Die unerforschliche Kraft der Spielkunst

20./21. Mai 2013. Matthias Heine veröffentlicht auf Welt Online seine Abschlussbilanz des Theatertreffens (20.5.2013, 13:05 Uhr): Der Kritiker hat eine große, ungestillte Sehnsucht nach "geschichtlichen Konflikten und Figuren" auf der Bühne.

Wenn Napoleon schon einmal auftrete, wie Jana Zöll in Sebastian Hartmanns "Krieg und Frieden", dann nur "verfremdet". Aber schon, schreibt Matthias Heine weiter, weil Hartmann es überhaupt gewagt habe, "Historie im Theater zu vergegenwärtigen", brauche Deutschland "diesen letzten Bühnenirren".

In Elfriede Jelineks Gegenwartsstück "Die Straße. Die Stadt. Der Überfall" habe man entdecken können, dass sowohl Jelinek als auch die Schauspielerin Sandra Hüller "so richtig offensiv komisch sein können". Aber obschon Jelinek hin und wieder in ihren Stücken das Fenster zur Geschichte aufstoße, sei ihr Stück diesmal: Gegenwartstheater.

Dabei gäbe es durchaus unter Regisseuren und Dramaturgen eine verbeitete Sehnsucht nach Geschichte. Davon zeugten die Karrieren, die Hans Falladas Romane zuletzt auf der Bühne gemacht hätten. Angesichts Luk Percevals Inszenierung von "Jeder stirbt für sich allein" fällt Heine ein, dass wohl niemand je gedacht hätte, "man werde auf einem deutschen Theaterfestival noch einmal dankbar sein für die Erinnerung, dass einmal Nazis gegeben hat".

Geschichtslos auch im Formalen seien viele der übrigen Inszenierungen gewesen. Thalheimers "Medea", Jerôme Bels "Disabled Theatre", Katie Mitchells "Reise durch die Nacht" und Herbert Fritschs "famos virtuoses" "Murmel Murmel "hätten genauso gut zum Theatertreffen 2003 oder 2023 eingeladen werden können".

Der "Diktatur des Gegenwärtigen – oder schlimmer noch: des Zeitlosen" hätten sich allein die alten Texte widersetzt. Die "Mischung aus Rassismus und verlogener Geilheit", die Tennessee Williams in "Orpheus steigt herab" beschreibe, "verteidigt ihren Platz klar im amerikanischen Süden der Fünfzigerjahre" gegen alle Aktualisierungen. Medeas Blutrausch sei so "durch und durch faszinierend vorzivilisatorisch", dass sie sich "jeder Vereinnahmung durch feministisches Denken" widersetze. Und Frau John aus den "Ratten" sei schon durch das "wunderbare Kunst-Berlinerisch", das ihr Hauptmann in den Mund gelegt habe, davor geschützt, zur "Putzfrauentragödie" zurechtgestutzt zu werden.

"Das gefräßige Heute verschluckt sich an ihnen allen."

"Im letzten Jahr gab es (…) Positionen nicht zu besichtigen, sondern zu erleben. In diesem Jahr war alles normaler, unaufgeregter, konfektioneller", schreibt Andreas Schäfer im Tagesspiegel (21.5.2013). Die Auswahl sei Sache der Jury, aber es frage sich, warum die Institution selbst sich so zaghaft präsentiert. "Die üppigste Theaterlandschaft der Welt, ein großartiges Festival, das seinesgleichen sucht – und dann macht man sich klein und huscht auf Turnschuhen durch diese Jubiläumsausgabe, als wolle man sie bloß schnell hinter sich bringen." Nichts symbolisiere diese krampfige Lockerheit so sehr wie der würdelose Riesenstempel, der jedem eingeladenen Regisseur nach der Premiere überreicht wird – als Zeichen, dass die Inszenierung als theatertreffentauglich abgestempelt wurde. "Wo sind wir denn? In der Theaterhäschenschule? In der Inszenierungseinwanderungsbehörde?"

