Baustelle Mensch

von Charles Linsmayer

Einsiedeln, 21. Juni 2013. Wallfahrer dürften sich darüber ärgern, dass der 40.000 Quadratmeter große ovale Platz vor der imposanten Kulisse des barocken Einsiedler Klosters mit unzähligen Betonmischern, zwei riesigen Baukränen und Baumschienen jeder Art verstellt ist. Und dass konzentrisch zum Oval des Platzes ein riesiges Halbrund mit Sitzplätzen für 2000 Leute emporragt.

So es denn Wallfahrer überhaupt noch gibt – führt die Klostergemeinde doch schon seit 1924 in Nachahmung der Salzburger Festspiele alle fünf Jahre Calderóns "Großes Welttheater" auf, um auch Leute nach Einsiedeln zu locken, die nicht mit Erbsen in den Schuhen auf dem Jakobsweg daherkommen. Seit 1996, als man auf die Idee kam, Schriftsteller und auswärtige Regisseure mit der Inszenierung zu betrauen, kann man sogar damit rechnen, Calderons Stück in immer wieder neuen modernen Adaptionen zu sehen, inszeniert jeweils mit einer großen Schar von Laiendarstellern.

Fluch und Segen der modernen Medizin

2000 haben Volker Hesse und Thomas Hürlimann dem Glauben mit Vehemenz den Zweifel entgegengestellt, 2007 hat das gleiche Duo vor dem Kloster den Weltuntergang geprobt, und seit dem 21. Juni 2013 konfrontieren nun der Regisseur Beat Fäh und der Autor Tim Krohn das Publikum auf nachdenklich stimmende Weise mit Fluch und Segen der modernen Medizin, die das von den Kirchen verkündete Jenseitsglück bereits im Diesseits anbieten zu können scheint. Ihr Stück spielt in der Zukunft und will die Gegenwart vor der Entwicklung der Gentechnik warnen.

welttheater3 560 judith schlosser uVorm Kloser – auf der Baustelle Mensch. © Judith Schlosser

Natürlich ist die improvisierte Baustelle – sieht man davon ab, dass mit den Maschinen allerlei spektakuläre Effekte zu erzielen sind – symbolisch gemeint und steht für den modernen Menschen, der für die Scharlatane im weißen Kittel Experimentierfeld, Ersatzteillager und Einnahmequelle zugleich ist. Wobei am Premierenabend der Blick vom Spielfeld auf die Tribünen voller in rote und weiße Plastikmäntel gepackte, mit dem unentwegt niederrieselnden Regen kämpfenden Zuschauern genau so gespenstisch gewesen sein muss wie umgekehrt. 2013 ist definitiv kein Sommer für Freilichtspiele!

Idealismus und Kommerz

Krohn und Fäh führen die Begegnung der Menschen mit den medizinischen Heils- und Zukunftsvisionen in zehn Bildern vor, in denen kurze Gesprächszenen mit gekonnt choreographierten Massenaufritten (Apotheker, Ärzte, Kranke, Anwälte, Schulkinder und Liebespaare) alternieren. 300 Laienspieler sind hier im Einsatz. Nachdem die an Calderon erinnernden Hauptfiguren im ersten, an das Schlussbild der Inszenierung von 2007 anknüpfenden Bild vorgestellt wurden – ein Bauer, ein Reicher, ein Präsident, ein Kranker, ein ungeborenes Kind und, anstelle von Calderons Schönheit, ein liebendes Paar – werden ihnen die Möglichkeiten der Gentechnik vorgeführt und kommen alle bis auf den Reichen in den Genuss eines Verfahrens, das Erwachsene in ewig Jugendliche verwandelt.

welttheater1 560 judith schlosser uDie Massen in Kreuzformation. 300 Laien sind insgesamt im Einsatz. © Judith Schlosser

Dann wird gezeigt, wie die neuen Möglichkeiten auf Kosten der Betroffenen kommerzialisiert werden, bis schließlich alles einstürzt und eine Neubesinnung beginnt. Wobei aus der bunten Fülle der Figuren einige herausragen: der Bauer, der immer in den Stall geht, wenn ihm die Probleme über den Kopf wachsen, der junge Pater Clemens, der mit Behinderten ein Gegenwelttheater aufführt, und das Liebespaar Luki und Leni, das sich liebt und streitet und am Ende allen großartigen Möglichkeiten zum Trotz sein an zystischer Fibrose leidendes Kind annimmt.

