Die Stadt vor Augen, die Stadt im Ohr

von Sasha Westphal

Bochum, 4. Juli 2013. Es beginnt beinahe unmerklich. Das Licht im Raum verändert sich. Die kleine, leicht erhöhte Bühne liegt nicht mehr im Schatten. Der Blick kann nun jedes Detail der Styropor-Skulptur, die an der hinteren Wand lehnt, aufsaugen: Die aus aufeinander getürmten und aneinander gelehnten Bruchstücken angedeutete Skyline verdichtet sich zum Bild der Stadt, improvisiert und doch perfekt, ein Ort des Zerbrochenen wie des Gewachsenen, Inbild der Sehnsucht und des Scheiterns, ein Versprechen auf Ewigkeit und dabei ganz vergänglich.

Wenn die Stadt hinter den Menschen verschwindet

Zudem erklingen nun vertraute und doch schwer zu benennende Geräusche. Schleifende und dröhnende Klänge, die sich mit den leisen privaten Gesprächen im Publikum zu einer vielschichtigen, unzweifelhaft urbanen Sound-Kulisse mischen. Die Stadt vor Augen, die Stadt im Ohr. Erst als sich das Licht wieder zurückzuziehen scheint, Spielfläche und Zuschauerraum eindeutig voneinander scheidet, betreten nach und nach die fünf Schauspielerinnen und sechs Schauspieler, die Günfer Cölgecen für dieses Projekt ihrer mit dem Label "Das hybride Theater der Gegenwart" versehene Gruppe Freie Radikale versammelt hat, die nicht gerade sehr geräumige Bühne. Jeder von ihnen bringt ein weiteres Styropor-Bruchstück mit.

oyoyoy1 560 rolfarnospechtwwwfotoreviernet uChorus-Line mit Styroporskyline: wir sind die Stadt   © Rolf Arno Specht | www.fotorevier.net

Doch erst einmal werden die Elf nichts erbauen ... ganz im Gegenteil. Sie positionieren sich vor der Styropor-Skyline, lehnen sich dagegen und bringen sie so zum Einsturz. Die Stadt verschwindet hinter den Menschen. Die Gebäude müssen ihnen weichen. Das ist nicht nur vor dem Hintergrund der großen Bürgerproteste in Istanbul, Kairo und Stuttgart ein symbolisch aufgeladener Moment. Diese elf Menschen, Stadtbewohner und "Ruhrpottkinder", die in ihren kunstvoll verschmierten Trenchcoats (Ausstattung: Ana Ignatieva) etwas Uniformes haben und dennoch immer auch Einzelne bleiben, setzten ein erstes deutliches Zeichen: Wir sind die Stadt!

In Choreographien und Lautmalereien, in kleinen Szenen und mächtigen tableaux vivants, in eher privaten Monologen und chorischen Beschreibungen umkreisen sie Bochum, diese Stadt im Strukturwandel. Mal bilden sie eine Reihe wie die Autos, die mehr oder weniger täglich auf der A40, der Hauptverkehrsader des Ruhrgebiets, im Stau stehen. Mal verwandeln sie sich in eine Meute wild kläffender Hunde, in der jeder seinen Platz verteidigt. Dann bauen sie aus den Styropor-Teilen eine Art von Hügel oder Halde und beschwören damit die andere, die grüne Seite der ehemaligen Kohle- und Stahlregion herauf. Einmal verwandeln sie sich wieder einmal mit Hilfe von Styropor-Elementen in ein großes Insekt, eine riesige Spinne.

oyoyoy2 280 rolfarnospechtwwwfotoreviernet u© Rolf Arno Specht | www.fotorevier.net

Verzückung und Verzweiflung

Bilder der Stadt und Bilder für die Stadt, widersprüchlich und poetisch, erschreckend und betörend, so wie Günfer Cölgecens Texte, die der Wirklichkeit abgelauscht sind und eben diese immer wieder lyrisch verdichten. Manchmal klingen die Ausrufe der Unsicherheit und der Verzückung, der Verzweiflung und der Hoffnung oder die Sprüche, mit denen sich die Männer schließlich den Frauen nähern, wie Fetzen von Gesprächen, die jeder schon einmal in der Fußgängerzone oder am Nachbartisch im Café mit halbem Ohr gehört hat. Ein anderes Mal überlagern und verdrängen sich die Worte gegenseitig. Dann verlieren sie ihre feste Bedeutung, verwandeln sich in Laut und Klang und spiegeln so das Leben in der Stadt.

