Sich auserzählen

von Wolfgang Behrens

Berlin, 12. Juni 2013. Sie gehen, wie sie gekommen sind. Als Armin Petras und die Seinen ins Maxim Gorki Theater einzogen, stampften sie bei einem Eröffnungsspektakel mit zehn Premieren innerhalb von nur zwei Tagen ein ganzes Repertoire aus dem Bühnenboden – und machten zugleich klar, worum es am Gorki hinfort gehen würde: um schnelles, spielfreudiges, sich im rasenden Produktionstempo verausgabendes Theater, das eher nicht das große Format, durchaus aber den intensiven Moment sucht.

Nun, sieben Jahre später, ziehen sie also weiter gen Stuttgart, und zum Abschied schenken sie noch einmal eines dieser Spektakel her, in denen das Haus von der Großen Bühne bis in die Kantine hinein bespielt wird. Sieben Jahre, das ist genau jene Spanne, von der Benno Besson – der vor über vier Jahrzehnten die Form des Theaterspektakels an der Volksbühne erfand – einmal sagte, dass sie die Zeit einer Truppe sei: Sieben Jahre lang funktioniere eine solche Konstellation an einem Ort, danach müsse ein neuer Impuls kommen, danach sei die Zeit der Truppe vorbei.

Auserzählt, aber nicht überzogen

Nach dem ersten Abend des Abschluss-Spektakels "5 Tage im Juni" – das, alle Miniaturen mitgezählt, immerhin noch einmal mit verschwenderischen acht Premieren aufwartet – will man Besson nicht wirklich widersprechen: Ja, es macht Spaß, all die Petras-Spieler und Weggefährten noch einmal zu erleben. Doch man kann auch, mit einem Wehmutstränchen im Knopfloch, den Eindruck gewinnen, dass der Petras-Stil hier und jetzt in Berlin auserzählt ist. Allemal anerkennenswert dabei ist, dass Petras geht, bevor man seiner überdrüssig wird. Er hat die Zeit der Truppe am Gorki voll ausgeschöpft, aber nicht überzogen.

Bei den "5 Tagen im Juni" präsentieren sich noch einmal einige jener Regisseure, die schon bei Petras' Auftakt dabei waren – Sebastian Baumgarten, Jan Bosse und Peter Kastenmüller –und auch solche, die zu den Entdeckungen seiner Intendanz gehören: David Marton oder Antú Romero Nunes. Wobei dies auf der Großen Bühne, zumindest am ersten Abend, leider ein wenig zur Schnipsel-Schau gerät. Aller Ehren wert ist noch David Martons Verzicht, eine theatrale Arbeit zu liefern: Angesichts der politischen Lage in seinem Heimatland Ungarn verliest er stattdessen einen Text, der von perfiden Strategien der Orbán-Regierung im Umgang mit den (nicht zuletzt auch künstlerischen) oppositionellen Kräften berichtet.

parapupi 560 thomasaurin uWollen Sie Parapupi oder Parapupi? – Ich nehme Parapupi. – Parapupi ist aus! © Thomas Aurin

Hübsch, läppisch, etüdenhaft

Antú Romero Nunes' Beitrag "Paparapupi oder Der Aufstand der Sprache" ist dann nicht viel mehr als ein (vermutlich von der Trickfilm-Serie Family Guy inspirierter) Sketch über die Aussprache eines fiktiven italienischen Wortes, das alles oder auch nichts bedeuten kann. So hübsch wie läppisch. Und Sebastian Baumgarten zeigt Material aus "In der Schlangengrube", einem Text von Armin Petras und Jan Kauenhowen, in dem auf dokumentarischer Grundlage die Alltäglichkeit des Sterbens verhandelt wird. Baumgarten hat den Text 2008 an der Komischen Oper mit Mozarts "Requiem" gekreuzt und damals teils bestürzende Bilder gefunden. Dagegen wirken die nun zu sehenden kurzen Ausschnitte, die – ähnlich wie bei Baumgartens Johanna – von expressiven und den Realismus der Szenen verfremdenden Einwürfen eines Manns am Klavier begleitet werden, eher etüdenhaft.

