Die Entdeckung der Stille

von Sascha Westphal

Wuppertal, 22. Juni 2013. Stille und Stillstand. Der Blick kann schweifen, von links nach rechts, von rechts nach links. Nichts lenkt ab von dem begrenzten und doch offenen rechteckigen Raum, den die Bühnen- und Kostümbildnerin Alexandra Süßmilch mittels großer, aber leerer Holzrahmen geschaffen hat. Auf der linken Seite stehen vier Stühle direkt nebeneinander, auf denen Ariel Garcia, Gregory Stauffer, Irena Tomažin und Ivan Fatjo Chaves nahezu reglos sitzen. Daneben eine kleinere Holzbox, ein Plexiglas-Cube mit Schiebewänden links und rechts, in dem der Fünfte im Bunde, Gregor Henze, Platz genommen hat. Die Blicke der fünf Performer sind mehr oder weniger starr nach vorne gerichtet, direkt auf die Zuschauer.

Die Kommunikative Grundsituation des Theater

The artists are present, das Publikum auch. Und vorerst herrscht weiter diese Stille, die lauter und lauter tönt. Jedes Husten im Saal ist überdeutlich zu vernehmen. Selbst kleinere Bewegungen sind zu hören und verleihen der Stille noch größeren Nachdruck. Diese Zeit des Abwartens vereint Performer und Publikum, Blicke werden ausgetauscht, ein erster Kontakt hergestellt. Die vierte Wand steht da und offenbart noch einmal in aller Deutlichkeit, dass jede Trennung zwischen Zuschauerraum und Bühne nichts als eine Illusion ist.

"Eine Kontaktaufnahme" nennen Anne Hirth, die Gründerin des "büro für zeit + raum", und der Komponist und Regisseur Christian Kesten ihre erste gemeinsame Arbeit im Untertitel und zielen damit eben auch auf die kommunikative Grundsituation des Theaters. Natürlich folgen auf das Schweigen und Schauen schließlich erste Sätze und Bewegungen, dann auch Musik und immer mehr Interaktionen. Die fünf Performer, die Musiker und Tänzer, (Selbst-) Darsteller und Körperkünstler sind, nehmen untereinander Kontakt auf und improvisieren Momente von Nähe.

gedanken1 280 tom buber uIm Plexiglas-Kasten © Tom Buber

Das Theater noch einmal auf Null setzen

Da bittet etwa der in der Hocke sitzende Ariel Garcia zunächst Gregor Henze und dann Irena Tomažin, dass sie ihn an den Händen nehmen sollen. Die Simulation einer trauten Familie. Die bekommt allerdings sofort wieder etwas zutiefst Verstörendes, als Irena Tomažin Gregor Henze auffordert, sie zu beschimpfen. Auch eine Beleidigung und sogar die Ohrfeige, die sich Gregor Henze einmal von Ivan Fatjo Chaves erbittet, sind Formen von Kontakt. Aggressionen und Gewalt machen den Menschen ebenso aus wie Sehnsucht und Zärtlichkeit. Ein Kuss und ein Schlag, eine Umarmung und ein Wutanfall, ein Beweis des Vertrauens und eine ausgeschlagene Bitte, es sind archetypische Konstellationen, die Irena Tomažin, Ivan Fatjo Chaves, Ariel Garcia, Gregor Henze und Gregory Stauffer ausprobieren und dabei so durchleben, als sei es das erste Mal.

Aber in all diesen choreographierten Situationen und improvisierten Variationen, in all den in den Raum geworfenen Sätzen und in der Zeit verhallenden Klängen, die sich zu einer Musik des Moments, einer experimentellen Symphonie des Lebens, fügen, schwingt die Stille des Anfangs nach. Mit diesem im "Doppelpass"-Fonds der Kulturstiftung des Bundes geförderten Projekt setzen Anne Hirth und Christian Kesten das Theater gleichsam noch einmal auf Null. Mit dem Kleinen Schauspielhaus, dieser improvisierten Ersatzspielstätte im Foyer des Wuppertaler Schauspielhauses, steht ihnen dafür ein im höchsten Maße symbolträchtiger Ort zur Verfügung.

Ungewisse Zukunft

Es war die letzte Premiere, die hier an der ehemaligen Wirkungsstätte von Pina Bausch stattgefunden hat. Am 1. Juli wird das seit Jahren sanierungsbedürftige Schauspielhaus endgültig geschlossen. Was nun aus dem als Baudenkmal anerkannten Gebäude wird, ist angesichts der leeren Stadtkassen mehr als ungewiss. Ähnliches gilt auch für das Wuppertaler Schauspiel selbst. Am Ende der vergangenen Spielzeit wurde dessen Intendanten Christian von Treskow mitgeteilt, dass sein Vertrag nicht verlängert werde. Eine Begründung dafür gab es nicht. Erst im Nachhinein hieß es dann, dass die Auslastungszahlen zu schlecht seien und das Theater unter ihm einen zu großen Teil seines ehemaligen Stammpublikums verloren hätte.

