Abseits vorgegebener Pfade

von Martin Thomas Pesl

Wien, 22. Mai 2013. Die Sonne scheint, es ist kurz vor sechs. Die Premiere von Schorsch Kameruns Produktion "Agora I" steht an, aber der Künstler plaudert entspannt im Garten der Secession, dem Festivalzentrum der Wiener Festwochen. An der Abendkassa ist noch nicht genau bekannt, wo das Publikum gleich eingelassen wird, aber es werden Kopfhörer ausgegeben. Es fühlt sich nicht so recht nach Premiere an, denn in der Wiener Secession herrscht die "Unruhe der Form": So haben die Festwochen in diesem Jahr ihre Performance-Schiene genannt.

Kurz deren Prinzip: In der Secession stellen verschiedene Künstler ihre Werke aus, und inmitten dieses Ausstellungsparcours finden kurz nach Ende des "normalen" Museumsbetriebs diverse Performances statt. Heute eben erstmals Schorsch Kameruns "Konzertinstallation mit Liedtexten aus über 100 Teilnehmer-Interviews zu Selbstverwirklichungsstress, Empörungsdruck und Repräsentationstaumel". Um kurz nach sieben, so wird angekündigt, sei es auch schon wieder vorbei. Die Unruhe der Form, das ist auch, wenn der Nachtkritiker zum Abendkritiker, der Theater- zum Konzertkritiker werden soll.

Soloalbum auf Stegen

Denn tatsächlich präsentiert hier in erster Linie Schorsch Kamerun Songs aus seinem neuen Soloalbum "Der Mensch lässt nach". "Ich weine um Japan und um meine Ernährung / Ich weine um Ägypten, Scheißsteuererklärung" und ähnlich gallige Texte singt er mit wohlwollender Sanftmut in der Stimme, begleitet von drei Elektromusikern (nicht seiner Stammband Die Goldenen Zitronen). Die Zuschauer hören das Konzert über die Kopfhörer, während sie immer weiter in den Ausstellungsparcours vordringen. "Bitte auf den Stegen bleiben", ersucht eingangs der Publikumsdienst, bestärkt von Schildern mit gleich lautender Beschriftung.

agora1 arminbardel 560 uSchorsch spielt Songs hinter Plastikfolie © Armin Bardel

Diese Stege, einfache Holzpaletten, reichen zu Beginn noch nicht besonders weit in den Ausstellungsraum hinein. Von einer etwa dreißigköpfigen Statistengarde werden aber nach und nach immer mehr angeschleppt und einer genauen Zeichnung folgend angeordnet, sodass der Pfad bald verzweigt durch den ganzen Raum verläuft, auch bis zu jener Ecke, von der aus man dem Schorsch und seiner Band durch einen transparenten Vorhang von hinten beim Performen zusehen kann. Wenn man will. Alternativ ist man frei, die vorhandenen Ausstellungsstücke zu betrachten oder in einer schwarzweißen Videoprojektionsschleife zu versinken, die live die fleißig als Wegbereiter tätigen Statisten im selben Raum in der Rolle der Ausstellungsbesucher zeigt.

Und damit hat es sich auch. Die Agora war im alten Griechenland der Stadtplatz, an dem das Volk zusammenkam. Genau das geschieht hier. Die Begegnung an sich ist Kamerun wichtig – "aber meine Freunde treffe ich in echt", heißt es in seinem Social-Media-kritischen Lied "Kinderzimmer".

Bekannte Gesichter, ferngesteuerte Plastikvögel

Als Theaterperformance, um das klarzustellen, ist das natürlich herzlich wenig, eine gar aufwandsarme Versuchsanordnung (für Teil II ab 13. Juni in der Garage X hat Kamerun dann ein bisschen mehr Probenzeit). Aber da hier die Unruhe der Form regiert, darf das eben auch mal kein Theater-, sondern vielleicht ein Album-Release- oder einfach ein Wohlfühl-Nachmittag sein. Da finde ich mich lustwandelnd wieder, eingehüllt in meditativem Synthesizersound, und schmunzle darüber in Richtung meiner Mitzuschauer, während ich mich auf dem Steg an ihnen vorbeizwänge.

Und weil ja doch Premiere ist, sind dies zu einem Gutteil bekannte Gesichter. In der Dämmerung, die das helle Tageslicht mittlerweile abgelöst hat, beobachte ich den ehemaligen Burgschauspieler, wie er sich als einer der wenigen nicht an das Gebot mit den Stegen hält (obwohl Kamerun diese Regel zwischen zwei Gesangsnummern selbst stark relativiert hat). Ich erkenne einen Dramaturgen, der mit seinem Handy filmen möchte und vom secessionseigenen Museumsaufseher zurückgepfiffen wird. Ich ertappe die scheidende Schauspieldirektorin der Festwochen dabei, wie sie fast unmerklich im Rhythmus mitwippt. Und ich empfange ein Lächeln der designierten Schauspieldirektorin, als ich – auf Kameruns Aufforderung hin – einen Plastikvogel mit ferngesteuertem Flügelschlag an sie weiterreiche. Plötzlich stehen da Schorsch Kamerun, seine Musiker und dreißig Statisten beisammen, verbeugen sich und verschwinden so entspannt wieder, wie sie gekommen sind. Schön, irgendwie.

 

Agora I
von Schorsch Kamerun
Text und Inszenierung: Schorsch Kamerun, Ausstattung: Katja Eichbaum.
Musik von und mit: Schorsch Kamerun, Carl Oesterhelt, Salewski, Anton Kaun.
Dauer: 50 Minuten, keine Pause

www.festwochen.at
www.schorschkamerun.de

 

Kritikenrundschau

"Die Dichte der Themen, die Schorsch Kamerun in 'Agora' aufwirft, ist groß", sagt Christine Scheucher im ORF (23.5.2013): "Vom Ende der Wachstumsökonomie, von politischen Interventionen, von Selbstverwirklichungsstress ist da die Rede." Das alles werde freilich eher schlaglichtartig beleuchtet als präzise analysiert. "Am Ende hat man zumindest ein gelungenes Konzert gehört. Wenn auch über Kopfhörer."

 

 
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