Demonstration und Predigt

Obwohl es immer wieder imponierende Augenblicke gibt und nicht nur die gekonnt vorgetragenen Musik- und Choreinlagen, sondern auch die ballettmäßig arrangierten Tanz-, Prozessions- und Marschszenen zu gefallen vermögen – genial ist z.B. der Einfall, die Auftretenden mit emporgereckten Kitteln in eine Art futuristische Soldaten zu verwandeln –, erscheint das Ganze doch eher wie eine um Beispielfiguren angereicherte Demonstrationsveranstaltung gegen die Bedrohung durch die medizinische Forschung als ein zu dramatischer Wirkung gelangendes Theaterstück. Dafür ist Krohns Text zu thesenhaft geraten. Und auch Fähs Regie glückt es nicht, in die Abfolge der teils eindrücklichen Bilder eine Steigerung hineinzubringen, die das Publikum auf einem Höhepunkt statt in einem Moment entlässt, in dem es froh ist, dass die Predigt endlich zu Ende ist.

 

Das Einsiedler Welttheater
von Tim Krohn
Regie: Beat Fäh, Bühnenbild: Carolin Mittler, Musik: Carl Ludwig Hübsch, Choreographie: Jo Siska.
Mit 300 Laiendarstellern.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten

www.welttheater.ch

 

Mehr zum Einsiedler Welttheater: 2007 inszenierte Volker Hesse die Massen.

 

Kritikenrundschau

Aus Sicht von Andreas Klaeui in der Neuen Zürcher Zeitung (23.6.2013) lebt die "humorvolle, lebenspralle Inszenierung" hauptsächlich von der beeindruckenden Natürlichkeit der Laiendarsteller, überraschenden Choreografien und der Musik von Carl Ludwig Hübsch, "die zu aufgerauten Volksmusik- und Choralklängen greift, aber auch etwa die Zementmischer als Rhythmusfraktion einsetzt". Der Text hingeben bleibe, so Klaeui, unscharf und auch grundsätzlich scheint dem Kritiker das Feld dieses Welttheaters nach Caldéron "zwischen Genmedizin, Eugenik und Schöpfung" etwas plakativ abgesteckt.

Der betriebene Aufwand sei "gewaltig wie immer, aber durchaus berechtigt, angesichts der Fragen", die Fäh und Krohn im Hinblick auf das "Gentechzeitalter" aufwürfen, schreibt Andreas Tobler im Tagesanzeiger (24.6.2013). In der "symbolistisch-illustrativen Inszenierung" seien Massenchoreografien zu sehen, "in denen alle Bewegungen in klare geometrische Formen gebannt werden", deren "Straffheit" allerdings dazu führe, "dass sie so gar nichts Überraschendes haben". Während Fähs Spektakel das Publikum "mit seinen Effekten und Regieideen einnehmen" wolle, versuche Krohns Stück "mit anschaulichen Bildern aufzutrumpfen". Das Hauptproblem dieser Adaption bestehe "zweifelsohne darin, dass es eben nicht nur mit grosser Geste die Fragen des anrollenden Gentechzeitalters aufwirft, sondern sie auch gleich noch selber beantworten will" und sich dabei "in Antworten und Weisheiten" erschöpfe, "die man auch in der Motivations- und Selbsthilfeliteratur, auf Zuckersäckchen und in Glückskeksen finden könnte" und in denen man überdies eine "bedenkliche Wissenschaftsfeindlichkeit" erkennen könne. Krohn male "schwarz, damit er seine schlichten Weisheiten predigen kann".

 

 
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