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Seid ihr alle da?

von Esther Boldt

Köln, 29.06.2013. Sind wir nicht alle immer schon unter Einfluss? Determiniert, semipermeabel, angreifbar? In diesem Jahr schreibt sich der Showcase der freien Theaterszene, die Impulse Theater Biennale, die Durchlässigkeit auf die Fahnen: "Under the influence" lautet das Motto. Dies bezieht sich zunächst auf die Frage der Nation, soll das Festival doch traditionell das Beste aus dem deutschsprachigen Raum einladen – obgleich die Realität der Produktionsstrukturen längst eine internationale ist. Doch die Arbeiten, die am Eröffnungswochenende gezeigt werden, greifen auch das alte Thema der Partizipation auf: Welcher Art ist die Gemeinschaft, die im Theater entsteht? Welche Rolle übernimmt der Zuschauer, welche Verantwortung für das Geschehen? Wer beeinflusst wen?

Zuletzt wurde das Festival Impulse 2007-2011 von der Doppelspitze Tom Stromberg und Matthias von Hartz geführt, in diesem Jahr übernahm Florian Malzacher die künstlerische Leitung, zuvor Leitender Dramaturg des Steirischen Herbstes in Graz. Er hat das Festival in Impulse Theater Biennale umbenannt und gemeinsam mit der Dramaturgin Stefanie Wenner und einem Beirat ein ziemlich interessantes Programm eingeladen. Erstmals agiert Impulse zudem auch als Produzent und Koproduzent, an Stelle der Bestenschau tritt ein kuratiertes Festival, das gleichwohl zentrale Strömungen der Szene kondensiert: Die Formen sind hybrid, die Zuschauer Teil des Ganzen und die Ambitionen durchaus politisch. Um es vorweg zu nehmen: Anregend und aufregend waren diese ersten zwei Tage der Impulse Theater Biennale, wie eine frische Dusche für Hirn und Herz.

chezicke 560 danckwarthansen u"Chez Icke" © Danckwart und Hansen

Eine der Eigenproduktionen ist die Festivalbar, die mobile Stammkneipe "Chez Icke" der Regisseurin und Autorin Gesine Danckwart, die diese in der Vergangenheit unter anderem in Berlin aufschlug. In jeder der vier Städte – Köln, Bochum, Mülheim und Bochum – installiert Danckwart ein bespieltes Festivalzentrum, in dem es neben Getränken auch Performances und Konzerte gibt. So schwirren bei der Eröffnung im Hof der studiobühneköln Bardamen und –herren mit paillettenbesetzten Cowboyhüten umher, am "Diskurs-Stammtisch" kann mit den Künstlern gesprochen werden. Und weil wir im digitalen Zeitalter leben, gibt es eine Live-Schaltung zum "Chez Icke" vor dem Mülheimer Ringlokschuppen, wo gerade das Performancekollektiv Showcase Beat Le Mot sein Feierabendbier trinkt.

Das Schweigen stören
Die zweite Auftragsarbeit hat im Vorfeld für heftige Diskussionen gesorgt: Für "Zwei Minuten Stillstand" ließ sich die israelische, in Berlin lebende Künstlerin Yael Bartana inspirieren vom israelischen Gedenktag Jom haSho'a, dem Gedenktag der Opfer und Widerstandskämpfer des Holocaust, an dem Sirenen für zwei Minuten den Alltag unterbrechen. Doch Bartanas Denkauftrag ist weiter gefasst, sie möchte anregen, der Opfer rassistischer Gewalt bis heute zu gedenken und auch allgemeiner über Erinnern, Geschichte und Zukunft nachzudenken. Instrumentalisiert hier, so die Sorge im Vorfeld, die Kunst Praktiken des Erinnerns? Mit einem umfänglichen Auftrag beladen betritt man also den Roncalliplatz am Westflügel des Kölner Doms, an einem regnerischen Freitag, kurz vor elf Uhr.

Bartana 560 YaelBartana u"Zwei Minuten Stillstand" © Yael Bartana

"Halt an und denke" steht auf Schildern, die in die Luft gereckt werden. Kann man tatsächlich zum Denken anhalten, im doppelten Wortsinn? Und wie wird das Erinnern, dem ja das Innerliche anhaftet, zur kollektiven Performance? Menschengruppen drängen sich unter Regenschirmen zusammen, Touristen ziehen eilig vorbei. Als der Dom elf Uhr schlägt, schickt eine Blaskapelle einen anhaltenden, sirenengleichen Ton über den Platz. Und dann steht man da. Vereinzelte Mitglieder einer israelischen Protestdemo drängeln sich durch die Menge, sie rufen "No!", um das Schweigen zu stören. Dann stimmen sie ein jüdisches Lied an. Schneller als erwartet sind zwei Minuten vergangen, zu kurz zur Introspektion oder auch zu einer spürbaren Zäsur des Alltagsrummels. Der Diskurs wiegt schwerer als das Ereignis und ersetzt es im Grunde, wird selbst zum Ereignis – das wohl einer Wiederholung bedürfte, um dieses Missverhältnis zu verändern.

