Das sind doch wir!

von Matthias Weigel

Berlin, 13. Juni 2013. Und noch mal drei Premieren: Auch am zweiten Tag des Abschieds-Festivals "5 Tage im Juni" zum großen Teamwechsel am Berliner Gorki Theater gibt es wieder drei neue, halbstündige Szenen. Am Vortag erst waren als Regisseure David Marton, Antú Romero Nunes, Sebastian Baumgarten und der scheidende Intendant Armin Petras selbst angetreten. Nun folgen Jan Bosse, der humorvolle Timing-King, Sebastian Hartmann, kauziger Schreck-Ironiker, sowie Jorinde Dröse, die umsichtige Bürgerlichkeits-Baumeisterin. Welchem der drei wird nach diesem Abend gelungen sein, den Theaterzauber ins Haus holen?

Der Künstler und das Unglück

derseiltaenzer3 280h thomasaurin uDie Seiltänzerin Aenne Schwarz überm Abgrund.  © Thomas Aurin"Man ist kein Künstler, wenn nicht großes Unglück mit im Spiele ist", spricht die Seiltänzerin. Die cleopatrahafte Aenne Schwarz trägt im Tutu das Prosa-Gedicht "Der Seiltänzer" von Jean Genet vor, auf einer Linie balancierend. Es ist ein wunderbares Schauspieler-Manifest, das Jan Bosse da entdeckt hat: Seinen Tod müsse der Akteur vor dem eigentlichen Seiltanz beschließen, nur so sei die Präzision vollkommen und nichts halte ihn mehr auf der Erde. Und nur für sich selbst solle er den Seiltanz vollführen: Sobald die Zuschauer merkten, dass nur für sie getanzt werde, würden sie einschlafen. Also ein Spiel ohne Absicherung, ohne Gewissheiten, ohne Darstellerei wird gefordert.

Wie viel von diesem radikalen Anspruch unter Petras umgesetzt wurde, also ob die Seiltänzer immer Zeit hatten, ihren Bühnentod im Voraus zu beschließen, oder ob sie nicht manchmal auch einfach froh waren, noch rechtzeitig ihre Schuhe zubinden zu können – zumindest die Frage könnte man stellen.

Von Fremdscham bis Herzerwärmung

Viel direkter richten Ronald Kukulies und Sabine Waibel bei "I ♥ Aufstand" unter Jorinde Dröse ihre Fragen an das Theater. Warum steht der Mann in der Besetzungsliste an erster Stelle, warum verdient er mehr Geld? Warum werden Missstände auf der Bühne angeprangert, aber hinter der Bühne nicht umgesetzt? Warum stehen keine "authentischen" Aktiven auf der Bühne, die zum Thema "Aufstand" wirklich etwas zu sagen hätten?

Das alles aber wird kuschelweich in ein Komödienstadel gebettet, in dem Kukulies und Waibel eigentlich ihre gemeinsamen Lieblingsszenen der letzten Jahre aufführen wollen, sich stattdessen allerdings ums Rampenlicht zanken. Die Skala reicht von Fremdscham-Ego-Show bis hin zu herzerwärmender, sich selbst aufs Korn nehmender Revue-Zugabe.

derseiltaenzer2 560 thomasaurin uRonald Kukulies und Sabine Waibel zanken sich in "I ♥ Aufstand" ums Rampenlicht.
© Thomas Aurin

Nichts tun, nichts spielen

Der große Moment des Abends aber gehört Andreas Leupold, diesem stets bescheiden wirkenden Softie in bartstoppeliger Hülle, dem schlurfigen Großvater und einsamen Wolf mit glühenden Augen. Doch diesmal tritt er noch unprätentiöser als sonst auf die Bühne, die mit technischen Apparaturen vollgestellt ist. Ein in sich gekehrter Laborant, ein Studienrat, ein Hobbybastler?

Leupold macht mit einer Analogkamera ein Foto vom Publikum. Er spult den Film zurück, entnimmt sorgsam die Fotorolle. In einem Wechselsack fädelt er den Filmstreifen auf eine Spirale. Wenig ist zu sehen, Streichermusik füllt die Pausen. In einer Entwicklungsdose muss der Film nun genau fünf Minuten lang in der Entwicklerlösung geschwenkt werden. Leupold drückt auf eine Stoppuhr, schwenkt die Dose, schaut dabei ins Publikum, schwenkt, schaut auf die Uhr, schwenkt. Ob der ungewissen Wartezeit werden erste Zuschauer unruhig. Und Andreas Leupold verzieht keine Miene, spielt nichts, für niemanden, reagiert nicht, zwinkert nicht, gibt nichts mit Blicken zu verstehen, deutet nichts an; tut also nichts von alle dem, was Schauspieler so verdammt gerne machen.

