Der Vorhang zu

von Hannah Eßler

Berlin, 17. Mai 2013. Es ist kurz nach zwei Uhr morgens. Haltestelle Frankfurter Tor. Die Straßenbahn kommt nicht. Nachtbus verspätet, Anschluss verpasst, nächste Verbindung in 30 Minuten. Zeit, um die letzten Tage einmal Revue passieren zu lassen. Das Young Europe Festival 2 ist mit der letzten Vorstellung von Eg - Ick, Ich, I und einer abschließenden Gesprächsrunde zu Ende gegangen. Wir Blogger haben unser Übergangsbüro geräumt, eine Gruppe nach der anderen verabschiedete sich, zum Schluss liegt der Hof der Parkaue etwas verlassen dar. Vorbei. Was habe ich mitgenommen von dieser eindrucksreichen Woche? Sieben Bleistifte, sechs eingerissene Theaterkarten, fünf vierfach überarbeitete Artikel, einen Mix aus drei Sprachen im Kopf, gefühlte zwei Wochen Schlafdefizit und unzählige Bilder und Eindrücke. Was habe ich gelernt? Eine chronologische  Zusammenfassung:

Montag. Vertraue niemals den Fluggesellschaften! Auf Grund der Verspätung der Schirmherrin Doris Pack startet das Festival mit einer Stunde Verspätung. Ein Trost: den Protagonisten des ersten Stücks, der deutschen Version von 15.15 geht es nicht besser. Sie warten auf den 20-er Bus, der einfach nicht kommt, während um sie herum das Chaos ausbricht.

Dienstag früh merke ich, dass eine Doppelstunde Sozialkunde durchaus Spaß machen kann, zumindest wenn sie von einer multikulturellen Koboldtruppe gestürmt werden, die singend, tanzend und streitend den Notausgang sucht. Später erlebe ich staunend, was ein Staatstheater stemmt, wenn es weder finanzielle Mittel noch ausreichend Probenzeit hat: ein aufwändig durchchoreographiertes Musical mit detailliertem Bühnenbild. Für dieses haben die Macher von "Kali-Kantzar & Co." ganz nach in der Manier der Kobolde den Fundus geplündert und recycelt, was das Zeug hält. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. An dieser Stelle noch ein nützlicher Tipp: Liebe potenzielle Zuschauer, beachten Sie beim Besuch von internationalen Festivals bei Ihrer Stuhlwahl im Theater stets die Platzierung der Über-/Untertitelbildschirme. Andernfalls sind Nackenschmerzen, Verwirrung und eine leichte Genervtheit garantiert.

Mittwoch bringt eine deutsch-französische Koproduktion und mit ihr einen Ritt durch die Geschichte Europas: Eine schöne, junge Frau, die in ihrer Jugend entführt und vergewaltigt wurde. Das Trauma, das sie dadurch davon trug - damals gab’s ja noch keine Psychologen - wurde durch diverse Kriege verschlimmert. Grade befindet sie sich in der kritischen Spätpubertät und schlägt sich mit der Frage herum wie: Wer bin ich eigentlich? Und wenn ja, wie viele? Ein Trost: Viele Menschen versuchen, ihr bei der Antwort behilflich zu sein. Im Anschluss an das Stück erfahre ich, dass die Verbindung von Karlsruhe nach Straßburg kürzer ist als mein täglicher Weg in die Uni. Gemeinheit.

Nachmittags lerne ich beim Talent Campus Workshop, was "Sommersprossen" in fünf verschiedenen Sprachen heißt. Beim abendlichen Bootstrip auf der Spree herrscht gelöste Stimmung. Das Essen ist mäßig, die Musik unter Deck gewöhnungsbedürftig, dafür schmeckt der Wein mit der lauen Abendluft oben umso mehr. Aber nicht vergessen: Mind the bridge in front of you!

Donnerstag, das Finale, und gleich gibt's eine Überraschung: Auch Männer können enge Strumpfhosen tragen und dabei gut aussehen! Allerdings sind auch sie nicht vor dem ärgerlichen Runterrutsch-Phänomen gefeit. Beruhigend. Viel zu schnell ist das letzte Stück vorbei, der Applaus verklungen, Blumen überreicht und die Gläser geleert. Jetzt sitz ich also hier an der Haltestelle. Und diesen letzten Punkt, den wusste ich eigentlich schon vorher: Vertraue niemals der BVG! Laut deren App sitze ich schon seit einer Viertelstunde zu Hause.

 

Der Blog ist ein Kooperationsprojekt von nachtkritik.de und der European Theatre Convention im Rahmen des Young Europe Festivals. Seine Inhalte sind nicht Teil des redaktionellen Kontents von nachtkritik.de: Impressum.

 
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