Verzweiflungslandschaft nach Büchner

von Petra Hallmayer

München, 23. Juni 2013. Das Fest ist vorbei. Keine Hoffnung, nirgends. "After the wedding" überschreibt Calixto Bieito den Auftakt seines Büchner-Abends "Leonce und Lena. Dunkle Nacht der Seele", der die Geschichte des Prinzen von Popo und die Prinzessin von Pipi vom Ende her beginnt.

Nebelschwaden überfluten die Bühne, aus denen im weißen Tüllkleid die Braut auftaucht, um sogleich erschöpft niederzusinken. Als cool-zynischer Conférencier präsentiert uns Valerio (Guntram Brattia) im Residenztheater das versteinerte Paar (Lukas Turtur, Genija Rykova), zwei vermählte Automaten, und röhrt das Eiapopeia von "Glaube, Liebe, Hoffnung" ins Mikro. Aus der Erstarrung erwachend beeilen sich die Beiden zu fliehen, doch nicht wie bei Büchner gen Süden, um sich zu finden, sondern in die bodenlose Verzweiflung.

leonceundlena2 560 matthias horn uSchwarzer Himmel aus Plastik über dem Schattenreich der Seele  © Matthias Horn

Vom Wahnsinn gejagt

Mehr als das Motiv der Hochzeit und der Flucht hat der katalanische Regisseur von der Fabel des Lustspiels allerdings nicht übernommen. Mit dem Dramaturgen Marc Rosich hat er Passagen aus "Leonce und Lena", "Dantons Tod" und "Lenz", aus Briefen, einem Schulaufsatz über den Selbstmord, sowie einem klinischen Fallbericht von Büchners Vaters über einen Suizidversuch mit Stecknadeln zu einer Textcollage verbunden, die um die Themen Melancholie, Langeweile, und Lebensmüdigkeit kreist. Zu einer Hommage an all jene, die in der Welt, so wie sie ist, ewig heimatlos bleiben, sich der Pflicht, hienieden glücklich zu werden, verweigern.

Eine riesige schwarze Folie erhebt sich zur gespenstischen Wand, wird zum Nachthimmel an dem kleine Sternenlichter blinken, türmt sich zum zerklüfteten Gebirge auf, das Turtur vom Lenz'schen Wahnsinn gejagt erklimmt. Fünf Schauspieler sprechen, hauchen, flüstern, brüllen desperat und zornig Büchner-Sätze und legen sich malerisch in die düstere Bühnenlandschaft. Für das utopische Potential, das mit subversiver Ironie in Leonces Melancholie, die Radikalität seines Wünschens eingeschrieben ist, ist in diesem Albtraumspiel kein Raum. Die Befreiung vom – so das Programmheft – "Ballast der Handlung" kompensiert die von drei fabelhaften Musikern begleitete Aufführung mit einem Allerlei an parallel stattfindenen Aktionen. Während Katharina Pichler mit Lenz das Dunkel durchwandert, sucht Leonce die tanzende Lena zu erhaschen und lässt Friederike Ott einen Song ausklingen.

Der Soundtrack zu der Reise ins Schattenreich der Seele stammt von der Spanierin Maika Makovski, die für das Ensemble schöne schlichte Lieder geschrieben und Rosettas Tanzlied und ein Gedicht von Mascha Kaléko vertont hat. So dürfen wir feine Gesangsnummern erleben, obgleich manch ein Song in diesem Rahmen gar zu harmlos scheint. "Mama, I don't want to marry/ please don't send me to be wed/ I want to travel the world dressed in cherry red" singt die widerspenstige Braut mit glockenheller Mädchenstimme. Das ist wirklich allerliebst, aber von den Verstörungen, denen Büchner uns aussetzt, Lichtjahre entfernt.
Für den scharfen Sozialkritiker, für "Leonce und Lena" als politische Satire interessiert sich Bieito nicht. Sein Rezitationsabend mit Musik verfolgt einen einzigen thematischen Strang.

