Weil er noch röchelte

von Christian Baron

Eisenach, 26. Juni 2013. In der moralisch aufgeladenen massenmedialen Meinungsmaschinerie gibt es zwischen dem "Pfad der Tugend" und der "Achse des Bösen" oft keinen Zwischenraum. Die größte Schwachstelle dieser Sicht kommt immer dann zum Vorschein, wenn eine brutale Straftat bekannt wird. Wie im Jahr 2002, als drei rechtsextreme Jugendliche im brandenburgischen Potzlow einen Sechzehnjährigen ermordeten.

kick 560 fotosebastianstolzStühle als Mittäterschafts-Symbol © Sebastian Stolz

Berichteten damals die Medien von den Tätern als dämonisch-kalten Monstern, setzten Andres Veiel und Gesine Schmidt auf Recherche und entwickelten aus 1500 Seiten Gesprächsprotokoll ein auf etwa fünfzig Seiten zusammengedampftes Stück Dokumentartheater, das im April 2005 uraufgeführt und 2006 verfilmt wurde. "Der Kick" soll ein "Lehrstück über Gewalt" sein, und Stephan Rumphorst hält sich in seiner mit Laien realisierten Inszenierung am Landestheater Eisenach an die formalen Vorgaben dieses Brecht'schen Konzepts.

Kaum wahrnehmbares Grinsen

Nicht die Spur hochgradiger Emotionalität vermittelt dieser Abend, auf prätentiöse Musik à la Guido Knopp wird vollständig verzichtet, einige Protagonisten werden nicht entsprechend ihres Geschlechts verkörpert und die Darstellenden spulen – stets dem Publikum zugewandt – statisch ihr Programm herunter. Wo sich mancher Zuschauer fragen mag, warum die Hinterbliebenen nicht ausrasten angesichts der Brutalität, arbeitet Rumphorst mit stark reduzierter Mimik und Gestik.

Flankiert von Monologen von Opfer- und Täterseite sitzt Marcel Schönfeld, einer der Täter, im Zentrum und berichtet mit einem kaum wahrnehmbaren Grinsen bei seiner Anhörung, wie er mit seinem Bruder Marco und einem Freund das stotternde und lernbehinderte Opfer drangsalierte.

Beredtes Schweigen

Mehrmals, erzählt der Jugendliche stoisch, haben sie ihn zusammengeschlagen, alkoholisiert, auf ihn uriniert und ihn anschließend gezwungen, im Stile einer Szene des Films "American History X" auf die Kante eines steinernen Futtertroges zu beißen, bevor Marcel mit Anlauf auf dessen Kopf sprang und anschließend mit zwei Steinen erschlug, weil er noch röchelte. Als Grund wird sein Anderssein genannt; ein Anlass, der selbst den brutalen Burschen nicht geheuer erscheint, sodass er zur endgültigen ethischen Enthemmung von den rechtsextremen Teenagern als "Jude" tituliert wird, obwohl er keiner ist.

kick 280a fotosebastianstolz1Vivian Dürrschmid, Carmen Waldhelm
© Sebastian Stolz
Seine Entsprechung findet diese diffuse Aura des Analytischen im Bühnenbild, das Stühle über Stühle präsentiert, die mal besetzt sind und mal nicht. Sie liegen sie in der Gegend, hängen verkehrt herum an Geländern oder stehen einfach nur da und versinnbildlichen die Mittäterschaft der Dorfbewohner von Potzlow, von denen mindestens drei die Tat verfolgten und die doch so beredt schwiegen, dass die Leiche des Opfers erst vier Monate später gefunden werden konnte. Jede Figur sitzt auf einem eigenen Stuhl, der in eine beliebig anmutende Richtung zeigt und doch seine Stringenz genau darin aufweist: So stellt die Inszenierung durch einen einfachen dramaturgischen Griff heraus, wie sehr alle Beteiligten ihre je eigene Perspektive auf die Tat und deren Folgen einnehmen.

Die gute alte Zeit

Aus ihrer Starre erwachen sie nur in jener Sequenz, in welcher der Vater des Nazi-Bruderpaares von der "guten alten Zeit" in der DDR berichtet. Arbeitslosigkeit, Armut und NS-Gedankengut seien damals nicht vorhanden gewesen, erklärt der Mann, derweil die Mitspielenden angeregt tuschelnd auf der Bühne umherwandeln. Gebrochen wird diese Auffassung, als das Licht gedämmt wird und die Schönfelds zu Boden blickend versichern, in der Erziehung der Jungs doch alles richtig gemacht zu haben. Hier stellt die Aufführung mit spartanischen Mitteln heraus, dass es sich beim deutschen Neonazismus nicht etwa um ein simples Phänomen der "Unterschicht" handelt, sondern um eine Anomalie, die mindestens ebenso stark im Schoße der gutbürgerlichen Sittsamkeit gedeihen kann.

So will die Darbietung trotz des moralisch aufgeladenen Sujets den Zuschauer nicht etwa belehren, sondern ihn lehren, selbst zu denken und scheinbare Gewissheiten zu hinterfragen. In einer fein austarierten Melange aus spartanischer Form und extensivem Inhalt mündet die durch das überzeugend aufspielende Ensemble eingenommene Multiperspektivität in ein stimmiges Psychogramm eines grausamen Verbrechens und dem darauf folgenden kollektiven Kleinreden, Wegsehen, Relativieren.

 

Der Kick. Ein Lehrstück über Gewalt
von Andres Veiel und Gesine Schmidt
Regie: Stephan Rumphorst, Bühnenbild und Kostüme: Ensemble.
Mit: Vivian Dürrschmid, Gloria Dittmar, Marco Heilmann, Bastian Hoßfeld, Katharina Künstler, Madlen Lamm, Laura Paulina Kulks, Carolin Müller, Romy Plocksties, Tabea Roschka, Jan-Mathias Schamberger, Anna Schreier, Christine Schubert, Carmen Waldhelm, Alexander Beisel.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theater-eisenach.de

 

Kritikenrunschau

Nach dieser Premiere wolle nicht klatschen, weil das "Lehrstück über Gewalt" in Eisenach "so authentisch und bewegend war", schreibt Susanne Sobko beeindruckt in der Thüringischen Landeszeitung (1.7.2013). Stephan Rumphorst sei es gelungen, die Laiendarsteller "zu sensiblem Spiel anzuleiten, so dass sie ihre Figuren statt mit überzogener Theatralik auf berührende Art" charakterisierten. "Selbst die Täter lassen sich nicht einfach in Schubladen einordnen, denn viel zu sehr wird spürbar, wie sehr sie selbst zu Opfern geworden sind."

 
Kommentar schreiben