Soap AmericaNina

von Petra Hallmayer

München, 25. Mai 2013. Mit dem König Fußball wagte das Theater nicht zu konkurrieren. Um leere Zuschauerreihen zu vermeiden, hatten die Kammerspiele ihre Premiere auf den Spätnachmittag vorverlegt. Während draußen die Stadt dem Champions-League-Finale entgegenfieberte, ließ der belgische Regisseur Ivo van Hove im Schauspielhaus ein Vierteljahrhundert vorüberziehen.

Die Geschichte

In Zentrum von Eugene O'Neills epischem Drama "Seltsames Intermezzo" steht die Professorentochter Nina, deren große Liebe Gordon im Krieg gefallen ist, nachdem ihr Vater eine Heirat verhindert hatte. Von Schuldgefühlen gemartert gegenüber dem zum Halbgott erhobenen Toten, gibt sich Nina der sexuellen Befriedigung von Kriegsverletzten hin.

seltsames-intermezzo-8 560 janversweyveld uIm Uhrzeigersinn: Maximilian Simonischek, Stefan Hunstein, Marc Benjamin, Sandra Hüller
© Jan Versweyveld
Vor diesem Hintergrund entfaltet sich eine Telenovela-taugliche Geschichte um puritanisch verdrängte und beharrlich aufflammende Sexualität, eine Abtreibung aufgrund eines dunklen Familiengeheimnisses, ein durch Ehebruch entstandenes Kuckuckskind, Vater- und Mutterkomplexe. Drei Männer fesselt Nina an sich: ihren onkelhaften Freund und Verehrer Charles Marsden, den naiven Sam Evans, den sie heiratet, und den Arzt Edmund Darrell, den sie als Samenspender für ihren Sohn Gordon nutzt. Doch aus dem "aus Vernunft" geschlossenen Zeugungspakt erwächst Leidenschaft.

Das Verborgene

Ausufernd lang wird O'Neills Freud-Übersetzung ins Amerikanische, für die er 1928 den Pulitzer-Preis erhielt, dadurch, dass wir als Zuschauer nicht nur die Dialoge, sondern auch die Gedankenströme der Figuren hören. Allein wirklich viel enthüllen diese nicht. Tatsächlich beschränkt sich O'Neill zumeist darauf, Höflichkeiten mit geheimen Beschimpfungen, keusche Zurückhaltung mit unkeuschen Gedanken oder demonstrierte Gleichmut mit verborgener Eifersucht zu kontrastieren. Das aber wirkt in Zeiten, in denen jedes Schulkind das Einmaleins der Küchenpsychologie beherrscht, eher banal.

Jan Versweyveld hat eine leere Rundbühne in die Mitte des Raumes gestellt, auf der die Protagonisten barfuß ihre Liebesgefechte austragen. Nach jeder Szene wird der dunkle Sand glattgefegt, so wie die aufgewühlten Emotionen immer wieder verebben, sich in die Schranken der Konventionen und Rücksichtnahmen fügen. An der Rückwand des Theaters liegen hinter Glas die Garderoben der Schauspieler, in denen sie auf ihren Auftritt warten.

Die Frau

Sandra Hüller kämpft als Nina mit flatternden Händen gegen das Chaos ihrer Gefühle, changiert bis auf einige nervöse Zappeleien überzeugend zwischen Hysterie und normkonformer Selbstdisziplinierung. Sie lässt ihre Nina mädchenhaft selig strahlen, zornig aufbegehren und sich ruppig verhärten, zeigt eine um ihr Glück betrogene Frau, die sich nicht befreien und andere nicht freigeben kann, eine Egoistin, die sich aufopfert, eine vampiristische Narzisstin, die sich von der Liebe der Männer nährt und zur eifersüchtig besitzergreifenden Mutter wird.

seltsamesintermezzo 560 janversweyveld uStefan Hunstein, Marc Benjamin, Sandra Hüller © Jan VersweyveldDie Männer

Während Nina sämtliche weiblichen Rollenmuster durchspielt, verkörpern die Männer Typenprofile: der Wissenschaftler und Rationalist Ed (Maximilian Simonischek), der der Leidenschaft verfällt, der Kindmann Sam (Marc Benjamin), der aus Ahnungslosigkeit glücklich wird und als Self-Made-Man Karriere macht, der hasenherzige Schriftsteller Charles (die Lächerlichkeit seiner Figur fein und klug ironisierend: Stefan Hunstein), ein Muttersohn, der sich vor dem Leben und der Sexualität fürchtet.

