Aschenputtel am Fließband

von Stefan Schmidt

Bochum, 2. Juni 2013. Die Welt ist mal wieder düster und grau bei David Bösch. Als Hausregisseur hat er am Bochumer Schauspielhaus sein Herz für geschundene Kreaturen geöffnet: für Falladas Kleinen Mann zum Beispiel, für die, die bei Borchert Draußen vor der Tür stehen, und natürlich für Büchners Woyzeck. Er ist der Prototyp des Bösch'schen Losers (ursprünglich in einer Essener Produktion unter dem heutigen Bochumer Intendanten Anselm Weber). Als Reminiszenz an diese (zu Recht) viel gelobte Inszenierung hängt auch jetzt wieder das alte Industriewaschbecken unter einer gleißenden Neonröhre an einer ansonsten reichlich kahlen Wand.

Und doch befinden wir uns zu einer anderen Unzeit an einem anderen verlorenen Ort. Das merkt man als Zuschauer direkt beim Reinkommen: Es riecht nach feuchtem Kleinholz. Die Nase ahnt damit als erste, was (fast) alle anderen Sinnesorgane nach und nach begreifen werden: Das Leben der Getretenen des Abends dreht sich in erster Linie um Streichhölzer. Deren Rohmaterial liegt quer über den Bühnenboden verteilt. Franziska Gebhardt hat den Regisseur mit viel Raum für dergleichen simple, aber wirkungsvolle Bilder ausgestattet. Klug zum Beispiel, die Industriearbeiterin (und Hauptfigur) Iris mittels Fahrradmechanismus das Fließband ihrer Fabrik selbst antreiben zu lassen, während die junge Frau in der Filmvorlage "Das Mädchen aus der Streichholzfabrik" von Aki Kaurismäki noch hinter der Anlage steht und die Qualität der Etiketten auf den Streichholzschachteln begutachtet.

Desillusionierte Geisterbahngestalten

Bei Bösch ist so von Vornherein klar, dass höchstens diese Iris etwas bewegen könnte in der tristen Welt der wertlosen Werktätigen – wenn unsere Antiheldin des Fordzeitalters eben nicht viel zu sehr in die Abläufe um sie herum eingespannt wäre, um tatsächlich etwas Grundlegendes ändern zu können. Iris ist nämlich Ernährerin, Hausangestellte, Köchin und Fußabtreterin ihrer Mutter und ihres Stiefvaters, einer abgehalfterten Ex-Schönheitskönigin und eines selbstgerecht-brutalen Fernsehjunkies. Matthias Redlhammer und Anne Knaak genügen wenige Szenen und noch weniger Worte, um das ganze piefige Grauen dieser desillusionierten Geisterbahngestalten körperlich spürbar zu machen.streichholzfabrik2 560 arnodeclair uMaja Beckmann als Aschenputtel Iris © Arno Declair

Wie gerne würde man Redlhammer die dauerbereite Fernbedienung aus der zuckenden Hand reißen, schon damit nie mehr wieder das an den Nerven zerrende Formel 1-Gedröhne zu hören ist, das noch den letzten Hauch menschlichen Mitgefühls zuverlässig übertönt – nachdem ARD-Lottomoderatorin Franziska Reichenbacher aus dem Off freundlich, aber bestimmt darauf hingewiesen hat, dass die Mitspieler (wie Iris' Mutter) doch bitte den Moment vor der Ziehung genießen mögen: "Die Ernüchterung kommt dann immer früh genug." Wie wahr. Schließlich hat der Regisseur ja auch eine Art griechischen Chor unserer Tage sprechen lassen.

Das Sterntalermädchen hat aufgegeben

Und so kommt es, wie es nach den Worten der Lottofee kommen musste: Aschenputtel Iris schafft es zwar, für einen Abend den Wendemantel aus Arbeitskittel und Freizeitallzwecküberwurf gegen ein bezauberndes rotes Kleid einzutauschen und sich ins deprimierende Nachtleben ihrer Umgebung zu stürzen, aber ihr Prinz erweist sich als neureicher Klotz mit noch weniger Gefühlen als das dauerpräsente Holz. "Es gibt nichts, was mich weniger berühren könnte als Deine Zuneigung", wird er ihr später bescheiden – und zur Abtreibung raten, als sie ein Kind von ihm erwartet. Ihr Elternhaus muss Iris angesichts solcher Nachrichten verlassen, wobei unklar bleibt, wer die beiden faulen Fratzen, die zurückbleiben, eigentlich in Zukunft bekochen soll. Die Tochter übernimmt diese Aufgabe nur noch einmal – um Mutter und Stiefvater mit Rattengift ins Jenseits zu befördern.

Auf ähnliche Art und Weise muss auch der Pseudoprinz dran glauben. Wieder einmal ist es an Iris, alles selbst zu erledigen. Genugtuung angesichts solcher Tatkraft ist allerdings fehl am Platz: Maja Beckmann ist anzusehen, wie sie in diesen Momenten ihre Figur der letzten Hoffnungen beraubt. Sie muss wieder an die Maschine, muss weiter trampeln, aber jetzt ist das Fließband leer, ihr Dasein völlig ohne Sinn. Den Goldflitter, mit dem sie der Regisseur zum Schluss überschüttet, nimmt sie nicht mehr wahr. Das Sterntalermädchen hat aufgegeben. Und das geht an diesem Abend aus verschiedenen Gründen besonders nahe: Die Frage, inwieweit Industriearbeit als Sinnstifter taugt und was jenseits dessen noch bleibt, stellt sich in Bochum mit besonderer Brisanz, seit Opel, wo Fließbandarbeit zum ersten Mal in der deutschen Automobilindustrie eingesetzt wurde, des Standorts überdrüssig geworden ist.