Petras selbst hat sich mehr Zeit eingeräumt: Im (nur mit semi-gemütlichen Sitzsäcken fürs Publikum möblierten) Studio holt er noch einmal zu einem hybriden Doppelprojekt aus und kombiniert den Lenz'schen "Hofmeister" mit Judith Schalanskys vor zwei Jahren erschienenem Roman "Der Hals der Giraffe". Die Verbindung beider Stoffe ist wohl nur oberflächlicher Natur: Es geht jeweils um pädagogische Konzepte und um gesellschaftliche Außenseiter. Doch Petras versucht erst gar nicht, Analogien zwischen den Texten überzustrapazieren oder diese gar ineinanderzuschneiden. Vor der Pause knallt er vielmehr eine um einige Handlungsnebenstränge eingedampfte Version des "Hofmeisters" hin, die noch einmal Vorzüge wie Schwächen des Petras'schen Stils vor Augen führt.

Jungenhafter, naiver Charme

Da ist eine unbändige Lust, aus Situationen Funken zu schlagen und sie in den wie improvisiert wirkenden Eskalationen doch irgendwie auf den Punkt zu bringen. In historisierenden Kostümen und mit parodistisch historisierendem Zungenschlag spielen Petras' Darsteller dabei Figuren, die gänzlich vom Gestenrepertoire und der Gefühlswelt der Jetztzeit durchdrungen sind – was einen komischen Bruch auf den andern folgen lässt.

Wenn der Hofmeister Läuffer, dem Holger Stockhaus eine wunderbar gehetzte Körperlichkeit verleiht, seine Menuette zu 70er-Jahre-Dicscomusik tanzt, wenn sich das flittchenhaft verzogene Gustchen (Svenja Liesau) statt im Teich gurgelnd und gurrend im Plastikeimer zu ertränken sucht und wenn sich ein von einem bezopften Peter Kurth bewohntes Papphaus in Bewegung setzt, dann versprüht die Inszenierung einen jungenhaften, fast naiven Charme, dem man sich gerne hingibt. Und es ist schon eine eigene Kunst, wie Petras dann momentweise doch zum Ernst, ja, zum Pathos zurückfindet. Trotzdem: Allzu oft droht sich das Alberne zu verselbständigen, und eine konsistente oder aufschließende Lesart des Stücks sucht man im spielerischen Taumel wohl vergebens.

halsgiraffe 560 bettinastoess uKnistert es? Anja Schneider und Svenja Liesau in "Hals der Giraffe" © Bettina Stöß

Solo für Schneider

Nach der Pause schlägt dann – im "Hals der Giraffe" – noch einmal die Stunde der Anja Schneider, einer jener Schauspielerinnen, die Petras' Gorki-Zeit ganz entscheidend mitgeprägt haben. In einem großen Monolog spielt sie Inge Lohmark, eine stark am Darwinismus ausgerichtete Biologie-Lehrerin aus einem Provinznest im Osten, der es jedoch nach der Wende an der eigenen Anpassungsfähigkeit an die neuen Lebensbedingungen mangelt.

Anja Schneider muss scheinbar gar nicht viel machen, um dieser Inge Lohmark ein eindrückliches Profil zu verleihen: Die auberginenfarbene Brille auf der Nase, doziert sie mit starrer Fassade. Ein sammelnder Blick seitlich nach unten – und weiter geht's in ihrer Predigt von Zucht und Auslese. Geradezu magisch ist es aber, wie Anja Schneider diese Fassade nahezu unmerklich bröckeln lässt: Sie nimmt die Brille ab, mischt sich unters Publikum, und fast die gleichen Sätze, die sie eben noch so hart in die Welt spuckte, werden nun von einer Wärme durchpulst, die aus der Karikatur einer verhärmten Bio-Lehrerin plötzlich einen Menschen mit einer Geschichte werden lassen. Ein starkes Solo.

Am Ende sind die "5 Tage im Juni" damit noch nicht. Morgen mehr.

 

5 Tage im Juni
Abschluss-Spektakel zum Ende der Intendanz von Armin Petras

Jetzt nicht / Paparapupi oder Der Aufstand der Sprache / In der
Schlangengrube
Bühne: Natascha von Steiger, Kostüme: Hanne Günther, Thomas Maché
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

Jetzt nicht
von und mit David Marton
Dramaturgie: Annika Stadler

Paparapupi oder Der Aufstand der Sprache
von Antú Romero Nunes
Regie: Antú Romero Nunes, Musik: Johannes Hofmann, Licht: Norman Plathe,
Dramaturgie: Carmen Wolfram.
Mit: Aenne Schwarz, Paul Schröder.
Statisterie: Henriette Bothe, Sonja Lachmund, Marie Meyer, Annette
Rentz-Lühning, Marie Scharf, Renate Sörensen, Johannes Storks.