In der kommenden Saison hat von Treskow keine eigene Spielstätte mehr. Das neue kleine Haus, das in einer Fabrikhalle in Barmen entsteht, wird erst in der Spielzeit 2014/15 eröffnet. Die vier großen Inszenierungen werden wie bisher auch im Opernhaus stattfinden. Für kleinere Projekte müssen fremde Orte gesucht und Spielstätten improvisiert werden. Zudem musste von Treskow – und auch das ist seit Oktober vergangenen Jahres bekannt – aufgrund einschneidender Etatkürzungen sein Ensemble für seine letzte Saison von vierzehn auf nur noch sieben feste Mitglieder reduzieren. Die Zeichen, die von Seiten des Oberbürgermeisters und der Kulturpolitik in Wuppertal gesetzt wurden, stehen eindeutig auf Abbau und Verfall.

gedanken2 560 tom buber uTötörö töö. © Tom Buber

Zeitgenössische Stücke, eigensinnige Regiehandschriften

Doch davon haben sich bisher weder der Intendant noch sein gegenwärtiges Ensemble und seine Gastregisseure beeinflussen lassen. Von Treskow ist seinem grundsätzlichen Spielplan-Kurs, der von zeitgenössischen Stücken und eigensinnigen Regiehandschriften geprägt wird, treu geblieben und hat dabei ein fast schon untrügliches Auge für Stoffe und Künstler bewiesen. Mit Tilo Nests psychologisch ungeheuer nuancierter Interpretation von Ibsens "Nora", Sybille Fabians radikalem Menschheitsdämmerungs- und Bildertheater nach Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame" und Dominique Pitoisets tiefschwarzer Deutung von Shakespeares "Sommernachtstraum" hat das Wuppertaler Schauspiel gleich drei bemerkenswerte und dabei extrem unterschiedliche Klassikerinszenierungen herausgebracht.

Das gilt auch für Christian von Treskows eigene Arbeiten, den ebenso ausgelassenen wie hoffnungslosen Tanz auf dem Vulkan nach Goldonis Trilogie der Sommerfrische und die von mal bizarren, mal erschreckenden Ideen nur so strotzende choreographische Annäherung an Maurice Maeterlincks Abhandlung über "Das Leben der Ameisen". Außerdem ist es Jakob Fedler mit seiner Nachinszenierung gelungen, Anne Leppers Familienstück "Käthe Hermann" als zutiefst deutsche Groteske neu zu entdecken und dabei seinen allegorischen Kern, den die Uraufführung noch verschüttet hatte, freizulegen.

Auf den Grund menschlicher Natur

In diese denkwürdige Reihe durchaus fordernder, aber den Betrachter immer auch befreiender Aufführungen fügt sich "Gedanken über weite Entfernungen" nahtlos ein. Anne Hirths und Christian Kestens Erkundungen der Stille und der Sprache jenseits des alltäglichen Sprechens führen direkt auf den Grund der menschlichen Natur. Gemeinsam mit ihren Performern und dem Lichtdesigner Arnaud Poumarat, der den Raum mittels einzelner Strahler und geschickter Wechsel zwischen Hell und Dunkel immer wieder neu strukturiert, schöpfen sie die gesamte Bandbreite menschlicher Kommunikationsmöglichkeiten aus. In jedem Augenblick wird das Verhältnis von Nähe und Entfernung, Intimität und Entfremdung neu definiert.

Das Theater erweist sich noch einmal als Ort existentieller Erfahrung. Am Ende stehen die Fünf gemeinsam vor der vierten Wand und blicken noch einmal direkt ins Publikum. Dann richtet sich Ivan Fatjo Chaves mit seiner letzten Bitte an die Technik, die auch prompt erfüllt wird. Das Licht geht aus, der gesamte Raum versinkt im Dunkel. Das Theater ist am Ende und damit zugleich auch wieder am Anfang angekommen. Nun kann es von neuem beginnen... wenn die Politik es zulässt.

 

Gedanken über weite Entfernungen. Eine Kontaktaufnahme (UA)
von büro für zeit + raum
Regie: Anne Hirth, Christian Kesten; Bühne und Kostüme: Alexandra Süßmilch, Kompositionen: Christian Kesten, Ariel Garcia, Alessandro Bosetti; Lichtdesign: Arnaud Poumarat, Dramaturgie: Johannes Blum, Oliver Held.
Von und mit: Irena Tomažin, Ivan Fatjo Chaves, Ariel Garcia, Gregor Henze, Gregory Stauffer.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.wuppertaler-buehnen.de

 

Kritikenschau

Es gehe "um menschliche Kontaktaufnahme, um Verständnis füreinander und Verständigung untereinander", so Martina Thöne in der Westdeutschen Zeitung (24.6.2013). "Das fasziniert vor allem dann, wenn sich die Akteure buchstäblich fallenlassen und gegenseitig auffangen, Musik mit knisterndem Papier erzeugen oder dirigiertes Sprechen zelebrieren." Als fulminantes Bild lobt Thöne die Box, "die sich zunehmend mit Nebel füllt und die Fünf zu verschlucken scheint". Auch das offenbar ein Ausweis von Qualität: "So still wie am Samstagabend war es im gebannten Publikum schon lange nicht mehr."

Die Dichte der Aktionen, die Konzentration und körperliche Präsenz der Schauspieler faszinierten Ulrike Gondorf von WDR 3 Mosaik (24.6.2013): "Da sie Fantasie und Humor ins Spiel bringen, folgt man ihnen gern." Der Ansatz des Abends sei unnovativ und interessant, bleibe aber in der Vorführung schier unbegrenzter theatralischer Möglichkeiten stecken. "Es ist wie der Einblick in ein Labor, in dem das Material pärpariert wird für einen zukünftigen Theaterabend. Vielleicht kommt der noch."

 
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