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Papa ex Machina

Von Ralf-Carl Langhals

Mannheim, 15. Dezember 2007. Nur noch wenige Türchen am Adventskalender, dann ist es soweit: "Herbei, o ihr Gläub'gen!" Kämen sie nach Mannheim, hätten sie wenig Anlass zum fröhlich triumphieren. Dort, am Schauspielhaus des Nationaltheaters, hat just in der Nacht zum dritten Advent Christoph Nußbaumeders jüngstes Dramenkind das Scheinwerferlicht der Bühnenwelt erblickt.

Nach dem Nobelpreisträger- und Gutmenschendrama "Offene Türen" folgt nun am Nationaltheater das zweite Opus des frisch berufenen Hausautors in der Schillernachfolge: "Jetzt und in Ewigkeit", das sich als "Übermalung der Weihnachtsgeschichte nach Matthäus und Polanskis Film 'Rosemarys Baby'" versteht.

Weihnachten in Riverpoint
Ein Kindlein wird also wahrlich auf der Bühne geboren, der Arzt steckt armtief im Blut und singt fröhlich "Stille Nacht", eine schwere Geburt ist es trotzdem. Maria heißt hier Milli, Joseph schlicht Jim, schließlich sind wir in Amerika, wohin Nußbaumeder, Neospezialist für das kritische Volksstück in einer globalisierten Welt, das weihnachtliche Geschehen verlagert hat.

Doch ein wenig alpines Kolorit trägt der Niederbayer auch mit an den Mississippi. Die bayerische Wir-sind-Papst-Hysterie hat ihn zu einer amerikanischen Variante von Marktl am Inn inspiriert: Riverpoint, Geburtsort des fiktiven Zukunftspapstes Innonzenz XIV.

Bevor der Ort Weltruhm erlangt, sieht es dort eher traurig aus: Eine korrupte Bürgermeisterin bereitet sich mit den üblichen Mitteln auf die Wiederwahl vor. Dem jugendlichen Liebhaber verhökert sie billig Bauland, dem örtlichen Klinikdirektor stellt sie Zuschüsse in Aussicht, wenn er das Töchterchen wieder auf die richtige Spur bringt. Ein katholischer Pfarrer sorgt sich derweil zwischen Zölibat, Versuchung und schwindendem Einfluss um Gemeinde und Weltkirche.

Einer hält sich raus, aber mit nichts hinterm Berg: Wilson, Besitzer der Uhrmacherwerkstatt "Zeitgeist". Um just jenen Kauz dreht sich das kleinstädtische Leben, denn sein Bruder wurde in Rom zum Papst gewählt und ein jeder braucht den sperrigen Krebskranken nun für seine lukrativen Vorhaben. Das Mississippi-Kaff wird also zu Marktl am Inn.

Kirche, Kitsch und Klamotten
Statt Lederhosen und Gamsbart regieren hier Cowboystiefel und Texanerhüte (Kostüme: Sabine Blickenstorfer) – so schlicht und überdeutlich kann die Verknüpfung von kritischem Volksstück und amerikanischem Realismus geraten, wenn ein Regisseur sich mit Wucht auf die nächstliegenden Klischees aus Kirche, Kitsch und Kostüm setzt.

Mannheims Schauspieldirektor Burkhard C. Kosminski hat es getan. Christoph Nußbaumeder macht es der Regie allerdings auch nicht leicht, scheint es doch, als könne er sich nicht entscheiden, in welche Richtung er gehen will. Er hat durchaus ein Händchen für Figuren und auch diesmal recht erfolgreich im Humus der Gesellschaft gestochert und dabei die alternde, libidinöse Bürgermeisterin (Gabriela Badura), den Priester Fletcher (Peter Rühring) zwischen züchtigem Zölibat und lockender Lust, den windigen Drogisten Dick Kaiser (Reinhard Mahlberg) und manch anderen mehr gefunden.