Der Text

Ivo van Hove vertraut ganz auf den Text, den die Darsteller weitgehend statisch herumstehend vortragen. Nur leider weist dieser eklatante Schwächen auf. Dabei gelingt es dem Ensemble geschickt, pathosschwere Passagen abzufedern. Manche Szene aber können auch die besten Schauspieler nicht retten. Wenn Sams Mutter die schwangere Nina in den "Fluch" der mit erblichem Wahnsinn geschlagenen Familie Evans einweiht, rutscht die Inszenierung ins Melodrama. Den grausamen Mut, die Wahrheit zu sagen, finden Nina und Ed, die sich durch zahllose abgebrochene Geständnisse quälen, bis zu Sams Tod nicht.

In einer resignativen Schlusswendung kehrt Papas rebellische Prinzessin heim in dessen Haus, wo sie in einer inzestuös-passionsfreien Ehe mit Onkel Charlie "in Frieden verwelken" will. In Überblendung mit der fatalen Portalfigur ihre Lebens nennt sie ihn – damit es ein jeder begreife – "Vater". Wenn sich Nina neben ihm wieder in Vatis braves Mädchen verwandelt, dann gelingt der Aufführung noch einmal ein starker Moment. Mit ihren Langatmigkeiten aber kann das nicht versöhnen. Viele Zuschauer sahen das jedoch anders und bedankten sich am Ende mit begeistertem Applaus.

 

Seltsames Intermezzo 
von Eugene O'Neill, Deutsch von Michael Walter
Regie: Ivo van Hove, Bühne und Licht: Jan Versweyveld, Kostüme: Ann D'Huys, Live-Musik: Daniel Freitag, Dramaturgie: Koen Tachelet.
Mit: Marc Benjamin, Peter Brombacher, Anna Drexler, Daniel Freitag, Stefan Hunstein, Sandra Hüller, Christian Löber, Annette Paulmann, Maximilian Simonischek. 
Dauer: 3 Stunden 45 Minuten, eine fünfminütige und eine normale Pause 

www.muenchner-kammerspiele.de

 

 

Kritikenrundschau

Das Stück von einen Monstrum spiele bei van Hove in einer gespenstisch ausgeleuchtete Arena aus grauem Sand. "Das Publikum sitzt rundherum, eine Masse von Analytikern, und eine gewisse Zeit schaut fast psychosomatisch belastet zu, bis der dunkle Sog der Aufführung einen ergreift", so Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (27.5.2013). Man sitze dort "unfassbar hingerissen vor Sandra Hüller", "sie spielt die Depressive, Haltlose, Verzweifelte, Pragmatische, Zornige und immer wieder Enttäuschte in präzis gestalteten Facetten." Alles sei bei Hüller flirrend echt, aber nie zu viel, ihr hochemotionales Spiel macht die konstruierte Schicksalsreise der Hauptfigur zu einem unmittelbaren Erlebnis. Fazit: "Hüller ergreift - und O'Neills fast 90 Jahre alte, von psychoanalytischem, naivem Furor geprägte Sicht auf die Frau wird in ihrer Illusionslosigkeit allgemeingültig."

"Statt den boulevardesken Irrwitz dieser emotionalen Doppelbelichtung beherzt auszuspielen, deutet van Hove ihn nur zaghaft an", so Alexander Altmann im Münchner Merkur (27.5.2013). Werktreu inszeniere er ein Psychodrama, "das in Seelennöten wühlt und seinen modernistischen Ambitionen zum Trotz im Pathos des traditionellen Realismus stecken bleibt." Aber zum Glück gebe es Sandra Hüller, ohne die der Abend an den Klippen der Melodramatik zerschellen würde, "mit weiblichem Vitalismus lässt sie ihre Nina in allen Lebenslagen und -altern so quirlig schillern, dass das Stück über die angestaubte Tragödie hinauswächst und plötzlich als augenzwinkernd zeitgemäßes Porträt einer starken Frau zwischen Moralvorstellungen und Lebenslust wirkt."

 

 

 
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