Stille Post im Reisebus
Die Problematik, vier Festivalstädte miteinander zu verbinden, löst jedes Leitungsteam wieder neu. Stromberg und von Hartz führten Marathons ein, die per Bus verschiedene Spielstätten abklapperten, Lunchpakete inklusive. Florian Malzacher veranstaltet nun Bildungsreisen, einen inszenierten (Wissens-)Transfer: Per Bus geht es von Düsseldorf zum Ringlokschuppen in Mülheim, Reiseleiter sind der Regisseur Branko Šimić und die Theaterwissenschaftlerin und Dramaturgin Eva Maria Stüting. In ihrer spielerischen Lecture-Performance geht es um Freiheit, schließlich sind wir hier in der freien Szene, die wiederum eingebettet ist in eine neoliberale Gesellschaft. Erstmal schicken die beiden via Stille Post Worte wie "Freibeuter", "Freikörperkultur" und "Freistil" durch den Bus. Derart eingestimmt, werden wir – frei nach Slavoj Žižek – in das Paradox der erzwungenen Wahl eingeführt: Den Fall, in dem eine Gesellschaft eine bestimmte Wahl des Einzelnen vorwegnimmt, er dieser aber formal zustimmen muss – wie Brechts „Jasager/Neinsager“, bei denen ein Kranker in den Tod gestoßen wird, um die Gruppe nicht aufzuhalten, diese Tradition aber durch Bejahung aktualisieren, vergegenwärtigen muss. Tut er dies nicht, so verliert er die Grundlage jedweder Wahl, seine Freiheit nämlich.

Im "Entropischen Institut" des Künstlerzwillings deufert&plischke hat man wenig später Gelegenheit, Dynamiken zwischen Einzelnem und Gruppe, zwischen Vorgaben und Erfüllungsfreiraum zu erfahren. Schon der Titel spinnt Entropie, also den Wandel und die Verwandlung, und Institution zusammen. Es ist also eine Ordnung der Spielräume, die deufert&plischke kreieren. In ihren Projekten schaffen sie stets Environments, wie sie es nennen – veränderbare Umgebungen, in denen sich die Besucher frei bewegen und auf die sie verschieden einwirken können. In der Mülheimer Fassung des "Entropischen Instituts" wird dies sehr konsequent betrieben: Sie verbindet verschiedene Handlungsformen, die immer auch Erkenntnisformen sind: tanzen, gehen, hören, basteln. Leitfäden sind die griechische Mythologie mit ihren verwandlungsfreudigen Gottheiten sowie Identität als ein Spiel- oder Handlungsraum, der nicht singulär verfasst ist, sondern plural: Gemeinschaft wird nicht nur gedacht, sondern auch realisiert, ausgeführt.

Subjektwerdung durch Partizipation
Wir werden freundlich in einen Theatersaal geladen, in dem buntes Licht eine Tanzfläche umspielt. Eine Karte weist uns an, uns zwei Personen als Tanzpartner zu erwählen und unbemerkt ihre Bewegungen aufzugreifen. Überraschend schnell wird sicht- und spürbar, wie sich Bewegungen und  Dynamiken entwickeln und durch die Gruppe der Tanzenden fortsetzen. Derart warm getanzt führt ein Audiowalk durch Mülheim, durch den Park über die Ruhr zur Stadtmitte. Eine Frauenstimme führt anhand der griechischen Mythologie ein in die Praxis der Verwandlung – durch Gestaltwechsel oder durch Maskierung. Später hören wir einen Vortrag des Bochumer Medienwissenschaftlers Erich Hörl, der die technologische Verfasstheit unserer Gegenwart mit Theorien verbindet, die Partizipation, also Teilhabe als dem Sein vorgängig denken: Wir sind immer schon Teilnehmende, eingelassen in unsere Umgebung – nicht, wie die westliche Philosophie es seit ihren Anfängen in der Antike vorschlägt, stets von ihr getrennt. In den digitalen und analogen Netzwerken der Gegenwart findet dies permanent statt, wir erleben laut Hörl einen Paradigmenwechsel: Heute wird das Subjekt erst zum Subjekt, indem es partizipiert.

deufertplischke 560 FelixClassen u"Entropisches Institut" von deufert und plischke © Felix Classen

Danach werden Masken gebastelt, mit denen wir durch die Stadt zurückkehren zum Theater, um uns dort mit einem Tanz voneinander zu verabschieden. Und dann zerfällt die Gemeinschaft der Fremden wieder, nach dreieinhalb Stunden zerfasert sie ins Dunkel der Nacht, wo eine Bochumer Girlgroup bei "Chez Icke" singt und der freundliche, kalte Himmel sich den Regen verkneift.

Chez Icke
Künstlerische Leitung: Gesine Danckwart, Produktionsleitung: Jörg Karrenbauer, Britta Hansen, Raum: raumlabor berlin (Benjamin Förster-Baldenius mit Florian Stirnemann), Kostüm: Lotte Sawatzki.

www.chez-icke.com

Zwei Minuten Stillstand
Konzept: Yael Bartana, Projektleitung: Tamina Theiß.

www.zweiminutenstillstand.de

Entropisches Institut Mülheim
Von und mit: deufert&plischke.

www.entropischesinstitut.net