Das Raunen der Geschichte

von Michael Laages

Hannover, 29. Juni 2013. Der Alte, und das Alte, überlebt. Bei der Siegesparade am 9. Mai 1945 jedenfalls, am Tag nach dem Sieg der alliierten Mächte über das nationalsozialistische Deutschland, steht der herrschende Potentat wieder vor der Kreml-Mauer und grüßt huldvoll Volk und Publikum. Das Reich wurde doch noch nicht geteilt, und auch all die Toten, die üblicherweise am Ende der theatralischen Aneignung von William Shakespeares finstrer Fabel vom fatal verwirrten König Lear das finale Tableau bevölkern, sind wieder wohlauf, haben das inner- und außerfamiliäre Gemetzel um die Nachfolge des Potentaten überlebt.

lear2 560 daria pichugina uFamilienbild mit Wodka und Patriarch © Daria PichuginaDas allerdings ist fast schon das einzig Komische an der "Lear"-Version des russischen Regisseurs Konstantin Bogomolow, die zum Finale des Festivals Theaterformen nach Hannover gekommen ist. Und wer Sinn für so etwas hat, kann sicher auch die Travestie des Personals halbwegs komisch finden – alle Männerrollen sind (huch!) mit Frauen, alle Frauenrollen mit Männern besetzt. So kommt Bogomolow natürlich den Klischees bei, die aus heutiger Sicht und Empfindung womöglich zu entdecken sind in der originalen Fabel: keine berechnend-machtversessenen Töchter-Zicken, keine armseligen Männer-Monstren sind mehr zu sehen. Den Kern des Dramas aber markieren derlei Fragen sicherlich nicht; und so wirkt der Geschlechtertausch bei Bogomolow denn auch nur wie noch eine Idee – und ist von vordergründig modernistischem Schnickschnack kaum zu unterscheiden.

Ljubjanka und Todesfuge

Nein – Lears dramatisches Zentrum will diese Inszenierung verorten in der Tragödie der Gewaltherrschaft, die im Sowjetreich schlussendlich gespeist wurde vom Krieg und überlebte im Sieg. Als Anleihen des Personenkults wie zu Stalins Zeiten leuchten zwei Porträts des Machthabers links und rechts oben auf den Zinnen der oval in die Bühnentiefe führenden Kulissen-Konstruktion, die stark ans Kreml-Gemäuer erinnert; und die Regie-Anweisungen, rechts vorn ins Mikrophon gesprochen, beschwören den Weg des Großen Vaterländischen Krieges, den die Sowjetunion mit Millionen von Opfern erstritt gegen Hitlers Deutschland.

Auch in die Ljubjanka führt Bogomolows "Lear"-Paraphrase – wo der königstreue Gloster, hier Präsident des Schriftstellerverbandes und denunziert vom eigenen Sohn als Verräter und Kollaborateur mit dem Feind, gefangen gehalten und geblendet wird. Auch die Belagerung Leningrads wird zum Spielort – wo stumm Paul Celans "Todesfuge" auf dem Übertitel-Monitor zu lesen ist. Und die dem Personal beigegebene "Zarathustra"-Figur (in der einige Shakespeare-Figuren vereinigt sind, vor allem Kent und der König von Frankreich) zitiert ziemlich viel deutschen Nietzsche und andere apokalyptische Texte.

Schockgefrostet in der Psychatrie

Zwingend allerdings wirkt all das ebenso wenig wie die Travestie im Personal. Und gespielt wird vom Ensemble der freien, hier mit dem Petersburger Staatstheater assoziierten Gruppe Priyut Komedianta durchweg sehr holzschnittig – es gilt offenbar, eine Inszenierungsstruktur zu beglaubigen, nicht die Figuren der Fabel. Auch das ist schade – denn so bekommt das Publikum vom ersten bis zum letzten gemeinsamen Familien-Gelage mit viel Kartoffeln und Salat, Wodka und Wein immer nur Papp-Kameraden zu sehen. Natürlich genießen die Kerle das Spiel mit den Weiber-Fummeln, und die Frauen im Manns-Outfit zeigen viel mehr Machismo als nötig.

Aber sie verstärken so nur den ohnehin schwer abweisbaren Eindruck einer durchweg fahrig und ausschließlich auf modernen Effekt hin zusammen geschusterten Aufführung. Der verräterische Gloster-Sohn Edmund beißt der schönen Cordelia im Küssen die Zunge heraus, und Zarathustra rezitiert dazu das blutige Bild eines Hundes, der das auch tut … naja. Tochter Regans Gatte Cornwall richtet sich selber – und liegt dann ziemlich lange mit aus dem Bauch quellenden Innereien (aus Requisiten-Stoff) unter dem Tisch herum. Lear wird samt Tochter Cordelia in der Psychiatrie schockgefrostet, um zu Siegesfest und Kreml-Parade wieder einsatzbereit zu sein – das hört sich nach ambitiösem Spektakeln an. Und das ist es auch.

Zu viel Material, das irgendwas bedeuten will

Bogomolows wortreich-lärmendes (und auch eher fahriges) Geraune von den russischen Generationen, die nach der Stalin- und Kriegs-Apokalypse leben lernen mussten und in der Putin-Zeit immer noch müssen, mag halbwegs seriös als Kommentar zur Zeit verstanden werden; die Inszenierung hat vielleicht bei und nach der Premiere in Sankt Petersburg Zeugnis abgelegt von diesem Denken der Nachgeborenen – hier, in der Fremde, gelingt ihr das nicht. Zu vollgestopft ist sie mit Material, das irgendetwas bedeuten will – und doch verpufft.

Probleme der Übertragung für fremdsprachiges Publikum kommen hinzu. Die zahlreichen Russen der hannoverschen Gemeinde mögen folgen können, den Einheimischen kann das kaum gelingen – die Aufführung ist rasant schnell, so schnell, dass die Übertitelung kaum mit kommt. Manchmal verstummt sie auch ganz, speziell bei russischem Fremdtext – richtig mitgenommen kann sich da kaum jemand fühlen. Speziell im Vergleich zu anderen Aufführungen des Festivals, etwa den grandiosen Cineastas von Mariano Pensotti aus Argentinien oder der "Late Night" vom "Blitz"-Theater aus Griechenland, fällt ausgerechnet das Finale in Hannover steil ab.

 

Lear. Eine Komödie
nach William Shakespeare, mit Texten von Friedrich Nietzsche, Konstantin Bogomolow und anderen
Regie: Konstantin Bogomolow (Premiere im September 2011 in Sankt Petersburg), Bühne: Larisa Lomakina, Produktion: Staatsschauspiel Sankt Petersburg & Gruppe "Priyut Comedianta", Leitung: Viktor Minkov.
Mit: Gennadi Alimpiew, Tatiana Bondarewa, Alena Bondartschuk, Rosa Chajrullina, Manana Gogitidze, Darja Moroz, Anton Moschetschkow, Irina Salikowa, Alena Starostina, Pawel Tschinarjow.

www.theaterformen.de

 
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