leonceundlena3 560 matthias horn uGiftige Nebel der Melancholie  © Matthias Horn

Eitle Unglücksromantik

Das ist legitim und sein Zugriff nicht verkehrt, nur verengt er dabei den Blick übermäßig. Dass der weltschmerzkranke Prinz nicht bloß eine Karikatur darstellt, wieviel Ernst in der Parodie romantischer Seufzer steckt, die unübersehbare textliche Parallelen zu "Dantons Tod" und "Lenz" aufweist, machte schon Ludwig Völker in seinem Essay über "Die Sprache der Melancholie" in Büchners Lustspiel deutlich ohne die Sozialkritik auzublenden. Vor allem aber birgt Bieitos Collage-Prinzip eine große Gefahr: Wenn man die Zitate aus ihrem Kontext herausgelöst aneinanderreiht, verführt das zum diffusen Schwelgen im reinen Gefühl. Dem sucht die Aufführung durch Momente der Komik zu entgehen. Tatsächlich jedoch schlittert sie immer wieder in jene eitle Unglücks-, Wahnsinns- und Todesromantik, die dem Analytiker Büchner zutiefst fremd war. Indem Bieito die Stimmen ihrer Geschichten beraubt, die Welt, gegen die sich seine Geschöpfe der Dunkelheit auflehnen, nicht zeigt, gerät deren Seelenpein zum um sich selbst kreisenden Spiel.

Gewiss, die düsteren Bilder wirken berückend, mitunter aber erinnern sie an Rockplatten-Cover und wenn die Braut ganz in Weiß im wabernden Nebel zu Geigenmusik verkündet "Wir sind alle lebendig begraben", dann nähert sich die Inszenierung dem Edelkitsch. Dass sie darin nicht versinkt, verdankt sie vorwiegend Büchners Sprache, deren ungeheure Kraft und Schönheit durch all die Nebelschwaden hindurch aufleuchtet.

 

Leonce und Lena. Dunkle Nacht der Seele
nach Texten und Motiven von Georg Büchner in einer Fassung von Calixto Bieito und Marc Rosich.
Regie: Calixto Bieito, Bühne: Rebecca Ringst, Kostüme: Ingo Krügler, Musik: Maika Makovski, Licht: Tobias Löffler, Dramaturgie: Marc Rosch.
Mit: Guntram Brattia, Friederike Ott, Katharina Pichler, Genija Rykova, Lukas Turtur. Musiker: Blerim Hoxam, Chris Lachotta, Manfred Manhart.
Spieldauer: 90 Minuten ohne Pause

www.residenztheater.de

 

Kritikenrundschau

Calixto Bieito habe eine "gewollt wirkungsbewusste" und "ganz und gar unlustige Lustspiel-Bearbeitung" abgeliefert, so Christoph Leibold von Deutschlandradio Kultur (Fazit, 23.6.2013). Die Songs von Maika Makovski seien "schwermütige Balladen, dem Bombast-Pop eines Nick Cave ähnlich, nicht ohne Reiz, aber letztlich pathossatter, als es dem ohnehin vor Schwermut triefenden Abend gut tut". Natürlich finde sich viel in Büchners Werk viel Material, "das Bieitos Interpretation stützt". Das Faszinosum aber, dass Büchner "ein politischer Geist war, der die Welt wider seine letztlich nihilistische Lebensanschauung verändern wollte", bleibe "völlig ausgeklammert". Der Regisseur begnüge sicg "mit seiner einseitig larmoyanten Lesart" und biete "wichtigtuerisches Weltschmerztheater, in dem mit großer theatralischer Geste am Leben verzweifelt wird" und das einen doch kalt lasse.

