Jahrmarktzeit am Rhein

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 18. Mai 2013. Seltsamer Abend in Düsseldorf. Nachmittags ist die Fortuna abgestiegen, nach einem total unwahrscheinlichen Sieg des Retortenclubs Hoffenheim in Dortmund. Ob einen das interessiert oder nicht: Es hat mit dieser Aufführung von "Kasimir und Karoline" zu tun, die der Regisseur Nurkan Erpulat vom Münchner Oktoberfest auf die Rheinauen verlegt hat, wo jedes Jahr im Juli "die größte Kirmes am Rhein" stattfindet, mit deren Aufbau schon jetzt begonnen wird.  

Die Stimmung ist unterschwellig angespannt; das Düsseldorfer "neue starke Selbstbewusstsein", das Erpulat im Programmheft beschwört, von dem er sagt, dass es ihm unheimlich sei, ist nicht zu verspüren – "im Gegenteil", wie Horváth sagen würde.

Chiffren, Signale, Lakonie

Und dann dieser Horváth ohne Horváth, der die Seltsamkeit ins Allerseltsamste potenziert. Die Autorin Marianna Salzmann hat das Stück generalsaniert, das heißt komplett entkernt und mit Dialogen gefüllt, die die Fabel um den arbeitslos gewordenen Kasimir und seine auf Abwege geratende Karoline ins Heutige verlegen – mit großen Verlusten und geringen Gewinnen (Vokabeln wie "Quote", "Übergriff" usw.)

Ist dies eigentlich eine Produktion für Jugendliche, wie ursprünglich angekündigt? Im Programmheft ist davon keine Rede. Aber selbst, wenn es so sein sollte: Auch ein junges Publikum benötigt solche Aktualisierungskrücken nicht, um die Relevanz und die Brisanz des in der Vorkriegszeit spielenden Textes zu bemerken. Die hängt nicht an irgendwelchen Chiffren oder Signalwörtern. Was Horváth ausmacht, ist die unvergleichliche Lakonie und die dadurch erzeugte Poesie seiner Dialoge. Und genau die wurden aus dieser Aufführung herausoperiert und durch mattere ersetzt. Der eröffnende Monolog des von Rainer Galke gespielten Unternehmers Konrad Rauch, der hier der Chef einer Fluggesellschaft ist und als solcher seltsamerweise die Kirmes eröffnet, wird zwar munter belacht, aber diese Form des satirischen Düsseldorf-Bashings hat man nun schon allzu oft erlebt – auch in Arbeiten von Erpulat ("Worringer Schlachten").

Im Hier und Jetzt

Es ist schon klar: Diesem Regisseur geht es um deutliche aktuelle Bezüge und weniger um die poetischen Qualitäten eines womöglich schon etwas älteren Textes. Was auch immer mit Atmosphäre, mit Psychologie, aber auch mit einer subtileren Form der Schauspielerregie zu tun hat, interessiert Erpulat kaum.

kasimir002 ensemble 560 sebastianhoppe uKleine Brandreden: "Kasimir und Karoline" © Sebastian Hoppe

Deswegen ist die Schauspielerei an diesem Abend so unprägnant – auch bei den Protagonisten wie Till Wonka (Kasimir), Mareike Beykirch (Karoline) oder Marian Kindermann (Schürzinger – hier kein Zuschneider, sondern Marketing-Mitarbeiter der Fluggesellschaft). Schauspielerischer Höhepunkt ist eine mäßig lustige Hamlet-Parodie, die – warum auch immer – die Abnormitätenshow ersetzt. Die Bühne von Magda Willi zeigt allerlei Kirmeszeug und vor allem eine Unmenge von Bierbänken und –tischen, die erst dann suggestive Kraft ausstrahlen, wenn sie einmal, gegen Schluss, auf sonst blanker Drehbühne sich eine oder zwei Minuten lang sinnlos im Kreis drehen – ein Symbol der Leere.

Anarchisches Herz

Was Nurkan Erpulat wirklich interessiert, ist die Anarchie – sind die Risse, die Brüche, die dramaturgischen Löcher im kompletten Ganzen. Deshalb sind an diesem Abend seltsamerweise die überflüssigen Szenen die besten. Und der einzige Schauspieler, der ganz auf der Höhe ist, heißt Taner Sahintürk und spielt den "Merkl Franz" (er sollte hier freilich anders heißen). Schon seine Wutrede über Chinesen vorm Eisernem Vorhang (auch textlich die gelungenste Passage) hat Furor.

Dann geht das Saallicht an, Sahintürk oder Merkl Franz, spürbar als Alter Ego des türkischen Regisseurs, steigt zu uns herab, fragt Leute in den vorderen Reihen, wie sie den Abend finden, was ihre Tickets gekostet haben (meistens nichts: Ehrengäste), fragt einen in der ersten Reihe sitzenden Anwalt, was er verdient (sagt der nicht), verrät beiläufig, was er selbst verdient (3600 Euro brutto) – und kokettiert mächtig mit seiner Außenseiterrolle im Kulturbetrieb, wobei er auch zugibt, dass sie eigentlich schon keine Außenseiterrolle mehr ist, weil Migranten auf den Bühnen inzwischen ja durchaus gefragt sind. Jetzt wird es endlich lebendig im Düsseldorfer Schauspielhaus, denn das bis dato eher mäßig amüsierte Publikum ist auf einmal um eine Reaktion gebeten. Und sie tritt ein. Man erwartet im Grunde Rudelbildung, Schlägereien, rote Karten. Aber knapp vor der wirklichen Eskalation bricht der Schauspieler ab, kehrt auf die Bühne zurück, und das Stück trudelt tatsächlich noch seinem erwartbaren Ende entgegen.

Kasimir und Karoline
frei nach Ödön von Horváth von Marianna Salzmann
Regie: Nurkan Erpulat, Bühne: Magda Willi, Kostüme: Maria Roers, Musikalische Leitung: Tobias Schwencke, Licht: Christian Schmidt, Dramaturgie: Daniel Richter.
Mit: Mareike Beykirch, Till Wonka, Stefanie Rösner, Taner Sahintürk, Marian Kindermann, Daniel Fries, Rainer Galke, Christian Ehrich, Patrizia Wapinska, Johanna Reinders, Dirk Ossig und einem Volkschor.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, ohne Pause.

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de

 


Kritikenrundschau

Auf dem Onlineportal DerWesten der WAZ-Gruppe (21.5.2013) stellt Ulrike Merten fest: "Was Neu-Übersetzerin Marianna Salzmann und Regisseur Nurkan Erpulat dem 1932 entlarvenden Stimmungs-Seismographen Ödön von Horváth da an heutigem Sprengstoff abgelauscht haben, trifft den Nerv." Auch wenn von Horváths Sprache nur Bruchstücke übrig geblieben seien, sei die Inszenierung besonders für Menschen ab 16 sehenswert.

"Es hat ein bisschen was von 'Hau den Düsseldorfer', wie Erpulat die Geschichte des arbeitslosen Kasimir und seiner Verlobten Karoline auf die Rheinkirmes verlegt", so Marion Troja in der Westdeutschen Zeitung (20.5.2013). Neben lokalen Anspielungen, klischeehafte Zeichnungen, und der "wenig originell ausgestattete Bühne" stünden Kasimier und Karoline nur in zweiter Reihe. "Statt mit dem Holzhammer draufzudreschen, hätte Erpulat mit Kasimir und Karoline selbst stärker berühren können."

 
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