Auf Puppen kann man bauen

von Sabine Leucht

München, 8. Juni 2013. Giacometti! Das ist der erste Gedanke! Und der zweite, dass der überlange, dürre Kerl, der dem Stiller da über die Schulter schaut, so gar nicht aussieht wie die stämmigen, erdverhafteten Figuren, die man aus "Woyzeck on the Highveld" oder "Faustus in Africa" kennt. Aber die Handspring Puppet Company ist eben nicht nur eine der spannendsten, sondern auch eine der flexibelsten Figurentheatergruppen der Welt: Das zeigt etwa der auch kommerzielle Erfolg, den die Südafrikaner und ihre lebensgroßen Pferde mit der Produktion "War Horse" haben, die im Oktober in Deutschland zu sehen sein wird (unter dem Titel "Gefährten" im Berliner Theater des Westens).

stiller2 280h thomasdashuber uAugust Zirner und sein Stiller Puppen-Gefährte © Thomas Dashuber

Das Geld, das mit diesem Spektakel in ihre Kasse fließt, investiert die Truppe, laut Handspring Co-Founder Basil Jones, in ihrem Herkunftsland, wo sie mit Jugendlichen arbeitet oder einen Abend lang abwechselnd in Häusern von weißen und schwarzen Südafrikanern spielt, in die das Publikum ihr folgen muss. Im gegenwärtigen Südafrika bedeute das, so Jones, noch immer "Grenzen zu überwinden, die man normalerweise nicht überschreitet."

Biografie, ein Konstrukt

Die Grenze nach Deutschland war für die Handsprings immer offen. Seit zwanzig Jahren sind ihre Produktionen hier auf Festivals zu sehen. Nun aber haben sie zum ersten Mal mit einem deutschen Theater zusammengearbeitet. Und weil Max Frischs "Stiller" (1954), das gestern am Münchner Residenztheater Premiere hatte, eigentlich das Buch eines Schweizer Autors ist, lag der Gedanke an den Schweizer Bildhauer Giacometti (1901 bis 1966) nahe. Zudem war der Mann, der in "Stiller" ins Gefängnis kommt, bei seinem Verschwinden vor 16 Jahren ebenfalls Bildhauer. Das glauben zumindest alle, während Anatol Ludwig Stiller selbst gebetsmühlenartig den Satz "Ich bin nicht Stiller!" wiederholt. Schon lieber nennt sich der Typ, der an seiner Feigheit vor dem Leben scheiterte, der seine Frau im Sanatorium und seine Geliebte mit einer Abtreibung alleine ließ, James Larkin White, seines Zeichens skrupelloser Mehrfachmörder - was es eben braucht, um die ungeliebte Biografie durch eine gewichtigere zu ersticken.

Biografie, eine Heimsuchung

Der Erfolg seines Romans verhalf Max Frisch dazu, das alte Dasein als Architekt endgültig durch ein neues als Schriftsteller zu ersetzen. Stiller selbst entkommt seiner Erstidentität nicht, und wenn das Buch in Teilen noch einem Kriminalfall gleicht, in dem die Frage "Ist er´s nun oder ist er´s nicht?" lange unbeantwortet im Raum steht, entscheiden sich Tina Lanik (Regie), Mervyn Millar (Puppenregie) und Andreas Karlaganis (Dramaturgie) früh für das Drama der unentrinnbaren Identität, in dem Stiller zugleich der Gefangene ist und sein strengster Wärter. Denn alles, was er erzählt, verknüpft ihn mit seinem alten Leben. Er verliebt sich sogar erneut in Julika, die zarte Tänzerin mit dem Lungenleiden, die August Zirner, der menschliche Stiller auf der Bühne des Cuvilliéstheaters, nicht einmal anschauen muss, um ihr Gesicht beschreiben zu können. Überhaupt ist der Mann, der so offensichtlich mit beiden Beinen auf dem Boden steht, während sein Puppendouble auf den seinen herumstakst (und die anderen, wie Erinnerungen auf- und abtretenden Figuren zum großen Teil gar keine haben), der verletztlichere der beiden Stillers. Er zuckt vor dem Blick und der Berührung der Puppe zurück.

stiller3 560 thomasdashuber uDie "Stiller"-Bühne von Stefan Hageneier © Thomas Dashuber

Biographie, ein Puppenspiel

Dabei ist es gar nicht einmal das Verwunderlichste an diesem Abend, dass es die Resi-Akteure binnen zweier magerer Monate geschafft haben, lebensgroße Figuren atmen, sichtbar denken und sich fast lebensecht bewegen zu lassen. Noch viel erstaunlicher erscheint, dass einige Schauspieler, wenn sie wieder alleine auf der Bühne stehen, plötzlich so wirken, als habe man ihnen ihr wichtigstes Ausdrucksmittel genommen. Und nun ist ihr Spiel viel zu plump und groß.

