn die Musik läuft oder alle still schweigen und eine ruhige Komplizenhaft zwischen den ansonsten unerträglich selbstbezogenen Schauspielern aufscheint.

Es gibt einen kurzen Dialog, der die Banalität dieser Veranstaltung bestens verdeutlicht: "Wie fandst du's heute abend, Irvin?" – "Weiß nicht, glaub, es ist egal, war lustig, glaub ich." – "Lustiger Bischof, häh?". Das bringt die Lustlosigkeit und peinliche Kalauerhaftigkeit des Abends auf den Punkt.

Muss man so etwas wirklich aufführen? Diese völlige Vermeidung von interessierenden Themen? Dabei könnte man sich ja durchaus fragen, wohin das führt, wenn man in einer Küche sitzt, trinkt und die Zeit verschwendet. Doch nichts wird gefragt oder gezeigt im Getöse der Effekte und Musik. Besser, dieses Stück wäre auf dem Dachboden geblieben.

Beat Generation
von Jack Kerouac, aus dem Amerikanischen von Andreas Marber
Regie: Jürgen Kruse, Bühne: Volker Hintermeier, Dramaturgie: Jan Hein, Kostüme: Sebastian Ellrich. Mit: Simon Eckert, Lucas Gregorowicz, Patrick Gusset, Jan-Peter Kampwirth, Lucia Peraza Rios, Paul Faßnacht, Martin Reinke, Laura Sundermann.

www.schauspielkoeln.de


Kritikenrundschau

Für Andreas Wilink, der in der Welt (16.12.2007) schreibt, ist Jürgen Kruse der "Schmerzensmann des deutschen Theaters". Unverkennbar Herrn Wilinks Sympathie für einen "der wichtigsten deutschen Theater-Regisseure". Warum wichtig? Weil seine Aufführungen "das Blues-Gefühl" wecken, "Rock'n'Roll" sind, "schwarze Messen". Wilink Originalton: "Der Puls verändert sich, der Kopf ist in den Wolken. Kruse verabreicht eine Art Droge. Manchmal geraten Bühne und Publikum gemeinsam in Trance. Manchmal bleibt die Wirkung aus, man schaut bloß zu, ohne emotionale Beteiligung." Das Gewebe von Konzentration und Entspanntheit, Hysterie und Hypnose, Wildheit und Trotz mache ihm keiner nach. Kruses Bühnen-Happenings "mit ihrem Musiksound und ihrer bannenden Atmosphäre" glichen "stillen Revolten". Dabei sei Kruse weniger Revoluzzer als ein eigenbrötlerischer "großer Sentimentaler", der das Stadttheater-System als "letzten Vorposten der freien Welt" verteidige. Die Inszenierung von Beat Generation fertigt Herr Wilink indes kurz angebunden ab: "Der oft doppel- und mehrdeutige Text funktioniert wie eine Jazz-Improvisation. Alles verbindet sich zu Assoziations-Ketten, löst sich auf in Melodie und Rhythmus. Auf die Magie des Moments kommt es an: beim Wetten, in der Liebe, auf der Bühne."

"Eine langwierige Übung im Entschlüsseln popkultureller Zeichen" sei die Kölner Uraufführungsinszenierung von Jack Kerouacs "Beat Generation", meint Sandra Nuy in der Kölnischen Rundschau (17.12.2007). Das Stück spiele "in einer Jungs-Welt mit Pferdewetten, Saufen, Schießen und dem Drang sich mitzuteilen", der Text sei "nicht nachzuerzählen und nicht in einzelne Bestandteile zerlegbar". Ob er "aber auf eine Bühen gehört, muss nach der Uraufführung ... angezweifelt werden." Denn: "Musikhören, Rumsitzen und Trinken. So war das bei den Partys, früher. Aber muss man, um sich daran zu erinnern, wirklich ins Theater gehen?"

Im Kölner Stadt-Anzeiger (17.12.2007) konstatiert Peter Backof das Zusammenfallen von Inhalt und Wirkung des Kerouac-Textes: "Ein Theaterstück, das Ratlosigkeit abbildet und auch als Eindruck hinterlässt." Stück und Inszenierung nähmen "das Publikum nicht an die Hand, geschweige denn wollen sie unterhalten. Vielmehr scheint hier ein literarischer Text selbst auf der Suche nach möglichen Formen des Theaters zu sein." Dieser Text gebe zudem Rätsel auf, sei wohl auch unübersetzbar. Kerouac habe "beim Schreiben ein akustisches Bild im Ohr" gehabt. Immerhin übertrage die Kölner Inszenierung "diese flirrende Musikalität ... ins Visuelle: Das Spiel findet hinter einem Fliegenvorhang statt."

Ein begeisterte Stimme meldet sich doch noch. In der FR (19.12.2007) schreibt Stefan Keim: "Was entsteht, sei eine Zumutung für jeden Theaterzuschauer mit konventionellen Erwartungen und ein Glück für alle, die im Theater Atmosphäre, Wärme und heitere Todesverliebtheit suchen". Es gehe um "Freundschaft", um die "Schwierigkeit, sich und andere zu ertragen". Das sei Theater "jenseits von Linearität und Geschichte, aufgeladen mit Zitaten und Verweisen, ironisch und kalauernd, mit plötzlich aufbrechenden großen Emotionen". Man müsse länger hinschauen, "dann entfaltet das ausgezeichnete Ensemble" einen "Reichtum an Stimmungen", schreibt Keim. Und: "Kruses sinnliches, assoziatives, die Grenzen der Logik völlig missachtendes Bildermusiktheater hat gefehlt. Wie sehr, das zeigt die Uraufführung von Kerouacs 'Beat Generation'."

In der Süddeutschen Zeitung (22.12.2007) fasst es Vasco Boenisch noch einmal zusammen: "Der Name Kerouac zieht immer noch", es erstaune, dass die ersten sechs Vorstellungen schon vor der Premiere ausverkauft seien, am "Stück allein kann es jedenfalls nicht" liegen. "Beat Generation" habe so Boenisch, weder "eine nachvollziehbare Handlung", noch "verständliche Dialoge, klare Charaktere, spannende Situationen." Und der "Stream of Conciousness der Beat-Autoren taugt nicht für die Bühne." Es gehe "mäandernd, frotzelnd, grübelnd" um" Geld, Sex und Glauben. Jürgen Kruse mache daraus "eine lange Nacht der melancholischen Lebensfreude." Jedenfalls bis zur Pause. "Danach kippt die Nonchalance, jeder Wortwitz wird ausgewalzt." Der Abend habe "vor allem archäologische Verdienste" in der "opulenten Rekonstruktion" eines Lebensgefühls. "Zu mehr", heißt es am Schluss, "ist diese 'erschöpfte Generation' nicht zu bewegen."

 


 
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