Auf der Straße nach Nirgendwo

von Jan Fischer

Hannover, 22. Juni 2013. Am Anfang laufen sie, die Schauspieler, auf der Stelle, vor unsichtbaren Wände, schwitzen sich ein, für das, was da noch kommen soll. Lange. So lange, bis der Schweiß so richtig schön läuft, im Scheinwerferlicht glänzt, noch riecht man ihn nicht, noch ist er frisch. Nein, das ist nicht der Anfang.

Am Anfang räumen sie Stühle von der Bühne, Plastikstühle, die billigste Sorte, diese weißen, unkaputtbaren Dinger, die immer überall stehen, wo es egal ist, ob das jetzt gut aussieht, hauptsache Sitzen, sie räumen die Stühle weg, schieben sie über die Bühne, stapeln sie, nehmen die Stapel wieder auseinander, legen sich quer darauf, geradezu kafkaesk räumen sie die Stühle weg, und dann, dann laufen sie. Schwitzen sich ein.
Leicht, das ist am Anfang schon klar, wird dieser Abend nicht.

Big! Boub Bah!

Wo setzt man da an? Vielleicht bei Niangouna selbst, dem Regisseur, Autor, vielleicht sagt man am besten: Theatermacher, der sich mit seinem eigenartigen Stil in den letzten Jahren einen Namen in der Theaterwelt gemacht hat, so sehr, dass er in diesem Jahr Künstlerischer Ko-Leiter des Festival d'Avingnon sein wird. Kraftvoll, zornig, chaotisch, das sind so Adjektive, mit denen das in der Presse immer wieder gerne beschrieben wird. Schwer zugänglich. Assoziativ. Das ließe sich vielleicht noch hinzufügen. "Big! Boum! Bah!", so nennt er es selbst.

Was passiert da auf der Bühne, beim "La fin de la légende"? Die Schauspieler kippen Wasser über sich aus, jubeln, als stünden sie im Regen, und ihr Fußballteam gewänne gerade, sie winden sich in sumpfigen Orgasmen in der immer größer werdenden Wasserlache. Ein Mann wird weiß mit Mehl gepudert und baumelt eine halbe Stunde lang von einem Haken an der Decke, während die anderen Kerzen anzünden und sein Totenlied singen. Dazwischen, oder besser: Mittenrein werden immer wieder Texte deklamiert, in ein Mikro vom Bühnenrand, als fielen sie vom Himmel in diese Suppe aus Wasser und Schweiß auf der Bühne. Heiner Müller ist dabei, Bernhard-Marié Koltes, Sarah Kane, im Großen und Ganzen immer Texte, in denen es um Abgründe geht, Passagen, in denen oft der Psyche etwas Dunkles entrissen wird. Zusammenhang? Kommen wir später noch hin.

lafindelalegende1 560 eric de mildt u© Eric de Mildt

Symbolhaft wie ein Traum

Niangouna und die Gruppe "Les bruits de la rue" zeigen eigentlich kein Stück – die Aufführung in Hannover ist das erste Mal, dass "La fin de la légende" tatsächlich in einem Theater aufgeführt wird. Ansonsten zeigt die Truppe aus Brazzaville, Kinshasa, Kisangani und Ougadougou das Stück auf der Straße, und Stück ist vielleicht sowieso das falsche Wort. Es handelt sich eher um eine Stückentwicklung, ein Work in Progress, das in Workshops ständig erweitert wird – das Stück erzählt seine eigene Geschichte, und die Schauspieler erzählen dem Stück ihre, wenn man so will. Das Theater erzählt der Straße, und von der Straße.

Was herauskommt ist assoziativ, und vor allen Dingen symbolhaft, aber nicht symbolhaft in dem Sinne, dass es deutbar wäre, eher symbolhaft wie ein Traum: Eine bedrohliche Stimmung wird da transportiert, ohne, dass sich die Details so ganz genau greifen ließen. Ein Stimmungsbild der Straßen von Kinshasa? Des Kongo? Zentralafrika? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Vielleicht ist das, was da auf der Bühne entsteht, auch nur, was in den Köpfen der Truppe eben so umherschwirrt, was sie eben beschäftigt. Vielleicht muss man das gar nicht politisch deuten. Kann man aber sicher, wenn man will. Man kann dem Ganzen aber auch mit Psychoanalyse kommen, mit Traumdeutung, man bekäme immer etwas heraus.

Dreifach dreckig

Niangouna liefert dreckiges Theater ab. Dreckig einmal im körperlichen Sinn: Der ganze Schweiß, die ganzen vom Laufen, Fallen und sich im Wasser winden geschundenen Körper. Dreckig im psychologischen Sinn: Denn irgendwie tun sich da die Köpfe auf zu diesen assoziativen Bildern, die funktionieren wie ein Alptraum. Dreckig aber auch dramaturgisch: Die ganzen assoziativen Episoden, die Texte, die Körperlichkeit, das alles will – und soll, vielleicht – sich nicht zu einem Ganzen fügen, da reibt sich alles an allem wund, und bleibt so offen, dass es nicht einmal bluten darf.

Dann allerdings wieder: Das, was so dreckig ist, ist sauber getaktet. Die Einzelteile werden nicht chaotisch begonnen und wieder beendet, sie werden genau so lange ausgespielt, dass es quälend ist. Und sind allesamt kreisrund gebaut, so dass vom Ende zum Anfang sich nichts verändert hat. Beispiel gefällig? Am Ende des Stückes, da läuft nur noch einer, derjenige, der auch angefangen hat. Alle anderen stehen da, und starren in die flackernden Kerzen. Es wird warm im Raum, und schon lange riecht man auch den Schweiß. Vom Fleck gekommen ist niemand. Und der ganze Schweiß ist umsonst geflossen.

 

La fin de la légende
Koproduktion Festival Theaterformen Hannover / Braunschweig, Festival Mantsina sur Scène
Künstlerische Leitung: Dieudonné Niangouna, künstlerische Assistenz: Criss Niangouna, Bühnenbild: Papythio Matoudidi.
Von und mit: Véronique Aka Kwadeba, Innocent Bolunda, Sorel Boulingui, Michael Disanka, Joseph Kikukama, Adama Kongo, Stella Audrey Loko, Pasco Losanganya, Ludovic Louppe, Pierette Mondako, Fabrice Mukala.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theaterformen.de

 

Kritikenrundschau

Von einem "Parforceritt durch Texte der europäischen Dramatik" schreibt Katrin Bettina Müller in ihrem Festivalbericht für die taz (25.6.2013): als Monologe dargeboten, "gerahmt von einer Körpersprache der Zombies und der sexuellen Gier". "Das Obszöne und das Gewalttätige, die Berauschung am Exzess, liegen eng beieinander in den Texten und in den Aktionen der Schauspieler. Von Kulturpessimismus ist das eine wie das andere durchzogen." Man könne hier "nicht mehr auseinanderdividieren, was sich auf Afrika, was sich auf Europa bezieht in diesem Mahlstrom der Geschichte".

Als "postmodernes Theater mit herausfordernder Körperlichkeit" bezeichnet Ronald Meyer-Arlt in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (24.6.2013) den Abend. Auch hier gehe es wieder um europäische Klischees: "Wie sehen wir den Mann aus Afrika? Als Bösewicht? Als Tänzer, schwitzend, dampfend und stark? Als geschundene Kreatur?" Allerdings sehe man dem Abend an, dass Regisseur Niangouna viel in Workshops arbeitet: "Vieles wirkt, als sei es aus Befreiungs- und Lockerungsübungen für Schauspieler entstanden."

 

 
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