Catch up, Heinz!

von Regine Müller

Oberhausen, 24. Mai 2013. Mit Shakespeares Dramen ist es ein bisschen so wie mit den großen russischen Romanen: Viel Personal und einander überlagernde Handlungsstränge und Problemstellungen erschweren die Orientierung. Beherzte Striche, die in der Oper noch immer tabu sind, da die Partituren als sakrosankt gelten, sind im Sprechtheater daher ein probates Mittel der Orientierungshilfe und vor allem der dramaturgischen Zuspitzung.

Söhne, Väter und Ersatzväter
Auf die Spitze treibt nun Tilman Knabe im Theater Oberhausen dieses Prinzip, indem er nicht weniger als drei der Shakespeare'schen Königsdramen in einen einzigen, etwas mehr als dreistündigen Abend zusammen schnurren lässt. Um diesem kühnen Unterfangen Stringenz zu verleihen, hat Knabe sich mit seinen Dramaturgen auf eine Formel geeinigt, die aus dem ganzen Gewusel zwischen Kneipenlärm, Schlachtgetümmel und Staatsräson einen heißen Kern herauspräpariert: Väter und Söhne lautet die dramaturgische Setzung, der sich das Geschehen im ersten Teil des Abends tatsächlich recht schlüssig unterordnet. Denn das Verhältnis zwischen dem Helden des Abends, Heinrich V. – der als "Heinz" eingeführt wird – und seinem Vater Heinrich IV. ist bestimmt von Misstrauen und der gegenseitigen Unterstellung mangelnder Liebe. Daher hat Heinz sich mit dem Trunkenbold und Gossenphilosoph Sir John Falstaff einen Ersatzvater gesucht, mit dem er im ersten Teil des Abends einen Gegenentwurf zu den väterlichen Erwartungen lebt.

heinrich1 560 thomas aurin x© Thomas Aurin

Freilich geht es in Shakespeares Dramen "Heinrich IV. 1. Teil", "Heinrich IV. 2. Teil" und "Heinrich V." um weit mehr als nur einen innerfamiliären Konflikt, zumal im letzten Teil der väterliche König verblichen ist und Heinz nun selbst König ist und als Heinrich V. überraschend gereift und geläutert als idealer Herrscher gezeichnet wird. So fällt der zweite, wesentlich kürzere Teil des Abends dann auch trotz immer härterer Schnitte und angezogenem Tempo merklich ab.

Kurzszenen im universellen Raum
Im ersten Teil jedoch gelingt Knabe es noch, die psychologischen Konflikte mithilfe einer schlaglichtartig verkürzten Szenenfolge mit den historischen Begebenheiten überraschend elegant miteinander zu verzahnen. Vielleicht zu elegant?

Alfred Peter hat ihm für die geforderten raschen Wechsel eine graue, nach hinten ansteigende Rampe gebaut, der vom Schnürboden eine korrespondierende Decke nach hinten verengend entgegen ragt. Ein universeller Raum, der sowohl die Weite eines Schlachtfelds als auch den Mief der Schenke "Zum wilden Schweinskopf" andeutet. Das Mobiliar ist minimal, das Requisiten-Inventar beschränkt sich auf Schnapsflaschen, Waffen und Aktenkoffer für die buchstäblich grauen Eminenzen des britischen Machtapparats.

Schlag auf Schlag folgen die kurzen, manchmal nicht viel länger als einminütigen Szenen, das Textdestillat basiert auf der alten Schlegel-Tieck'schen Übersetzung  und ist nur äußerst behutsam mit Gegenwartssprache durchsetzt. Das leicht Altertümelnde der Übersetzung reibt sich erstaunlicherweise wenig an der heutigen, neutralen Anmutung der Szene, sorgt jedoch – vielleicht unfreiwillig – für einen sanft ironischen Unterton.

