Trügerisches Familienidyll

von Thomas Rothschild

Wien, 28. Mai 2013. Bekanntlich tritt Tartuffe, von dem zuvor alle geredet haben und der der Komödie immerhin den Titel gab, erst im dritten Akt auf. In Luc Bondys Wiener Festwocheninszenierung lässt er sich damit Zeit. In der schmalen Öffnung des Vorhangs, der die Hinterbühne verdeckt, steht ein Knabe. Eine seitlich hereinragende Hand kämmt ihm das gescheitelte Haar und reicht ihm dann eine Hostie. Das Bild ruft eine aktuelle Assoziation von klerikaler Heuchelei ab. Was man aber sieht, ist dies: Da agiert einer aus dem Hinterhalt. Die Hand zieht die Fäden, aber das Gesicht bleibt verborgen. Es gehört Tartuffe.

Dogmatiker mögen es einfach. Deshalb denken sie in Kategorien, die einander ausschließen. Die Alternative Regietheater vs. Schauspielertheater ist eine Kopfgeburt. Das unterscheidet ja den Regisseur vom Literaturwissenschaftler: Er muss die Vorlage nicht nur analysieren und verstehen, sondern auch sinnlich auf der Bühne visualisieren. Dafür dienen ihm jene, die die Rollen verkörpern. Ein Regisseur kann noch so einfallsreich sein – wenn ihm nur dilettierende Schauspieler zur Verfügung stehen, geht das ebenso in die Hosen wie die Verwandlungskunst genialer Darsteller, die von der Regie im Stich gelassen wurden.

Charakterdarsteller auch in winzigen Rollen
Luc Bondy kann aus dem Vollen schöpfen. Mit ihm wollen sie alle arbeiten, die Stars des deutschsprachigen Theaters, denn er respektiert sie und beharrt doch auf seinen Einsichten, seinem Konzept und seinem künstlerischen Verstand. Die erste Szene gehört einer Schauspielerin, die wie kaum eine das "alte", vorpeymannsche Burgtheater repräsentiert: Gertraud Jesserer. Als Madame Pernelle, die Mutter Orgons, wird sie, im detailverliebten realistischen Bühnenbild von Richard Peduzzi, in einem Rollstuhl herumgeschoben, um alle Anwesenden, einen nach dem anderen, zu beschimpfen. Und siehe: Unter Luc Bondys behutsamer Leitung fügt sie sich bruchlos in ein Ensemble, dessen Mitglieder aus ganz anderen Traditionen stammen. Noch für die winzige Rolle des Polizisten, der am Schluss wie ein deus ex machina für ein glückliches Ende sorgt, kann Bondy einen Charakterdarsteller wie Michael König beanspruchen.

Tartuffe2 560 RuthWalz uStarschauspieler, wohin das Auge blickt in Luc Bondys Wiener "Tartuffe": Gert Voss, Joachim Meyerhoff, Johanna Wokalek, Peter Knaack  © Ruth Walz

Als sich Gert Voss vor vier Jahren das Schienbein brach, sprang Joachim Meyerhoff als Mephisto für ihn ein. Jetzt stehen die beiden Publikumslieblinge zusammen auf der Bühne. Gert Voss spielt den Orgon, Joachim Meyerhoff den Tartuffe. Man könnte sich die Besetzung auch umgekehrt vorstellen. Der Orgon des Gert Voss ist kein einfältiger Trottel, sondern ein selbstbewusster Patriarch unserer Zeit. Mit Anzug, Weste, Uhrkette und Aktenköfferchen könnte er ein Konzernchef sein oder ein Ministerialbeamter. Er ist zu ungeschickt, um mit seiner Frau ein Tischtuch auseinander zu falten. Nur mühsam geht er in die Knie, um sich unterm Tisch zu verstecken. Dieser Orgon ist nicht lächerlich, sondern furchterregend. Wenn er über die Familie hinaus wirkt, dürfte er wahrhaft gefährlich sein.

