Im Schattenreich der zuständigen Instanzen

von Dieter Stoll

Nürnberg,1. Juni 2013. Die Schrammelmusik, die vor Beginn der Vorstellung durchs Foyer des Nürnberger Schauspielhauses schluchzte, legte absichtlich falsche Fährten. Grinzinger Vorstadt-Gemütlichkeit bleibt weit entfernt von Leben und Sterben der jungen Horváth-Protagonistin Elisabeth, wenn sie ihren Körper auf Vorschuss an die Anatomie verkaufen will, um mit 150 Mark die Existenz zu retten. Ehe das erste Wort gesagt ist, wird das mit schattenreichen Aufmärschen düsterer Wesen, womöglich Rest-Gespenstern aus Fritz Langs großem Skizzenblock, radikal klargestellt.

Durchschlupf ins Glück

Auf Stefan Brandtmayrs Drehbühne zu Ödön von Horváths Stück "Glaube Liebe Hoffnung", das mit seinem Untertitel "Ein kleiner Totentanz" den verschnörkelten Trauerrand als Markierung vorgibt, rotiert ein weit in den Himmel ragendes Trutzburg-Labyrinth, eher mit Schießscharten als mit Türen ausgestattet. Dort an der Außenmauer einer abweisend kahlen Innenwelt sucht die Verzweifelnde, hoffnungslos optimistisch immer auf die Ordnungsmacht der "zuständigen Instanz" bauend, einen Durchschlupf ins Glück. Mit aller Kraft stemmt sie sich in jede Lücke, die nur scheinbar Zugänge öffnet. Überleben würde ihr aber auch reichen, ist jedoch nicht wirklich im Angebot. Denn die vom Pech und der Justiz verfolgte Handelsreisende aus dem Trikotagen-Gewerbe hat sich im System verheddert, taumelt mit ihrem Selbstwertgefühl zwischen allen Fronten, bis ihr das rasende Herz stehen bleibt.

glaubeliebehoffnung3 560 marionbuehrle uWo man Leichen zersägt: Die Nürnberger Horváth-Spieler Rainer Matschuck, Tanja Kübler, Christian Taubenheim, Josephine Köhler, Julian Keck, Stefan Willi Wang © Marion Bührle

Was Ödön von Horváth unter Mitwirkung des Gerichtsreporters Lukas Kristl in seinem Stück erzählte, war die Stilisierung von abgelauschter Wirklichkeit. Die Geschichte einer tragischen Alltags-Figur, vom Dichter zur Erweiterung seiner Parabel-Sammlung über den "gigantischen Kampf zwischen Individuum und Gesellschaft" geformt, für den er keinerlei Friedens-Chancen sah. Der Regisseur Georg Schmiedleitner, mit Horváth zuletzt im Geleit der dortigen Alt-Stars an der Wiener Josefstadt befasst und in Nürnberg vor zwölf Jahren deutlich mutiger mit anarchistisch auftrumpfenden "Geschichten aus dem Wiener Wald" zu erleben, will nun weder den epochalen Niedergang von 1932 schildern noch dem Modell von Christoph Marthalers kauzigen Milieu-Studien im Überall nacheifern. Auf dem Weg zu Wagners "Ring des Nibelungen", den er ab Herbst im Opernhaus nebenan inszeniert, versucht er es schon mal mit komödiantischer Mystik.

Das Anatomische Institut

Es hat also alles seine weltumspannende Bedeutung, was die arme Elisabeth zwischen Anatomischem Institut ("Dort wo man die Leichen zersägt"), Tiergarten und Liebeslager erlebt. Ob sie als Opfer der Justiz oder der Männer zu sehen ist, an gespreizten Autoritäten abprallt oder nach dem letzten Atemzug achtlos liegen bleibt – es sieht jede Szene nach Beleg-Symbolik aus. Der Regisseur lässt all den lachhaften Gegenspielern, den Ober- und Vizepräparatoren, den Amtsrichtern und Polizisten, nicht die Spur einer Chance, er verurteilt sie kollektiv. Manchmal erstarren sie dabei im Sekundenschlaf, wirken für einleuchtende Momente wie Gefangene ihrer eigenen Posen. Aber dann will Georg Schmiedleitner klare Verhältnisse und ein bisschen Spaß zum Ausgleich für solch bleierne Gewissheiten. Die Welt ist böse, aber wenigstens zum Lachen.

glaubeliebehoffnung 560 marionbuehrle uOpfer der Gesellschaft: Josephine Köhler als Elisabeth © Marion Bührle

Josephine Köhler spielt die Opfer-Rolle konzentriert, ganz ohne Larmoyanz, ihre Elisabeth kann bis zum Schluss nicht fassen, warum alles so schief läuft. Ihre Männer auf Zeit bleiben Fremde (Christian Taubenheim als schrulliger Präparator mit Vogelfutter-Psychose, Marco Steeger als selbstverliebter Schupo der denkbar borniertesten Art), die anderen Personen sind wandelnde Drohgebärden, denen sie ihre Naivität entgegenreckt. Nur "ein bisschen weniger ungerecht" hätte sie das Leben gern, aber das wird ihr gleich mal ausgetrieben: "Das ist Philosophie". Und wie ist es mit Glaube Liebe Hoffnung? Man könnte, wie sich die ganze Gesellschaft in Sprüchen festkrallt, auch mit der Auflösung "Glaube versetzt Berge, Liebe ist ein seltsames Spiel und Hoffnung stirbt zuletzt" durch den Abend kommen.