Die Kunst der Maja Beckmann

David Bösch vermeidet es aber, das in seiner Inszenierung überdeutlich wie die Lottofee zum Thema zu machen. Dem Regisseur gelingt es, aus einem wegweisend simplen, traurigen Film von vor über 20 Jahren ganz behutsam ein mit einfachen Mitteln bewegendes, sinnliches Theater von heute zu machen. Dabei hilft ihm ein starkes Ensemble, vor allem eine Hauptdarstellerin, die in dieser Produktion über sich hinauswächst: Wenn sich Maja Beckmann nach der Discokugel reckt, weil sich natürlich auch die ohne ihr Zutun nicht drehen will, wenn sie sich im möglicherweise einzigen Glücksmoment im Leben ihrer Figur in künstlichen Glitterregen stürzt, wenn sie auf einen Anruf ihres Prinzen wartet, aber dann doch nur Streichhölzer aus der Leitung kommen, dann wird klar, wie viel Potential abseits der Komik in dieser Frau steckt.

Natürlich kann sie Slapstick, und natürlich zeigt sie das auch, aber wenn sie in dieser Produktion den Kaffee verschüttet, wenn sie mit einer fetten Eiswaffel im Mund sitzengelassen wird, dann verrät sie ihre Figur nicht, sondern lotet sie immer tiefer aus. Hätte der Regisseur doch noch mehr auf seine Schauspieler vertraut und sich einen Großteil der Erzählerkommentare gespart, die die vielsagende Stille des Abends teils unnötig durchbrechen. Bei Kaurismäki wird nach rund einer Viertelstunde zum ersten Mal gesprochen, bei Bösch nach noch nicht einmal fünf Minuten. Dabei kann er doch gerade das: mit wenigen, prägnanten Bildern viel erzählen. In diesem Fall ein finster-lustiges, berührendes Fabrikmärchen über die Sehnsucht nach einem Leben außerhalb der Arbeit. Dessen Schauplatz, dieser düstere Nirgendwo-Ort, liegt mitten im Hier und Jetzt.

 

Das Mädchen aus der Streichholzfabrik
nach dem Film von Aki Kaurismäki
in einer Fassung von Sabine Reich und David Bösch
Regie: David Bösch, Bühne: Franziska Gebhardt, Kostüme: Anna Maria Schories, Licht: Denny Klein, Dramaturgie: Sabine Reich.
Mit: Maja Beckmann, Anne Knaak, Matthias Redlhammer, Daniel Stock.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspielhausbochum.de

 


Kritikenrundschau

"So sinnlich war Theater selten", jubelt Jürgen Boebers-Süßmann auf dem Onlineportal der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung derwesten.de (4.6.2013). Regisseur David Bösch "gewinnt auf ganzer Linie. Dank eines schlüssigen Konzepts und einer großartigen Hauptdarstellerin: Maja Beckmann." Böschs Arbeiten sei ein "gewisser Hang zu Düsternis und Schwermut" immer zu eigen, daher passe "ausgerechnet dieses traurige finnische Märchen perfekt zu ihm". Es entstehe "eine atmosphärisch-stimmige Version des melancholischen Kino-Klassikers" von Aki Kaurismäki. "Vor den Augen eines am Ende sichtlich berührten Publikums entfaltet Bösch einen romantisch-innigen Kosmos des Scheiterns".

Bösch habe in "bester Kaurismäki-Manier" ein "Märchen aus der realen Welt" geschaffen, schreibt Max Florian Kühlem für die Ruhrnachrichten (4.6.2013). Maja Beckmann "wächst in der Stummheit ihrer Rolle über sich hinaus", schreibt der Kritiker und verbeugt sich tief vor der Aktrice: "Welche Geschichten aus ihrem Gesicht zu lesen sind, wie man als Zuschauer mit ihr erschrickt, wenn sie einmal mit lauter Stimme 'Ich' zu sagen versucht, wie man das kurze Glück mitfühlt, das rote Kleid zu tragen – das ist ganz großes Schauspiel und macht die Inszenierung absolut sehenswert."

Bösch "verbindet seine warmherzige, emotionale Art, Geschichten zu erzählen mit Kaurismäkis Ästhetik der Reduktion", schreibt Stefan Keim in der Welt (4.6.2013) und hebt ebenfalls ausgiebig die Leistung der Hauptdarstellerin Maja Beckmann hervor, die nicht nur "hübscher als Kati Outinen im Kino" sei, sondern auch viel mehr Lebensgier" zeige. Eingehend beschreibt der Kritiker die Szene, in der ein Liebhaber Beckmanns Figur Iris verlassen will: "Maja Beckmann glüht und vibriert. Die junge Frau spürt, dass er ihre Liebe nicht erwidert. Kurz scheint ihr Körper in die alte Lethargie zurück sacken zu wollen, aber der Kopf gestattet es ihm nicht. Sie will das Glück erzwingen. Natürlich klappt das nicht. Aber ihr Kampf ist berührend, wunderschön und auf traurige Weise witzig. Sie macht alles falsch, die Stimme überschlägt sich, sie verbrüht ihn mit Kaffee – grandioser Verzweiflungsslapstick."

 
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