"Weil das Theatertreffen als Leistungsschau genommen wird, sind die einzelnen Inszenierungen dem Wettbewerb untereinander ausgesetzt", erklärt Dirk Pilz in der Neuen Zürcher Zeitung (21.5.2013). "So kommt es, dass das Festival von den grossen, reichen Bühnen dominiert wird – eine Inszenierung aus, zum Beispiel, Solothurn oder Stendal hielte dem Vergleich kaum stand, auch wenn sie für die jeweilige Stadt bemerkenswert relevant sein mag." Der staunens- und unbedingt erhaltenswerte Reichtum der deutschsprachigen Theaterlandschaft werde durch das Theatertreffen eben gerade nicht abgebildet. "Das bleibt der Stachel im fetten Fleisch dieses Festivals." Die Vielfalt der beim Theatertreffen präsentierten Theaterformen sei aber besonders in den letzten zehn Jahren enorm gewachsen. "Dass freie Gruppen, Dokumentar- oder Performancetheater eingeladen werden, bedarf keiner eigenen Rechtfertigung mehr." In der Zusammenschau der zehn Inszenierungen ist dem Bilanzierer aufgefallen, "dass die zum Theatertreffen geladenen Bühnen einer Überbietungslogik zu folgen scheinen". "Noch virtuoser! Noch aufwendiger! Noch überrumpelnder!", scheine die Devise zu sein. "Fast alle Abende trugen laut ein 'Seht mich an!' vor sich her." Sie protzten mit filmischen Finessen (wie bei Mitchell), angeberischer Zitatdichte (wie bei Baumgarten) oder aufgesetzt wirkender Theaterselbstbespiegelung (wie bei Henkel). "Dabei scheinen sie jedoch nur zu bestätigen, dass auch zeitgenössische Bühnenmittel keine Gegenwärtigkeit garantieren." Grösse hätten die geladenen Inszenierungen jedenfalls dann erlangt, wenn sie auf die unerforschlichen Kräfte der Spielkunst setzten. "Michael Thalheimers Frankfurter 'Medea' mit Constanze Becker in der Hauptrolle oder Herbert Fritschs dadaistischer Abend 'Murmel, Murmel' von der Berliner Volksbühne bestachen gerade durch ihr Urvertrauen auf das Vermögen des Schau-Spiels". Die Hauptpersonen des diesjährigen Theatertreffen, so das Fazit, seien denn auch die Schauspieler gewesen, nicht die Regisseure.

In der taz (21.5.2013) kommentiert Katrin Bettina Müller zum Abschluss des Theatertreffens die Verleihung des Alfred-Kerr-Preises an Julia Häusermann aus dem "Disabled Theater"-Ensemble: "Für die Theaterwelt ist die Verleihung des Kerr-Preises an Häusermann auch ein Signal: Es tut gut, die eingeübten Routinen zu verlassen und die Geschlossenheit der eigenen Welt von außen zu betrachten. Die Kunst gewinnt bei solcher Reflexion eigentlich fast immer."

 

Die unerforschliche Kraft der Spielkunst

20./21. Mai 2013. Matthias Heine veröffentlicht auf Welt Online seine Abschlussbilanz des Theatertreffens (20.5.2013, 13:05 Uhr): Der Kritiker hat eine große, ungestillte Sehnsucht nach "geschichtlichen Konflikten und Figuren" auf der Bühne.

Wenn Napoleon schon einmal auftrete, wie Jana Zöll in Sebastian Hartmanns "Krieg und Frieden", dann nur "verfremdet". Aber schon, schreibt Matthias Heine weiter, weil Hartmann es überhaupt gewagt habe, "Historie im Theater zu vergegenwärtigen", brauche Deutschland "diesen letzten Bühnenirren".

In Elfriede Jelineks Gegenwartsstück "Die Straße. Die Stadt. Der Überfall" habe man entdecken können, dass sowohl Jelinek als auch die Schauspielerin Sandra Hüller "so richtig offensiv komisch sein können". Aber obschon Jelinek hin und wieder in ihren Stücken das Fenster zur Geschichte aufstoße, sei ihr Stück diesmal: Gegenwartstheater.

Dabei gäbe es durchaus unter Regisseuren und Dramaturgen eine verbeitete Sehnsucht nach Geschichte. Davon zeugten die Karrieren, die Hans Falladas Romane zuletzt auf der Bühne gemacht hätten. Angesichts Luk Percevals Inszenierung von "Jeder stirbt für sich allein" fällt Heine ein, dass wohl niemand je gedacht hätte, "man werde auf einem deutschen Theaterfestival noch einmal dankbar sein für die Erinnerung, dass einmal Nazis gegeben hat".

Geschichtslos auch im Formalen seien viele der übrigen Inszenierungen gewesen. Thalheimers "Medea", Jerôme Bels "Disabled Theatre", Katie Mitchells "Reise durch die Nacht" und Herbert Fritschs "famos virtuoses" "Murmel Murmel "hätten genauso gut zum Theatertreffen 2003 oder 2023 eingeladen werden können".