Es ist eine stille, fast hypnotische Stimmung, die von den Puppen ausgeht. Und vor allem das bleiche Stiller-Double, das als einzige Figur ständig auf der Bühne anwesend ist, erscheint immer mehr als der ruhende Pol des Abends: Das, was bleibt und worauf man getrost auch bauen kann, während Zirners anfangs fast starre Haltung sich immer mehr in Verzweiflung auflöst. Doch dass das Double stärker ist, bedeutet nicht den Sieg der untoten Vergangenheit über die Gegenwart. So einfach machen es uns Lanik und Millar nicht: Mal spiegelt die Stiller-Puppe die Bewegungen des Stiller-Menschen, mal bringt sie seine Sätze zu Ende, mal umgekehrt. Und auch die Stimme der Figur wechselt, ja selbst die drei Spieler, die sie bewegen, bleiben nie lange dieselben. Stiller: Das sind und bleiben viele.

Biographie, eine Multitude

Es sorgt vor allem zu Beginn für Unruhe, wenn vorübergehend plötzlich fünf Menschen den mageren Protagonisten umkreisen. Manche Übergänge sind noch etwas ruppig und die sprunghafte Erzählweise, die wie in der Vorlage immer wieder in unterschiedliche Schichten der Vergangenheit abtaucht, verwirrt zuweilen. Aber das ist alles nicht schlimm. Denn zur Orientierung hat Stefan Hageneier einen wie mit flotten Kohlestrichen auf vergrautes Pergament skizzierten Raum gebaut, den es gleich drei mal hintereinander gibt. Die beiden hinteren Räume können für den Zuschauer verschwinden, aber auch transparent verhüllt werden. Bezaubernd illuminierte Bilder entstehen so. Auf einem der letzten sieht man Sibylle Canonicas Julika mit gleich zwei Puppen-Doubles: Einer winzigen Ballerina in Aktion und einer sterbende Julika-Puppe, vor der Canonica mit leuchtendem Haar im allgegenwärtigen Grau selbst auf dem Boden sitzt und von den vielen Juliken erzählt, die außerhalb ihrer selbst existieren. Denn unter der Macht der Blicke der Anderen leiden wir schließlich alle.

 

Stiller
nach Max Frisch, Textfassung von Andreas Karlaganis, Tina Lanik und Mervyn Millar
Regie: Tina Lanik, Puppenregie: Mervyn Millar.  Künstlerische Leitung Handspring Puppet Company: Basil Jones, Adrian Kohler, Bühne und Kostüme: Stefan Hageneier, Puppendesign: Edmund Dimbleby, Musik: Rainer Jörissen, Licht: Gerrit Jurda, Dramaturgie: Andreas Karlaganis. 
Mit: Robert Joseph Bartl, Sibylle Canonica, Thomas Grässle, Aurel Manthei, Barbara Melzl, Oliver Nägele, Katrin Röver, Wolfram Rupperti, Marie Seiser, August Zirner.
Dauer: 2 Stunden, 30 Minuten, eine Pause. 

www.residenztheater.de

 

Mehr zu Max Frisch: Vor zweieinhalb Jahren schon kämpfte Heike M. Goetze mit Frischs Stiller in Zürich; zuletzt besprach nachtkritik.de von Max Frisch den Graf Öderland in Essen und Blaubart in Bern.

 

Kritikenrundschau

In Tina Laniks "Stiller"-Inszenierung scheinen die Schauspieler "die Puppen zu beseelen, ihnen Gefühle und Gedanken ihrer Figuren zu übertragen", meint Michael Schleicher im Münchner Merkur (10.6.2013). "Zwar litten unter dieser Herausforderung bei der Premiere manchmal Textverständlichkeit und Einsätze – doch das gibt sich mit etwas Routine. Viel wichtiger ist, dass auf der Bühne oft traumwandlerische Bilder entstehen." Es werde hier "sehr viel poetischer" auf den Stoff zugegriffen, als Frisch das tue: "Das gibt dem Abend seine Magie."

Die Fassung springe durch den Roman "in fiktiven Protokollen, Tagebüchern und freien Erzählungen, und so beherzt der 'Stücktext' komponiert ist, nie verlässt er den festen Stamm von Stillers (möglicher) Biografie", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (10.6.2013). Die Puppen seien "dabei so wenig Beiwerk wie der Raum nur Ausstattung ist. Alles ist zwingend in dieser Aufführung, die den Roman mit größtmöglicher Plastizität auf die Bühne bringt. Mehr nicht, aber bräuchte man auch noch eine Deutung, eine Haltung, wenn das, was man sieht, ein ungeheurer Reichtum an Facetten ist?" August Zirner schließlich spiele "den Stiller unwirsch und überlegen, verzweifelt und eskapistisch, egoman, haltlos. Zirners Spiel ist so herrlich wenig eindeutig zu fassen wie das Figuren-Darsteller-Geflecht um ihn herum. Was wahr ist, muss man selbst entscheiden. Nicht nur das macht den Abend groß."

 

 
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