Sprachlich folgt er fast wohltuend der Dialogtradition, und die Regieanweisung "Pause nach dem zweiten Akt" wirkt in Zeiten stets pausenloser 90 Minuten fast rührend. Und Nußbaumeder hat Sinn für Humor, doch dann ist er mit seinem Dichterlatein leider am Ende.

Geldgeile unterm Kreuz
Es sind die alten Dramen um Macht, Geld, Bigotterie und Korruption, die er im Schilde führt. Begriffe wie "Westernpopesoap", "satirisches Sittengemälde", "Fundamentalismuskritik" geisterten durch die Vorberichte. Nichts von dem ist es wirklich geworden, weil das Ergebnis zu platt ist, um zu provozieren, zu vorhersehbar, um zu überraschen, zu lieblich, um zu spotten, zu theologisch unbedarft, um als Kirchen- oder gar Religionskritik durchzugehen.

Fundamentalistisch oder auch nur gläubig ist hier niemand, geldgeil jeder. Auch der Pastor tötet den Papstbruder Wilson nicht aus religiösem Wahn, sondern aus Wut über eine ihm gestellte Falle. Dennoch hätten Gläubige Grund zur Sorge. Ein überdimensioniertes, spiegelndes Kruzifix nach Matthias Grünewald, das ständig entstaubt und aufpoliert werden muss, steht (passend zur Karlsruher Grünewald-Ausstellung) im Mittelpunkt der sonst im Westernkolorit verbleibenden Bretterbühne von Florian Etti.

Papst und Puff
Später soll mit dem Glaubenssymbol noch der neue kleine Heilsbringer erschlagen werden. Doch "Blasphemie!" schreit hier keiner, weil "Fundamentalismuskritik" und christliche Ikonographie nur Zierrat für einen Abend liefern, der sonst eher in den ruhigen Gewässern des seriösen Boulevards dümpelt.

Kurioses, wenn auch Überdeutliches wie der "Pilgerpuff Maria Magdalena", der "Papst-Erlebnispark" oder Madonnas "Like A Virgin" sind hier und da einen Schmunzler wert, doch daneben lässt eben auch Altbewährtes wie "Der Besuch der alten Dame" oder "Don Camillo und Pepone" grüßen.

Nachhaltige Einsichten? Fehlanzeige. Am Ende will Nußbaumeder wieder große Theatertradition: Unter Funkenregen erscheint Papst Innozenz XIV., wahrlich gänzlich unschuldig und unwissend, und regelt die Verhältnisse wie der Großinquisitor einst in Schillers "Don Carlos"-Finale. Nicht Deus ex Machina, sondern Papa ex Machina: Jesus und Maria erhalten ihr Kind aus den Armen des Papstes, gläubig fallen alle auf die Knie. Bald ist Weihnachten. O lasset uns anbeten ...


Jetzt und in Ewigkeit (UA)
von Christoph Nußbaumeder
Inszenierung: Burkhard C. Kosminski, Bühne: Florian Etti, Kostüme: Sabine Blickenstorfer, Musik: Hans Platzgumer, Dramaturgie: Ingoh Brux. Mit Ralf Dittrich, Peter Rühring, Gabriela Badura, Nadine Schwitter, Reinhard Mahlberg, Roman S. Pauls, Peter Pearce, Sven Prietz, Almut Henkel.

www.nationaltheater-mannheim.de

 

Kritikenrundschau

Auf echo online, der Internetseite des Darmstädter Echos (17.12.2007) nennt Stefan Benz Jetzt und in Ewigkeit einen "verspäteten Zeitgeistkommentar" ohne "bleibenden Witz und Wert". Die "blasphemische Satire auf das Wir-sind-Papst-Gefühl" hätte, in Bayern angesiedelt, eine Bauerntheater-Kroetziade werden können. Indes spielt sie in Amerika. Das Spiel hebe "als Typenkomödie leicht an, um bald lau zu werden". Trotz eines Ensembles, das "mit sichtlicher Freude" bei der Sache sei und einer Regie, die "das Spiel mit kluger Routine in Bewegung" halte, trete "die Provinzposse nach einer Stunden auf der Stelle". Da würden "die Ami-Witze schal" und es zeige sich, dass Nußbaumeder "nicht mehr zu bieten" habe als eine "erweiterte Kabarettnummer".