Gefühle im Steigflug

Die Kunst-Sprache Horváths wird nur in pointierten Hörproben vorgeführt, als Schaumkrone auf der "normalen" Sprache, und erinnert dann prompt sofort an den spröden Reiz von Fassbinder-Dialogen. Dass der Autor alles Parodistische hasste, es schimpfend zu "Jux-Spiegelbildern" erklärte, hat die Inszenierung geschickt abgefangen. Schmiedleitner setzt in den Dialogen auf lautstarke Dramatik, fährt mit den Gefühlen so steil hoch bis sie schwindelig werden und erwischt mit einigen ätzenden Karikaturen (Elke Wollmann, Julian Keck, Frank Damerius, Jochen Kuhl) doch noch den Absprung von der Besserwisser-Komik ins Absurde. Da hat die Aufführung ihre stärksten Seiten.

In Nürnberg war es der Startschuss der Bayerischen Theatertage, die jetzt von allen Bühnen des Freistaats gut 50 Vorstellungen in zwei Wochen bietet. Am letzten Tag wird Herbert Fritschs "Revisor" aus München erwartet. Nach dem in jeder Hinsicht schwarzweißen Horváth also auch Aussicht auf einen bunten Abend.


Glaube Liebe Hoffnung
Ein kleiner Totentanz in fünf Bildern
Von Ödön von Horváth unter Mitarbeit von Lukas Kristl
Regie: Georg Schmiedleitner, Bühne: Stefan Brandtmayr, Kostüme: Cornelia Kraske, Musik: Roderik Vanderstraeten, Dramaturgie: Katja Prussas.
Mit: Josephine Köhler, Marco Steeger, Ksch. Jochen Kuhl, Christian Taubenheim, Stefan Lorch, Rainer Matschuck, Tanja Kübler, Elke Wollmann, Frank Damerius, Julian Keck, Henriette Schmidt, Stefan Willi Wang.
Dauer: 1 Stunde 55 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-nuernberg.de

 

Kritikenrundschau

"'Eine Wette auf Erfolg' hat Nürnbergs Schauspieldirektor Klaus Kusenberg das Vorhaben genannt, als Gastgeber der diesjährigen Theatertage mit einer Premiere zu starten – schließlich zeigen die geladenen Gasttheater nur ihre stärksten Saison-Leistungen", schreibt Florian Welle in der Süddeutschen Zeitung (3.6.2013). "Dass Kusenberg seine Wette gewonnen" habe, dafür müsse "er sich bei Josephine Köhler bedanken, die Georg Schmiedleitners Inszenierung das Kraftzentrum gibt." Diese wolle uns, "wenn auch reichlich plakativ, die Bestie Mensch vorführen. Schmiedtleitner trägt in allen Bereichen dick auf. Da kippt das Spiel schon mal in den Klamauk und verfehlt damit die Boshaftigkeit der Textvorlage."

Georg Schmiedleitner lasse das Bühnenbild von Stefan Brandmayer mitspielen, es liefere "die Atmosphäre für seinen kühlen sezierenden Blick auf Elisabeths Ringen um die Existenz", schreibt Katharina Erlenwein in den Nürnberger Nachrichten (3.6.2013). Zu sehen sei so ein "Totentanz der grauen Menschen zwischen grauen Wänden, dem Elisabeth nicht entkommt". Dreh- und Angelpunkt der Inszenierung sei Josephine Köhler: "Mit kleinen Gesten, kurzen Blicken und der Konzentration auf kaum sichtbare Gefühle ihrer Figur fesselt sie auch noch, wenn die Gags zu flach und die Mitspieler bewusst zu Chargen werden".

Schmiedleitners Inszenierung habe zwei Hauptdarsteller, meint Wolf Ebersberger in der Nürnberger Zeitung (3.6.2013): "Josephine Köhler als vom Leben gebeutelte Elisabeth – und die Drehbühne, bedrohlich und grabesdunkel. Beide: ein Ereignis." Trotzdem entfalte "Glaube Liebe Hoffnung" nur "gebremste Kraft", denn Schmiedleitner versuche Horváth zu überhöhen: "Künstlerisch eben, das meint hier: mit den Mitteln der Künstlichkeit. Wir wollen ja nicht realistisch sein!" Genau damit aber stehe sich Schmiedleitner "diesmal selbst ein bisschen im Weg." Horváths "böse Funken zünden nicht wirklich, seine entlarvenden Sätze –all die gedroschenen, abgedroschenen Phrasen, die man sich an den hohlen Kopf wirft – werden wie auf dem Tablett serviert, eine brav nach der andern, mit Hochachtung und viel zu langen Pausen."

 

 
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