Das war nicht ich!

von Kai Krösche

Wien, 11. Juni 2013. "Ich" ist ein seltenes Wort im Zuschauerraum des Theaters. Allzu leicht nimmt man in der Anonymität seines bequemen Sitzes im Publikum den distanzierten Blick ein, zieht eine imaginäre, trennende Linie zwischen sich und dem Bühnengeschehen, lässt Reflexion oft erst im Nachhinein zu.

Was aber, wenn das Theater selbst diese Grenze durchbricht, den Zuschauer zur Teilnahme zwingt, wie es in der Festwochen-Performance "Audience" des belgischen Kollektivs Ontroerend Goed geschieht?

Was nun?

Sicher, man kennt das schon. Zu Beginn erklärt uns bei angeschaltetem Saallicht im Wiener Schauspielhaus eine der Performerinnen die goldenen Regeln des Theaterbesuchs: Handys aus, still sein, am Ende klatschen. Reden verboten, Lachen erlaubt, wer pinkeln muss, möge sich diskret bei seinen Sitznachbarn entschuldigen und nachher in einer günstigen Sekunde wiederkommen, sonst denkt man noch, es habe ihm nicht gefallen. Es hat etwas Absurdes, diese Rituale vor Augen geführt zu bekommen: Anscheinend ist im Theater mehr verboten als erlaubt.

audience 280h robertday u© Robert Day Man ist das vielleicht auch schon gewohnt, wenn plötzlich ein anderer Performer auf die Bühne kommt und dem Publikum eröffnet, dass er es nun "like animals" zum Klatschen dressieren will. Erst mit einem Finger, dann mit zweien, am Ende sollen es Standing Ovations werden. Als Kritiker kann man es sich da schön einfach machen: Man ist ja da, um zu betrachten, also lässt man das Klatschen einfach bleiben. Macht nicht mit, wenn sich die Hälfte der Leute im Saal plötzlich im tobenden Applaus aufs Signal hin von den Plätzen erhebt.

Der Performer: ein Ungeheuer

Zum Glück, denkt man sich einen Augenblick später. Denn die auf der Bühne befindliche und von einem Mann in Schwarz geführte Kamera, die schon zuvor – ganz zum Vergnügen des Publikums – einzelne Gäste im Publikum abscannte, um diesen von den Performern fiktive, meist witzige Gedanken in den Mund zu legen, bleibt plötzlich an einer jungen Frau in der ersten Reihe hängen. Geht das also weiter mit den Scherzen, denkt man sich. Bis der Performer plötzlich beginnt, die junge Frau zu beleidigen. Hässlich sei sie. Lieder wie "You are beautiful" seien für Leute wie sie geschrieben. Ein dämliches "fuckface" sei sie, "damn, I'd like to beat the shit out of you".

Das "Ich": ein Feigling?

Da ist es plötzlich. Das "Ich". Der eben noch so lustige Performer und Animateur ist zum Ungeheuer mutiert und stellt mich auf die Probe. Ich, ja, ich sehe im Gesicht der jungen Frau den vergeblichen Versuch, die Beleidigungen als Teil der Performance zu sehen, aber die Unsicherheit ist ihr ins Gesicht geschrieben. Mache ich mich gerade schuldig?

Ich mache es. Denn jetzt fährt die Kamera auf ihren Schritt und der Performer sagt der jungen Frau, sie solle ihre Beine spreizen. Er höre erst auf, wenn sich wer für sie einsetze. Schon bald ruft eine Stimme aus dem Publikum, er solle die Frau in Ruhe lassen und die Kamera woanders hinrichten. Es ist nicht meine Stimme; bin ich ein Feigling? Fehlt mir die Zivilcourage, von der ich in jeder Gesprächsrunde stolz und felsenfest behaupten würde, dass es mir an ihr sicher nicht mangelt? Kann ich mich noch zurückziehen in meine Rolle als der "beobachtende", passive Kritiker, der von Berufs wegen uninvolviert bleiben muss, oder bin ich einfach ein rückgratloser Duckmäuser?