Als doch sehr brav und wenig Papst-kritisch beurteilt Martin Halter in der FAZ (18.12.2007) das "garstig-fröhliche Weihnachtsspiel. Man müsse dem Autor Nußbaumeder zugute halten, dass er sich, anders als die meisten seiner Generationskollegen, nicht "mit dem weltschmerzlichen Grübeln und Sehnen einsamer Melancholiker" aufhalte, sondern "unbefangen und lustvoll mitten hinein ins Menschenleben greift, weder den spätnaturalistischen Aufklärer-Gestus noch gröbere Effekte verschmähend". Diesmal habe er freilich "kein Gold, sondern nur ein erkaltetes heißes Eisen" gefunden, und "was darin noch an Witz und wütender Vitalität glimmt", habe Schauspielchef Kosminski mit dem "Klischee- und Klamaukhammer vollends zu Blech gehämmert".

In der Süddeutschen Zeitung (19.12.2007) schreibt Jürgen Berger, dass in Nußbaumeders Stück "einiges zusammen kommt". Es "jongliere mit dem Tourismus-Boom" an dem Geburtsort des fiktiven Papstes Innozenz XIV. "Parallel dazu" machen sich "drei mexikanische Sterndeuter auf den Weg ... und heuchlerische Bürger lassen beim Gedanken an den rollenden Rubel derart die Masken fallen." Nußbaumeder will "zuviel auf einmal", schreibt Berger, "die Handlung tritt über die Ufer wie der Mississippi bei Hochwasser." Kosminski, der eine Schwäche für amerikanische Bühnenklassiker habe, "inszeniert großflächige US-amerikanische Stereotypen mit Stetson und Cowboystiefeln." Und da der Regisseur die große Nummer wollte, "muss er nun damit leben, dass seine Schauspieler wie Irrlichter über die Bühne geistern." Das nicht genug: "Insgesamt bleibt das Mannheimer Ensemble weit unter seinen Möglichkeit und am Ende die Frage offen, was denn nun aus dem kleinen Jesus wird... Auch das, so ahnt man, kann nicht gut ausgehen."

In der Rheinpfalz (17.12.2007) schreibt Dietrich Wappler, Jetzt und in Ewigkeit sei eine "ziemlich böse Satire auf die Weihnachtsgeschichte mit zeitgemäßen Anspielungen auf Papstrummel und Glaubensgeschäfte". Der Mordanschlag auf Jesus wäre an einem anderen Ort zu einer anderen Zeit "natürlich für einen handfesten Eklat gut", nicht aber in Nußbaumeders Komödie. Kosminski setze in seiner Inszenierung auf "Komödienpräzision", es sei gut, dass dem Stück nicht mehr "Bedeutung abverlangt"  werde, als es "zu geben imstande" sei. Das Ensemble lobt Herr Wappler als "spielfreudig, klug und komisch".

Eine "kirchenlästerliche Weihnachtssatire mit grenzwertigen Provokationen" hat Monika Frank gesehen, wie sie in der Rhein-Neckar-Zeitung (17.12.2007) schreibt. Außerdem eine "wirklich großartige Ensemble-Leistung". Nußbaumeders Stück sei kein "Skandalstück", habe aber "Qualitäten", die es weit über "den Durchschnitt dessen erheben, was eine jährlich wachsende Schar von Jungdramatikern in schablonenhaft anmutender Schreibwerkstätten-Manier" produziere. Frau Frank lobt das umfangreiche Personal, "gute Dialoge", "geschickt aufgebaute Spannung" und ein "unerwartet heilsames Finale", Vorzüge, die gelegentliche theologische Höhenflüge, bei denen dem Autor die Luft ausgehe, und verbale Kraftmeiereien mehr als aufwiegen. Die Inszenierung zeige Nußbaumeder weniger in der Nachfolge von Kroetz und Fleißer als in Brecht-Nähe!!!