Ja zum Klischee

von Steffen Becker

Pforzheim, 1. Juni 2013. Dass Deutschland auf allen Ebenen ein Einwanderungsland ist, wird beim Stück "Döner zweier Herren" auf der Premierenfeier im Pforzheimer Stadttheater am deutlichsten. Der Schauspieldirektor mit türkischem Namen dankt dem Türkendarsteller mit französischem Vornamen für die gute Repräsentation. Er erwähnt, dass nur der Schwabendarsteller auch wirklich ein Schwabe sei und holt sich dafür den Rüffel ab, dass dessen Geburtsort in Baden liege, also in einer anderen Welt.

"Das Migrantentheater Pforzheim proudly presents..." – so sächselt der Conferencier im Idiom innerdeutscher Gastarbeiter das Stück an. Das weckt Erwartungen an einen bissigen Kommentar zu Integration, Leitkultur und Überfremdungsangst. Autor John von Düffel hat die Commedia dell'arte "Der Diener zweier Herren" ins Deutschland der Siebziger verlegt.

Gelegenheitsjob statt Händedruck

Der sparsame Schwabe leidet an Schnappatmung wegen der Ölkrisen-Inflation, der Millionste Türke bekommt keinen Innenminister-Händedruck wie der Millionste Gastarbeiter ein Jahrzehnt zuvor, sondern muss sich Gelegenheitsjobs zusammensuchen. Weil eine Stelle nicht reicht, um satt zu werden, heuert Kemal Eckeneckezi (Raphaèl Nybl) sowohl bei der als Mann verkleideten Italienierin Beatrice (Annette Faßnacht) als auch bei ihrem österreichischen Liebhaber Florian (Mathias Reiter) an. Hunger integriert! Zum cultural clash kommt es in dieser Dreiecksbeziehung allerdings nicht.

Doener1 560 TheaterPforzheim xDöner-Kasper © Theater Pforzheim

Der "Döner zweier Herren" ist der "Diener zweier Herren" mit den gleichen Figuren, nur 300 Jahre später. Ihr Migrationshintergrund spielt in Pforzheim nur vordergründig eine Rolle. Er sorgt auf der Ebene der Handlung nicht für zusätzliche Funken oder Einfälle (sieht man mal vom Streit über das richtige Servieren von abgelaufenen Maultaschen ab). Sollte der Innenminister bei den baden-württembergischen Theatertagen vorbeischauen, die vom "Döner zweier Herren" eröffnet werden, er wird keinen neuen Blickwinkel auf die Integrationsdebatte erhaschen. Einige Lacher würde er aber durchaus mitnehmen.

Alles ist over the top

So wie das Stück sich nahe am Original bewegt, bleibt Regisseur Andreas von Studnitz in seiner Inszenierung den Prinzipien der Typenkomödie treu. Und treibt sie auf die Spitze: Er stellt den geizigen Wirt, den Besserwisser-Anwalt, den Schnauzbart-Türken und den Mafiosi-Italiener in eine Art Kasperletheater. Im Guck-Fenster werden sie zweidimensional hin- und hergeschoben und ihrer Unterkörper beraubt (mit Füßen auf Kniehöhe). So wie die Figuren Stereotype darstellen, so konsequent lässt von Studnitz sie denn auch als Kasperlefiguren agieren – etwa wenn sie sich wie an Fäden bewegen, sich grotesk verbiegen oder wenn Beatrice in der Rolle ihres Bruders um die Wirtshaus-Tochter werbend in Gondoliere-Pose an diese heranrudert. Über das Bühnenpanorama (Beate Zoff) wacht ein röhrender Hirsch – aber kein typisch deutscher, eher die ironische Variante der Jägermeister-Werbung. Sinnbildlich für eine Inszenierung, die sich über sich selbst lustig zu machen scheint. Alles an "Döner zweier Herren" ist over the top.

Stereotypen machen Spaß

Die Dialekte – extrem übertrieben, selbst der Schwabe (dessen Darsteller ein Badener ist, noch mal: der Unterschied ist wichtig) schwäbelt so, wie Schwaben schwäbeln, wenn sie jemanden hochnehmen möchten. Die schrillen Kostüme – rosa Plüsch für die liebestolle Tochter des Wirtes, Mafia-Nadelstreifen für den "Spaghetti", goldene Schlagersängerrüschen für den Ösi-Liebhaber, Rotzbremse und Arbeiterkappe für den Türken. "Döner zweier Herren" wirkt, als wollten Autor und Regisseur alle Migranten-Klischees und unseren verkrampften Umgang mit ihnen durch den Kakao ziehen. Was für die SchauspielerInnen keine banale Aufgabe ist.

In Pforzheim kann man begutachten, dass eine gute Typenkomödie eine große Variation an Tonlagen und Grimassen erfordert. Eine Herausforderung, die das Ensemble ausnahmslos meistert. Seinen Machern macht der Döner-Abend sichtlich Freude. Für das Publikum kann er befreiend wirken. Ja, Stereotype machen Spaß! Als Parodie verkleidet ergötzt man sich selbstverständlich an Vorurteilen, für die man in einer Polittalkshow als Brandstifter gegeißelt würde. In dieser Selbsterkenntnis liegt dann doch eine politische Botschaft des "Döners". Entschuldigen muss man sich für sie nicht. Am Ende beklatscht man ja auch die binationalen Ehen, die das Stück beschließen.

 

Döner zweier Herren
von John von Düffel nach "Der Diener zweier Herren" von Carlo Goldoni
Regie: Andreas von Studnitz, Bühne: Beate Zoff, Dramaturgie: Georgia Eilert.
Mit: Markus Löchner, Christine Schaller, Holger Teßmann, Peter Christoph Scholz, Annette Faßnacht, Mathias Reiter, Rashidah Aljunied, Raphaèl Nybl, Timo Beyerling.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, eine Pause

www.theater-pforzheim.de

 

Kritikenrundschau

John von Düffel versetze in seiner Adaption von Goldonis "Diener zweier Herren" "die Geschichte nach Pforzheim in den 70er-Jahren, wobei diese Tatsache für das Stück völlig belanglos ist", meint Rainer Würth in seiner Besprechung für die Pforzheimer Zeitung (3.6.2013). Auch dass die Figuren Dialekt sprächen, werde, "so überzeugend die Darsteller die vielen verschiedenen (…) Sprechweisen auch über die Rampe bringen", auf Dauer "eher langweilig." Regisseur von Studnitz setze in seiner Inszenierung "auf die Verfremdung" und versuche, "den klassischen Figuren der Commedia dell’arte eine zeitgemäße Form zu geben." Sein Ansatz sei "letztlich die Parodie und so wird aus der Komödie eine Klamotte." Und zwar "eine optisch sehr opulente, schrille und überdrehte mit Höhen und Tiefen."

 

 
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