Christopher Schmidt von der Süddeutschen Zeitung (25.6.2013) würde die dramaturgische Abteilung des Residenztheaters angesichts einiger Schlampigkeiten im Programmheft am liebsten "wegen Dummheit" abmahnen. Bieito habe einen Ruf als "Grobmotoriker zeigefreudiger Sexualdrastik" zu verteidigen und so werde bald blank gezogen, ergiebig auf die Bühne uriniert und eine Choreographie "variantenreicher Rammel-Pantomimen vor einer wabernden Endzeitkulisse" vorgeführt. "Wie borniert" muss man eigentlich sein, "um solch ranzige Altschocker-Routinen für provokant zu halten"?, fragt Schmidt. Dieser "endlose, neunzig Minuten lange Polterabend" sei nicht nur körperlich, sondern auch literarisch "exhibitionistisch". Man müsse die Textfassung "als Pornografie der schönsten Stellen verbuchen, Büchner für Eilige". Dazu kommt noch, dass von fünf Akteuren vloß eine (Friederike Ott) singen könne. Theater diene hier "nur als Alibi abgeschmackter Regie-Übergriffigkeiten", für Schmidt ist dieser "Subventionsbetrug" die "Nullnummer der Saison".

"Frei nach dem Motto: Berserker meets Klassiker, gern laut, lieber: obszön, prügelt Bieito noch jeden Altvorderen, bis nichts mehr von ihm übrig bleibt", meint auch Rosemarie Bölts vom Deutschlandfunk (Kultur heute, 24.6.2013). Auch für sie ist dies "eine in jeder Hinsicht billige Aufführung". Selbst die drei "hervorragenden Live-Musiker" könnten "das Rezitationstheater nicht rausreißen. Einerseits. Andererseits sorgten die eigens von Maika Makovski geschriebenen Liedern wenigstens für so etwas wie eine melancholische Grundstimmung" und gaben den Schauspielern "immerhin die Gelegenheit, ihr Können in dieser Form unter Beweis zu stellen". Dem Regisseur falle "offenbar nichts mehr ein, womit er das Publikum schocken oder zumindest überraschen kann. Calixto Bieito: so richtig von gestern."

Bieito habe aus dem Werk Büchners "ein Depressionskonzept destilliert, das anderthalb Stunden langweilt und deprimiert", schreibt Gabriella Lorenz in der Abendzeitung (25.6.2013). Man folge dabei einem "Tunnelblick ins schwarze Loch" und sehe "den sozialkritischen, politisch verfolgten Autor Büchner so wenig wie seine an Shakespeare geschulte Kunst, Fatalismus in Komödiantik zu betten. Diese Facetten zu trennen, Zitate in einen einseitigen Kontext zu stellen, zeugt von einem an Vergewaltigung grenzenden Missverständnis." Es sei ein "Rezitationsabend mit Musik, aufgemotzt durch das pompöse Bild von Rebecca Ringst: Selten sehen schwarze Plastikplanen so beeindruckend aus, vor ständig waberndem Nebel." Die Schauspieler seien "nur Anspielungen, aber keine Figuren". "Statt dieses Bades in larmoyantem Edelkitsch könnte man anderthalb Stunden zu Hause Büchner lesen – mit all seinen Facetten."

Beate Kayser vom Merkur (25.6.2013) konstatiert "hohe Professionalität" und möchte den erste Preis Ringsts Bühnenbild zusprechen. Die Büchner-Collage stürze sich "ganz auf die suizidtrunkene Seite des Autors". Man sitze zwar "überwältigt vor der Bühnenshow, hat aber seine Mühe mit dem 'Häppchen-Büchner'". Bieito führe die fünf guten Schauspieler "mit bestem Handwerk – alle bewegen sich in einer Art Traum-Balance". Die Songs von Maika Makovski schöben den Abend "in Richtung luxuriöser Pop-Show. Das kann man mögen oder auch nicht. Die ambitionierte Aufführung hat einen anderen Blick in neuerer Form auf Büchner versucht. Tiefere Einblicke in seine Texte liefert sie nicht."

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