In der Schlangengrube
von Armin Petras und Jan Kauenhowen
Regie: Sebastian Baumgarten, Video: Natascha von Steiger, Musik: Max
Renne, Dramaturgie: Carmen Wolfram.
Mit: Regine Zimmermann, Wilhelm Eilers, Johann Jürgens, Max Renne


Der Hofmeister / Der Hals der Giraffe
von Jakob Michael Reinhold Lenz / Judith Schalansky
Regie: Armin Petras, Ausstattung: Annette Riedel, Video: Rebecca Riedel,
Licht: Gregor Roth, Dramaturgie: Sibylle Dudek.
Mit: Svenja Liesau, Anja Schneider, Lara Strautmann, Robert Kuchenbuch,
Peter Kurth, Holger Stockhaus.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.gorki.de

 

Kritikenrundschau

Auf der Website des Deutschlandfunks (13.6.2013) schreibt Eberhard Spreng: "Das Eilige, Nicht-Ganz-Fertiggewordene" werde von Armin Petras' Theaterarbeit in Berlin in Erinnerung bleiben, ein "Theater im Zustand der permanenten Selbstüberforderung", das immer mehr zu erzählen hatte, als es theatralisch voll ausformen konnte. Von den Petitessen des Spektakels wenig Erwähnenswertes. Antú Romero Nunes' "Witzelei" über Verständigungsnöte beim Italiener blieben in Erinerung, weil Paul Schröder und Aenne Schwarz sie komödiantisch "zur Phantasmagorie im Sprachirrland" auflüden. Petras' eigene, "stark reduzierte Version" des lenzschen "Hofmeisters" sei nicht mehr als "ironisches Paradieren, aufgerissene Augen, lustige Pappkarton-Späßchen und die rohe Karikatur der Figuren", die sozialkritische Komödie aus der Sturm-und-Drang-Zeit nicht einmal in Umrissen erkennbar. Hoch konzentriert dafür Anja Schneiders Solo "Der Hals der Giraffe". Mit "Lenz und Schalansky und Fragen der Pädagogik" habe Petras dem Berliner Publikum noch einmal "Kernthemen seines Theaters" mit seiner "zutiefst philanthropischen Weltsicht" geboten. Bei Petras gebe es keinen "Zynismus und keine hypertrophe Kunstversessenheit", nur "spontanes Begreifenwollen".

Seinen Mythos habe das Maxim Gorki der letzten Jahre mit seinem "Zisch!-Theater" längst erlangt, schreibt Andreas Schäfer im Tagesspiegel (13.6.2013): "Petras, der Mann mit der Mütze, macht das schnellste Stadttheater ever!" Entsprechend sei das Abschlussspektakel organisiert, wobei die "Grenze zwischen mitreißendem Zisch- und routiniertem Vorbeirauschtheater" auch "dünn" sei. Deutlich werde an diesem Abend, dass sich die "mythisch gewordene, amüsant flockige Erzählweise des Hauses" inzwischen "auch leergelaufen" habe. Nunes "Paparapupi" sei ein "surrealistisch anmutender Restaurant-Sketch"; Baumgarten kontrastiere "bewegende Monologe von Todkranken" mit "dem Bericht eines Charité-Arztes über die Bildung von Tumoren", um "das Ganze schließlich durch einen albernen Analogieschritt zur geschwürartig aufgeblähten Finanzindustrie ins Lächerliche zu ziehen". Petras selbst präsentiere eine "aus dem Ärmel geschüttelte Klamaukorgie in historischen Kostümen" ("Hofmeister") sowie den "Höhepunkt" des Abends im Auftritt Anja Schneiders in "Hals der Giraffe", der es gelinge, "die Verlorenheit einer vereinsamten Frau hervortreten zu lassen": "Ohne Mätzchen, ohne Musik – und fast ohne Videorauschen"

Im Rahmen seiner Bilanz der Ära Armin Petras am Maxim Gorki Theater würdigt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (17.6.2013) auch das "Abschiedsspektakel": Antú Romero Nunes habe sich "in einer Slapstick-Inszenierung für den fröhlich sinnlosen Quatsch" entschieden. In Sebastian Baumgartens "Kurz-Inszenierung zieht der Mediziner Jan Steffen Jürgensen Analogien zwischen wuchernden Krebszellen und hyperventilierenden Finanzmärkten. Armin Petras zeigt in einer wunderbar verspielten, leichten, gute Laune machenden Inszenierung von J.M.R. Lenz' 'Der Hofmeister' mit einer hinreißenden, frisch von der Schauspielschule engagierten Svenja Liesau und einem sehr komischen Peter Kurth noch mal, was für ein toller Regisseur er sein kann."

 

 
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