Das Theater als oralische Anstalt

von Leopold Lippert

Wien, 5. Juni 2013. "Le dernier cri" – "Der letzte Schrei" heißt die Jubiläumsausgabe der feministischen Literaturzeitschrift "Die schwarze Botin". Nach den 33 Nummern, die von 1976 bis 1987 in Berlin, Paris, und Wien produziert wurden, soll 2013 ein Sonderheft entstehen, das die schwarzen Botinnen von damals mit einer neuen feministischen Generation zusammenbringt – remastered und remistressed also.

Leichtfüßiges Abtasten

Für die Koproduktion der Wiener Festwochen mit dem Schauspielhaus Wien spielen sieben ältere und jüngere Botinnen eine der Redaktionssitzungen nach, die zur Entstehung des Jubiläumshefts führten. Das Konzept, das auf eine Idee der Bühnenbildnerin Barbara Ehnes zurückgeht, ist wirklich simpel: Literarische Texte werden vorgetragen, am Konferenztisch diskutiert, und am Ende steht die Frage: Rein oder raus?

schwarzebotin3 560 nurith wagner strauss uReenacted: Redaktionssitzung der "Schwarzen Botin"   © Nurith Wagner Strauss

Weil es aber doch Theater sein soll, gibt's eine "Soundinsel", an der Liesl Ujvary ab und an mit Synthieklängen "interveniert" oder einfach dramatisch dazubrummt; vier Videowände für dokumentarisches Bild- und Interviewmaterial; und eine Art Live-Twitter, der den Botinnen die Möglichkeit einer zusätzlichen Kommentarebene gibt. "Immer diese Metaebenen... :)" zwitschert es dort auch prompt.

Man merkt: Das ist alles nicht ganz ernst zu nehmen und in erfrischend unprätentiöser DIY-Ästhetik realisiert. Remistressing, so lernen wir, bedeutet also freche Twitterkommentare mit Grinse-Icons für die Chick Lit-Generation. Es bedeutet aber auch, den Laptop mal links liegen zu lassen, weil die echte Diskussion gerade spannender ist. Schließlich kann es sogar heißen, eine nicht ganz stimmsichere Runde im Chor zu rappen. Die Unbekümmertheit in der Auswahl der Mittel ist in jedem Fall Programm.

Das beflissene Vorabversprechen, die Texte von damals auf ihre heutige Gültigkeit zu überprüfen, als könnte man historische Kämpfe einfach einem Aktualitäts-Check unterziehen, wird zum Glück nicht eingelöst. Stattdessen folgt leichtfüßiges Abtasten und generationsübergreifendes Annähern, eher ein Nachdenken über Geschichte und Erinnerung, Legendenbildung und Distanzierungsmanöver als bloß ein Feminismus-TÜV.

Die Heldinnen von damals

Es ist ja auch tatsächlich einiges passiert in vier Jahrzehnten feministischen Denkens. Subjekte stellt man sich heute viel zerbrechlicher und veränderlicher vor als in den 70er Jahren. Und Feminismus ohne das queere Dazwischen hört sich für die Jungen auch irgendwie komisch an. Die Heldinnen von damals hingegen sind heillos überfordert, was all das neue Vokabular angeht. "Was sind Cis-Männer?", fragt Heidi von Plato an einer Stelle ganz unschuldig. Als Doris Arztmann dann aber belehrend wird und erklärt, dass Genderpolitik heute immer auch andere Differenzlinien wie Alter, Klasse, oder Ethnizität berücksichtigen sollte (Hashtag: Intersektionalität!), wird es der älteren Mona Winter zu bunt. "Also wir sind da auch nicht mit dem Rasenmäher drübergefahren übers Patriarchat", protestiert sie.

schwarzebotin2 280 nurith wagner strauss uHin und wieder ein Wirchen trinken: Ginka Steinwachs  © Nurith Wagner Strauss

Was die Botinnen trotz aller Unterschiede verbindet, ist die dringliche Lust an der Auseinandersetzung mit Sprache und Politik. Das kann die entlarvende Kritik an der sprachlichen Schaffung und Reproduktion von Machtverhältnissen sein. Das kann aber auch die Freude am spaßigen Entwerfen von neuen feministischen Poetiken sein (Etwa: das Theater als oralische Anstalt). In dieser Solidarität findet das ungebrochen Divenhafte der Ginka Steinwachs, die ein wenig wie die sympathische Variante von Dagmar Koller auftritt, ebenso Platz wie die beharrliche Weigerung von Silke Graf, sich in einer geschlechtlichen Eindeutigkeit zu positionieren. Trotz aller Unterschiede, meint Steinwachs an einer Stelle, "sollte man hin und wieder ein Wirchen trinken". Weil im Schauspielhaus für den Anlass ohnehin eine Lümmel- und Leseecke aufgebaut wurde, und weil es ein so selten schönes Erlebnis ist, Menschen ganz aufmerksam beim Denken und Diskutieren beobachten zu können, würde man da gerne mit anstoßen.

 

Die schwarze Botin – Remastered and Remistressed (UA)
Idee und Gestaltung: Barbara Ehnes, Dramaturgie: Elisabeth Burchhardt, Videomontage: Özlem Konuk, Akustische Interventionen: Liesl Ujvary.
Mit: Doris Arztmann, Marina Auder, Silke Graf, Heidi von Plato, Ginka Steinwachs, Katharina Serles, Mona Winter.

www.festwochen.at
dieschwarzenbotinnen.wordpress.com

 

Kritikenrundschau

"Sind gegenwärtige, weitgehend im akademischen Milieu situierte Reflexionen von Gender Studies und Queer Theory überhaupt historisch anschlussfähig zu den politischen Kämpfen der 70er und 80er Jahre? Diese Frage stößt das Projekt von Barbara Ehnes bei den Wiener Festwochen zumindest an", findet Uwe Mattheiss in der taz (7.6.2013). Die Bühneninstallation im Schauspielhaus lässt einen teilhaben an einer fiktiven Redaktionssitzung, "statt hartem Dokumentartheater sucht Ehnes die spielerische Annäherung". Was den Abend dann doch sehenswert mache, "ist die unlösbare Verschränkung von Dichtung und Aufführung in den Vorträgen von Ginka Steinwachs".

"Die Genderstudies haben in den letzten dreißig Jahren gezeigt, um wie viel komplexer die Diskussionen heute geführt werden müssen. So gesehen haben die 'schwarzen Botinnen' damals schon ganze Arbeit geleistet", findet Margarete Affenzeller im Standard (7.6.2013). Es sei kein geringes Verdienst des Projekts, diese Arbeit (kritisch) zu würdigen und dafür eine bühnentaugliche Form gefunden zu haben. "Aber: Mehr noch als der manchmal durchhängende Abend selbst überzeugt an der Schwarzen Botin der generelle Ansatz, den Konfliktaustragungsort Theater für künstlich erhöhte, wissenschaftliche Dispute zu nützen."

 

 
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