Musikalische Kommentare
Um die zahllosen Kurzszenen wirkungsvoll miteinander zu verzahnen, besinnt Tilman Knabe sich als ausgewiesener Opernregisseur auf seine Musikalität . Das Tempo der harten Schnitte ist bestimmt von punktgenauen Einspielungen aus Modest Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung", blutige Kampfszenen werden in Zeitlupe gespielt und mit Händels "Lascia ch'io pianga" unterlegt, das "Große Tor von Kiew" klingt überraschend britisch, Songs von Carla Bruni begleiten den Ortswechsel nach Frankreich, rauschhafte Orgelmusik von Ligeti und Widor kommt immer drängender zum Einsatz, während Wagners "Walkürenritt" wie von Ferne hereinweht. Das ist sehr subtil gemacht und trägt nicht unwesentlich dazu bei, dass man dem immer noch überkomplexen Geschehen zumindest über weite Strecken zu folgen geneigt ist.

Dennoch nutzen sich Knabes Mittel im zweiten Teil ab, es wird beliebig, obwohl es lustig zugeht in Frankreich, Dauphin und Höflinge als Tunten umherstelzen und der König als bizarrer Fettsack im weißen Anzug eine Lachnummer ist. Überhaupt wird Knabe seinem Ruf als drastischer (Opern)-Regisseur mit Hang zu Gewalt-und Sexexzessen in Oberhausen in keiner Weise gerecht, er bleibt im Gegenteil ausgerechnet bei Shakespeare maßvoll, um nicht zu sagen kontrolliert und stellenweise auch etwas unterspannt.

Laute und leise Töne
Gewiss, die ausgestellte Künstlichkeit des letzten Teils hat Methode, Heinrich ist nun Staatsmann, die angebliche Liebe zur französischen Prinzessin Catherine nichts als erstarrte Staatsräson. Aber womöglich hätte sich Knabe mit den ersten beiden Heinrich-Dramen bescheiden sollen, die er anhand des Vater-Sohn-Themas glaubhaft erzählt.

Das Oberhausener Ensemble lässt sich auf Knabes Parforceritt mit seinen undankbaren Kurzauftritten bereitwillig ein und umreißt die Figuren mit knappen, präzisen Strichen. Martin Hohner spielt den jungen Herumtreiber Heinz als Suchenden und vom Liebesmangel Getriebenen eindrucksvoller als den alerten König, Henry Meyer entgeht in der Paraderolle des Sir John Falstaff geschickt der Gefahr des allzu Breitbeinigen und deutet die pralle Figur als geerdetes Schlitzohr, Michael Witte ist ein gequälter, fast unfreiwillig harter Heinrich IV., alle anderen finden trotz hoher Schlagzahl der Szenenfolge immer wieder auch leisere Töne.

Insgesamt ein genau gearbeiteter Abend, dem in seiner Überambition auf der Langstrecke dann aber doch die Puste ausgeht.

Heinrich
nach William Shakespeare
Regie: Tilman Knabe, Bühne: Alfred Peter, Kostüme: Helena Barcikowski, Licht: Lutz Ritsche, Dramaturgie: Tilman Raabke, Judith Weißenborn.
Mit: Manja Kuhl, Ellen Céline Günther, Elisabeth Kopp, Torsten Bauer, Konstantin Buchholz, Martin Hohner, Jan Kämmerer, Henry Meyer, Hartmut Stanke, Peter Waros, Michael Witte, Klaus Zwick.
Dauer: 3 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www.theater-oberhausen.de

 

Kritikenrundschau

"An Opernhäusern war Knabe schon für manche Provokation gut", schreibt Arnold Hohmann auf derwesten.de (27.5.2013). Bei Shakespeare bleibe er eher brav: "Mal ein wenig Händel zu zeitlupenhaften Zweikämpfen, mal Orgelmusik von Ligeti, mal Carla Bruni, wenn Heinrich V. seine Truppen gen Frankreich führt." Aufs Ganze triumphiere hier eine Methode der eleganten Verknappung über den eigentlichen Gehalt der Dramen. "Zu wenig Zeit bleibt den Schauspielern, ihre Charaktere zu gestalten, weil sie immer wieder von Mussorgsky ausgegongt werden."

 
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