Der "Diktatur des Gegenwärtigen – oder schlimmer noch: des Zeitlosen" hätten sich allein die alten Texte widersetzt. Die "Mischung aus Rassismus und verlogener Geilheit", die Tennessee Williams in "Orpheus steigt herab" beschreibe, "verteidigt ihren Platz klar im amerikanischen Süden der Fünfzigerjahre" gegen alle Aktualisierungen. Medeas Blutrausch sei so "durch und durch faszinierend vorzivilisatorisch", dass sie sich "jeder Vereinnahmung durch feministisches Denken" widersetze. Und Frau John aus den "Ratten" sei schon durch das "wunderbare Kunst-Berlinerisch", das ihr Hauptmann in den Mund gelegt habe, davor geschützt, zur "Putzfrauentragödie" zurechtgestutzt zu werden.

"Das gefräßige Heute verschluckt sich an ihnen allen."

"Im letzten Jahr gab es (…) Positionen nicht zu besichtigen, sondern zu erleben. In diesem Jahr war alles normaler, unaufgeregter, konfektioneller", schreibt Andreas Schäfer im Tagesspiegel (21.5.2013). Die Auswahl sei Sache der Jury, aber es frage sich, warum die Institution selbst sich so zaghaft präsentiert. "Die üppigste Theaterlandschaft der Welt, ein großartiges Festival, das seinesgleichen sucht – und dann macht man sich klein und huscht auf Turnschuhen durch diese Jubiläumsausgabe, als wolle man sie bloß schnell hinter sich bringen." Nichts symbolisiere diese krampfige Lockerheit so sehr wie der würdelose Riesenstempel, der jedem eingeladenen Regisseur nach der Premiere überreicht wird – als Zeichen, dass die Inszenierung als theatertreffentauglich abgestempelt wurde. "Wo sind wir denn? In der Theaterhäschenschule? In der Inszenierungseinwanderungsbehörde?"

"Weil das Theatertreffen als Leistungsschau genommen wird, sind die einzelnen Inszenierungen dem Wettbewerb untereinander ausgesetzt", erklärt Dirk Pilz in der Neuen Zürcher Zeitung (21.5.2013). "So kommt es, dass das Festival von den grossen, reichen Bühnen dominiert wird – eine Inszenierung aus, zum Beispiel, Solothurn oder Stendal hielte dem Vergleich kaum stand, auch wenn sie für die jeweilige Stadt bemerkenswert relevant sein mag." Der staunens- und unbedingt erhaltenswerte Reichtum der deutschsprachigen Theaterlandschaft werde durch das Theatertreffen eben gerade nicht abgebildet. "Das bleibt der Stachel im fetten Fleisch dieses Festivals." Die Vielfalt der beim Theatertreffen präsentierten Theaterformen sei aber besonders in den letzten zehn Jahren enorm gewachsen. "Dass freie Gruppen, Dokumentar- oder Performancetheater eingeladen werden, bedarf keiner eigenen Rechtfertigung mehr." In der Zusammenschau der zehn Inszenierungen ist dem Bilanzierer aufgefallen, "dass die zum Theatertreffen geladenen Bühnen einer Überbietungslogik zu folgen scheinen". "Noch virtuoser! Noch aufwendiger! Noch überrumpelnder!", scheine die Devise zu sein. "Fast alle Abende trugen laut ein 'Seht mich an!' vor sich her." Sie protzten mit filmischen Finessen (wie bei Mitchell), angeberischer Zitatdichte (wie bei Baumgarten) oder aufgesetzt wirkender Theaterselbstbespiegelung (wie bei Henkel). "Dabei scheinen sie jedoch nur zu bestätigen, dass auch zeitgenössische Bühnenmittel keine Gegenwärtigkeit garantieren." Grösse hätten die geladenen Inszenierungen jedenfalls dann erlangt, wenn sie auf die unerforschlichen Kräfte der Spielkunst setzten. "Michael Thalheimers Frankfurter 'Medea' mit Constanze Becker in der Hauptrolle oder Herbert Fritschs dadaistischer Abend 'Murmel, Murmel' von der Berliner Volksbühne bestachen gerade durch ihr Urvertrauen auf das Vermögen des Schau-Spiels". Die Hauptpersonen des diesjährigen Theatertreffen, so das Fazit, seien denn auch die Schauspieler gewesen, nicht die Regisseure.

In der taz (21.5.2013) kommentiert Katrin Bettina Müller zum Abschluss des Theatertreffens die Verleihung des Alfred-Kerr-Preises an Julia Häusermann aus dem "Disabled Theater"-Ensemble: "Für die Theaterwelt ist die Verleihung des Kerr-Preises an Häusermann auch ein Signal: Es tut gut, die eingeübten Routinen zu verlassen und die Geschlossenheit der eigenen Welt von außen zu betrachten. Die Kunst gewinnt bei solcher Reflexion eigentlich fast immer."

 

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