Glaube an die Menschheit

Der Typ da oben hört immer noch nicht auf. Er bietet bis zu 30 Euro demjenigen an, der mit ihm gemeinsam "spread your legs" skandiert. Mein Glaube an die Menschheit wird gerettet, als sich alle Angesprochenen entschieden gegen das Angebot wehren. Gekichert haben trotzdem einige beim zuvorigen grenzwertigen (vielleicht gar grenzüberschreitenden?) Beleidigungsspielchen. Der Performer entschuldigt sich schließlich bei der jungen Frau aus dem Publikum. Immerhin. Sie lächelt, ein wenig erleichtert. War es jetzt also doch nur ein Spiel? Oder ist das irrelevant, ob Spiel oder nicht? Habe ich gerade psychische Gewalt gesehen und bewusst zugelassen?

Endlich beginnt ein neuer Teil des Abends. Einzelne Performer halten glühende, von pathosüberladener Musik untermalte Reden über die Nichtigkeit des Individuums, über die Notwendigkeit, in der Gruppe aufzugehen. Da fällt es einem schon leichter, sich abzugrenzen. Auch kann man die folgende Musikcollage aus Discohits, die mit Forderungen von "Lean back" hin zu "Everybody dance now","Throw your hands up in the air" und so weiter plötzlich übergehen in nahtlos eingestreute, menschenverachtende Texte, die die Verbrennung Homosexueller fordern, als plakativ betrachten.

Oder besser: könnte man, hätten sich nicht doch einige im Publikum von den ausgelassen tanzenden Performern dazu verleiten lassen, mit die Hände in die Luft zu reißen und die Hüften zu schwingen. Ein abschließender Bilderreigen zeigt zu ergreifender Musik jubelnde Menschen: Auch hier gehen Menschenmassen, die die Freiheit feiern, nahtlos über in Bilder ausgelassener Menschen aus "Triumph des Willens". Etwas in mir will das alles als zu simpel, als zu einfach gedacht abtun, aber es funktioniert nicht: Mir wird übel, ein tiefes Unbehagen ergreift mich, ich fühle mich schmutzig.

Und dann ist es auch schon vorbei. Niemand kommt auf die Bühne: Stattdessen fordert mich ein projizierter Text auf, zu klatschen. Nur aus Trotz weigere ich mich, sitze ich da mit verschränkten Armen.

Dann fordert mich der Text auf, nach Hause zu gehen. Verdammt.

 

Audience
von Ontroerend Goed / Alexander Devriendt 
Inszenierung: Alexander Devriendt, Bühne und Kostüme: Sophie de Somere, Licht und Musik: Timme Afschrift, Kamera: Aaron De Keyzer. 
Mit: Aurélie Iannoy, Matthieu Sys, Tiemen Van Haver, Joeri Smet. 
Dauer: 1 Stunde, keine Pause 

www.festwochen.at

 

Mehr zu Ontroerend Goed: Im August 2011 besprach nachtkritik.de A game of you bei den Salzburger Festspielen, im April 2013 All that is wrong beim Berner Festival auawirleben.

 

Kritikenrundschau

In der Typologie der interaktiven Performance gehöre dieser Abend "zur angriffigen Kategorie", schreibt Helmut Ploebst im Wiener Standard (14.6.2013). Dort werde nämlich klargestellt: "Ins Theater gehen kann zum Nervenkitzel werden." Angenommen die Übergriffigkeiten der Gruppe sei nicht mit den Betroffenen abgesprochen, "und bei allem Spaß an Ambivalenzen: Wenn diese Übung dazu dient, zu testen, ob der Publikumsrest des Publikums dem Opfer beisteht, müsste Regisseur Alexander Devriend ein Setting wählen, in dem gespielte und nicht gespielte Realität nicht wie hier ineinander verstrickt sind. Die Angeflegelte musste sich nicht betroffen fühlen, da sie wusste, das ist nur ein Spiel. Das mehrheitlich junge Publikum wusste das auch und sperrte sich mit einer Mischung aus Ironie und Betretenheit."

 

 

 
Kommentar schreiben