Die kleine Bühne in der Rotunde, dem ehemaligen Bochumer Hauptbahnhof, der mittlerweile in einem seltsamen städtischen Niemandsland liegt, ganz nah an der Bahnlinie nach Essen und schräg gegenüber vom Bermuda-Dreieck, dem berühmten Kneipenviertel am Ende der Fußgängerzone, erzeugt eine eigene Dynamik. Hier ist jeder automatisch Teil eines größeren Ganzen. Hier muss sich jeder seinen Platz nehmen und ihn gegebenenfalls verteidigen. Hier entstehen aber auch ganz schnell Gemeinschaften, die über jeden Zweck hinausgehen. So sind die elf Schauspielerinnen und Schauspieler äußerlich wie auch innerlich immer in Bewegung, gehen auf in der Masse und fallen aus ihr heraus.

Faszinierendes Stadtpanorama

Wenn Alexander Weikmann den bedrohlichen Zauber der Nacht beschwört oder Predrag Kalaba Macho-Gesten zelebriert, wenn Karin Kettling sich in eine Stadtverfluchungshysterie steigert oder Pia Pannenbäcker eine Tirade gegen die Abrichtung des Menschen zum Konsumenten herausbrüllt, fügen sich Momentaufnahmen und Impressionen zu einem faszinierenden Stadtpanorama zusammen. Wer hätte so etwas nicht schon einmal erlebt oder gefühlt? Am Ende verschwinden die Elf dann hinter Styropor-Quadern, die sie sich zunächst noch vor die Gesichter halten, um sie schließlich Schutzwällen oder auch nur Wänden gleich auf den Boden zu stellen. Auch das ist die Stadt, ein Ort, an dem man sich verschanzen oder anlehnen kann. Entscheidend ist nur, dass darüber jeder Einzelne für sich entscheidet.

 

OYOYOY – Stadtraum Akustik Theater (UA)
von der Gruppe Freie Radikale "Das hybride Theater der Gegenwart"
Künstlerische Leitung: Günfer Cölgecen, Technik/Sound/Musik: Michael Pattmann, Ausstattung: Ana Ignatieva.
Mit: Karin Kettling, Christiane Athmer, Alexander Weikmann, Andreas Wunnenberg, Marylin Pardo, Pia Pannenbäcker, Predrag Kalaba, Michael Schmidt, Michael Kallweit, Zora Niephaus, Tim Müller.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.freieradikale.eu
www.rotunde-bochum.com

 

Kritikenrundschau

"Verschachtelt-absurde Sätze, die gerne die Grenze zum Dadaistischen streifen, experimentelle Ton-Collagen und eine sehr auf ihre modern-nüchterne Ästhetik bedachte Inszenierung" hat Benjamin Hahn erlebt, wie er in den Ruhrnachrichten (6.7.2013) schreibt. Wenn "die Schauspieler ein riesiges Insekt bilden und in den Mikrokosmos der Stadt eintauchen", sie das "perfekt gespielt, emotional mitreißend und ausdrucksstark". Doch dann wisse die Gruppe die Szene nicht anders aufzulösen als durch Schreien und Fußstampfen: "statt eines pointierten Akzents nur ermüdendes Dauergetöse und Gezappel. Schade."

Von einer "außergewöhnlichen Inszenierung" spricht Chantal Stauder auf dem WAZ-Portal Der Westen (8.7.2013). Der Abend sei "eine akustische Zumutung", die das Publikum nicht verstöre, aber irritiere. "Die Liaison aus Licht, Laut und Styropor ist zugleich Eindruck und Urteil: bedrückend, intensiv und konzentriert, formuliert mit ebenso reduzierten wie klugen Regie-Ideen."

 
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