Zeitgenössisch, aber nicht modisch
Tartuffe wiederum mit kurzgeschnittenem Bart und Brille, im Pullover über dem weißen Hemd mit Krawatte, gleicht eher einem bürgerlichen Hauslehrer als dem Geistlichen, als den er sich ausgibt. Wenn er sich Orgons Frau Elmire (Johanna Wokalek) zum ersten Mal nähert, sucht er nach Worten, findet aber nur Phrasen. Die Geilheit verschlägt ihm die Stimme.
Luc Bondy nimmt Molières Komödie ernst. Die Übersetzung, die er zusammen mit Peter Stephan Jungk verfasst hat, ist zeitgenössisch, aber nicht modisch. Auf Jargon wird verzichtet. Was über Orgon gesagt wird – "Er könnte das alles hier mit eigenen Augen sehen, und er würde es noch lange nicht glauben" – , was sich bei Madame Pernelle als Karikatur wiederholt, die Unbelehrbarkeit selbst angesichts des buchstäblich Offensichtlichen, es passt ohne aufdringliche Verweise auf unsere Gegenwart.

Nach der Rettung durch den königlichen Polizisten, der hier als Vertreter des modernen Staats auftritt, ist das Familienidyll an der Kaffeetafel wiederhergestellt. Marianne, mit Brille und Mittelscheitel an eine brave Schülerin gemahnend, und ihr Verlobter Valère tanzen zu einer Jazzmelodie auf dem Tisch. Ende gut, alles gut. Wer's glaubt... Luc Bondys Inszenierung ist auffällig in ihrer Unauffälligkeit.
                                    
Tartuffe
von Molière
Regie: Luc Bondy, Bühne: Richard Peduzzi, Kostüme: Eva Dessecker, Dramaturgie: Dieter Sturm, Andrea Vilter.
Mit: Gert Voss, Johanna Wokalek, Peter Knaack, Adina Vetter, Gertraud Jesserer, Philipp Hauß, Peter Miklusz, Joachim Meyerhoff, Edith Clever, Klaus Pohl, Michael König, Coco König, Ulrike Hübl, Bernhard Mendel/Tobias Margiol.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

www.festwochen.at

 

Kritikenrundschau

"Auf die Klasse des Ensembles ist quasi immer Verlass, auf die der Regiekräfte nicht notwendigerweise", so Michael Laages zu Lage des Burgtheaters in der Sendung "Kultur Heute" (29.5.2013) auf Deutschlandfunk. Wirklich zeitgenössische Befragungen von Mitteln, Motiven und Methoden forcierter Heuchel-Kunst gelängen in Wien nicht. Der Abend sei "schöne Routine" ohne prägende Spielidee. "Und so wird das Wiener Publikum 'seinen' Bondy in Erinnerung behalten: routiniert und edel. Vielmehr hat es womöglich auch gar nicht von ihm gewollt - und 'sein' Festival, die 'Festwochen', waren und sind künstlerisch stets innovativer als Bondy selbst. Er blieb stets der Ermöglicher - und auch das ist ja eine Qualität von Rang.

In der Welt (29.5.2013) schreibt Paul Jandl, Luc Bondy sei ein Regisseur, "der längst in seiner eigenen Klassik angelangt ist". Die "Aufdoppelung der Theaterliteratur in Richtung Gegenwart" sei nicht seine Sache. Für Bondy sei "alles klassisch, menschheitstragisch, menschheitskomisch, also macht er am Wiener Akademietheater aus dem "Tartuffe" nicht Politik, sondern Psychologie: ein Kammerspiel aus Lüge und Wahrheit." Am Ende gehe es um "die Würde. Am Ende bleibt sie doch nur ein Konjunktiv des Seins."

Das verspielte Bühnenbild sei eine "willkommene Ablenkung vom bisweilen, nehmen wir's vorweg, erstaunlich zähen Bühnengeschehen", schreibt Barbara Villiger Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung (30.5.2013). Das Gerücht einer "Neubearbeitung" von Tartuffe habe es gegebe, doch: "Das alles war Fehlalarm. Denn Bondy spielt Molière ab Blatt." Zwar habe die Autorin nichts gegen Molière und nichts gegen eine Regie, die zwanghafte Aktualisierung meidet. "Doch wenn man nicht modisch sein will, braucht man dann gleich so altmodisch zu werden, wie es Bondy hier wird, obwohl er Heutigkeit behauptet?" Am Ende gebe es von einer existenziellen Erschütterung in der Familie "keine Spur".