Ein paar Lösungsbäder und Wartezeiten später hängt das Negativ zum Trocknen an der Leine und wird geföhnt. Unter Rotlicht wird mit einem Vergrößerer ein Positiv in DIN-A-3-Größe belichtet. Leupold vollzieht seine Tätigkeit so gewissenhaft, dass er fast dahinter verschwindet. Sein Lebenslauf listet unter anderem ein Senatsstipendium für Fotografie auf.

Was die da oben sehen

Und irgendwann ist es dann so weit: Auf der Trockenleine hängt tatsächlich der Schwarzweiß-Abzug des vorhin geschossenen Bildes, klar zu erkennen die Perspektive in den nicht ganz gefüllten Zuschauerraum. Das ist also das Bild, das die da oben dauernd sehen. Das sind also wir. Eine zauberhafte, unglaublich liebevolle und zarte Würdigung des Publikums, aus der Feder des gelegentlich rauen Regisseurs Sebastian Hartmann, der gerade selbst als Leipziger Intendant den großen Abschied übt.

Welchen Zauber Hartmann und Leupold zum Abschied hier erzeugt haben, merkt man spätestens, wenn die Techniker für den Bühnenumbau sogleich rabiat die Apparaturen samt Trockenleine davontragen, der Abzug fast auf dem Boden schleift und man aufspringen und schreien möchte: Das könnt ihr doch nicht machen! Passt gefälligst auf! Das ist doch unser Bild!

 

Der Seiltänzer
von Jean Genet
Leitung: Jan Bosse, Bühne: Natascha von Steiger.
Mit: Aenne Schwarz.

Warum ist nicht alles schon verschwunden?
nach Jean Baudrillard
Regie: Sebastian Hartmann, Bühne: Natascha von Steiger, Kostüme: Thomas Maché, Dramaturgie: Jens Groß.
Mit: Andreas Leupold.

I ♥ Aufstand Oder Sein oder Nichtsein
von Carsten Golbeck
Regie: Jorinde Dröse, Bühne: Natascha von Steiger, Kostüme: Hanne Günther / Thomas Maché, Dramaturgie: Sibylle Dudek.
Mit: Sabine Waibel, Ronald Kukulies.

Dauer insgesamt: 1 Stunde 30 Minuten

www.gorki.de

 

Hier besprach nachtkritik.de den ersten Teil der Gorki-Abschiedssause.

 

Kritikenrundschau

Auch Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (14.6.2013) feiert Sebastian Hartmanns Dunkelkammer-Seance. Mit Chemikalien und Geräten hantierend werte Andreas Leupold den Schreck, den er zuvor dem Publikum mit einer Detonation eingejagt habe, zur Kostbarkeit auf. "Nicht dass er das extra mitspielen würde, aber wir sehen sie: die Zärtlichkeit, mit der er den Augenblick (...) geduldig in der Entwicklerdose wiegt, wie er (...) das Papier badet und spült und zum Trocknen an die Leine hängt". Dieser Augenblick werde "vielleicht nicht so widerstandslos im Rauschen der Bilder aufgehen". Das Programm lasse "Erinnerungen und Abschiedsgefühle aufflashen". Dabei sei es gar keine Selbstfeier, es gehe wieder "viel um Inhalte". Mitunter "volkshochschulhaft" wie bei der "gedenktagesaktuellen Lesung" des Stefan-Heym-Romans "Fünf Tage im Juni", sehr schön dagegen führten Sabine Waibel und Ronald Kukulies die Produktivkraft von Eitelkeit und Konkurrenz vor. Das Bühnenbild von Natascha von Steiger, ein riesiger Erdhaufen, der sich in den Bühnenraum schiebe, wie eine ins Theater einbrechende Hochwasser-Flutwelle, sei eine Mahnung: "Wie soll ein Gorki-Theaterchen dem Tsunami der Realität Stand halten?"

 
Kommentar schreiben