Bondy, so Christine Dössel von der Süddeutschen Zeitung (31.5.2013), ruhe sich auf seinen Star-Besetzungen bisweilen aus und treibe "niemanden, auch sich selbst nicht, an echte Schmerzgrenzen" – weshalb seine Inszenierungen "nicht nur sehr leicht, sondern manchmal geradezu träge und bequem" wirkten. So auch bei "Tartuffe". "Für den Zuschauer heißt das: Gehen wir Schauspieler gucken! Denn viel interessanter als die von Bondy gar nicht erst auf unsere Gegenwart hin befragte Geschichte vom frömmelnden Heuchler (...) ist an diesem Abend das Schaulaufen der Schauspielstars." Das sei "schauspielerische Virtuosität – die dann doch irgendwie ins Leere läuft". Molières Stück werde "in einer harmlos-heiteren Edelboulevard-Version" geboten. Meyerhoff sei als Tartuffe zwar brillant – der Lustmolch als "Verbalerotiker" –, doch z.B. die Spur, die ihn "als potenziell pädophil eingeführt", verliere sich schnell. "Vornehmes Bondy-Konfektionstheater. Es fehlt an jeglicher Dringlichkeit, an Rasanz und Brisanz, an Esprit, Perfidie und bös-infamer Zeit(genossen)kritik."

"Was Molière ins giftig glitzernde Verlach-Gewand der Komödie kleidet", schreibt Gerhard Stadelmeier in der Frankfurter Allgemeinen (31.5.2013), das steckten Voss und Bondy "ins dunkel funkelnde Prunkkleid einer melancholiesatten Depression. Von heute." Bondy, "der Regisseur menschenfreundlicher Verdrehtheiten", habe diesmal "mit genial geschärfter Albtraumkreide schwarz gemalt: die Hauptfigur. Einer Tragödie." Sein Stück heiße "eigentlich nicht 'Tartuffe', sondern 'Orgon'. Man sieht, was man selten sieht, ein neues Drama im alten." Zumal in Peter Stephan Jungks Prosa-Übersetzung. Voss halte die Tragödie "groß, einsam und unnachahmlich, berstend sozusagen vor Hirnriss-Virtuosität, als gigantisches Verzweiflungssolo aus. Er trägt sie." Edith Clever sei als Magd Dorin wohl die "edelste und erlesenste Fehlbesetzung der Saison". Sie wie auch Wokaleks Elmire seien "hübsche Arabesken. Keine Hauptsachen." Selbst Meyerhoff als Tartuffe sei "eine schmale, in schwarze Jeans und Pulli gesteckte Nebenfigur".

Das Haus der Orgons macht auf Ronald Pohl vom Standard (31.5.2013) den Eindruck einer jener "bürgerlichen Festungen, wie sie Filmregisseur Claude Chabrol zur Aufbewahrung wohlhabender Spießer gebaut hat". Die Welt der Orgons sei "aus den Fugen", aber man wisse nicht recht, warum. Voss' Leistung sei "wunderbar", segele aber am Rest der Inszenierung vorüber. Im dritten Akt beim ersten Auftritt Tartuffes "– und nur hier – ringt sich Bondy zur Überdeutlichkeit durch": "Tartuffes Hand, die einem Knaben die Haare scheitelt". Meyerhoffs Frömmler sei "von sachlicher Entschlossenheit, "bestimmt kein 'Schwein', sondern am ehesten ein armer Hund". Der Schauspieler habe "den Rollentyp des charmanten Neurotikers zur Perfektion gebracht. Die begehrenswerten Seiten dieses Zwänglers bleiben unbegreiflich." Für Pohl insgesamt eine "allzu unentschiedene Inszenierung".

Reine Bondy-Routine hat Norbert Mayer von der Presse (31.5.2013) gesehen. Die Burgtheaterspieler zeigten, "dass sie selbst dann interessant blieben, wenn man sie zwei Stunden ohne Pause Belangloses austauschen ließe". Bei der Inszenierung stimme "das Tempo nicht, dadurch leidet das Timing fürs Lustspiel". Im Vergleich zum Original-Versmaß wirke die von Bondy und Jungk verordnete Prosa-Übersetzung "ungelenk, ja geschwätzig". Auf Mayer wirkt es, als sei "die Regie nicht fertig geworden". Das "Herzstück" der "kühlen Aufführung" sei Wokalek, die die Verstörung zeigt, "in die eine Ehefrau gerät, deren Mann ein Idiot und dessen angeblich integrer Vertrauter ein Schwein ist". "Platz zwei für Voss", der "gekonnt zwischen Tragödie und Farce balanciert", manchmal allerdings "zu routiniert" wirke. Meyerhoffs Tartuffe biete erst "platte Symbolik", wenn er dem Buben übers Haar streichle, und übertreibe es später im "artistischen Sex-Clinch".

 
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