Im Schlamm

von Hartmut Krug

Worms, 5. Juli 2013. Alles beginnt in Dieter Wedels neuer Nibelungenversion nach Friedrich Hebbel am Ende – mit Siegfrieds Tod. Durch den schweren Matsch auf der Bühne schreitet der schwarze Hagen zum Slogan "Kämpft bis zum letzten Mann" hin zum tödlichen Showdown für Siegfried. Ein Priester, schwarzumrändert die Augen, schleppt das christliche Kreuz voran, das Brunhilds den alten Göttern anhängende Amme Frigga, ganz im drohenden Rot und ebenfalls mit wirr heftigem Gebaren, ihm entreißt und ins Feuer wirft. Das brennt auf kleiner Flamme vor einem dreigeschossigen, offenen Holzturm, von dem herab Brunhild dem Geschehen folgt.

borntodie2 560 rudolfuhlig uWo bitte geht's nach Spamalot? Siegfried (Vinzenz Kiefer) und seine federbewehrten Mannen
© Rudolf Uhlig

Regisseur Wedel bastelt sich seinen Hebbel ohne Not neu zusammen. Er nutzt dabei die ersten beiden Abteilungen von Hebbels Werk ("Der gehörnte Siegfried" und "Siegfrieds Tod") wie einen Werkkasten. Dabei betont er den bei Hebbel vorhandenen, in Inszenierungen aber meist nur angedeuteten Konflikt zwischen alter und neuer Religion als konstituierend für die Fremdheit Brunhildes, und er präsentiert uns Siegfrieds Geschichte vom schlimmen Ende her. Als Fantasymärchen und großes Spektakel, sagt das Programm. Doch bei all dem äußeren Aufwand, der hier betrieben wird, kommt nur ein schwerfälliges Bedeutungsspiel heraus. Das Spektakel bleibt im Bühnenschlamm stecken. Da müssen unentwegt Bretter für Auftritte gelegt und Requisiten herbeigeschleppt werden.

Einfälle statt Psychologie

So ist der Spannungsatem oft  schon verweht, bevor die Spielszenen und Dialoge überhaupt beginnen können. Ein Spektakel ist das nicht. Ob die mit ihren federbewehrten Helmen eher skurril wirkende Mannschaft Siegfrieds sich auf der Bühne aufreiht und dabei ganz kurz auch einmal vier Pferde zum Einsatz kommen, ob Lieder gesungen oder Filme eingespielt werden, - Tempo, verblüffende Effekte, wahre Spannung entwickelt diese Inszenierung nicht.

borntodie3 20h rudolfuhrig uEs war einmal: Kriemhild (Cosma Shiva Hagen), Brunhild (Kathrin von Steinburg) und König Gunter (Bernd Michael Lade) © Rudolf UhligSie erzählt so vor sich hin, hat Einfälle. So zieht Brunhild bei ihrem Einzug am Wormser Hof Gunther an einer Eisenkette durch den Schlamm hinter sich her, – eine Szene, die psychologisch überhaupt nicht funktioniert. Und Wedel gibt Hagen einmal gleich zwei Trompeten zum Tröten oder setzt ihm eine rote Nase auf und er lässt Cosma Shiva Hagens Kriemhild nach Siegfrieds frühem Tod mit dem Song  "You and I have born to die" über eine Showtreppe auf die Bühne und von ihr ab treten.

Brunhilde hat Kleist gelesen

So buchstabiert Wedels Inszenierung die alte Geschichte nur effekthascherisch so vor sich hin: als eine nachgeholte Erzählung für Etzels Brautwerber, der vom schlimmen Klima am Hof verblüfft ist und nun für uns die Geschichte bis zu Siegfrieds Tod vorgespielt bekommt. Mit einer Endvariation, denn vorm zweiten Tod von Siegfried muss Brunhilde Kleist gelesen haben, denn nun trauert sie um den zugleich gehassten wie ersehnten toten Siegfried, indem sie sich in dessen Körper und Blut hineinwühlt.

Viel Gerenne, viel Getue

Es ist merkwürdig: Zwar wirkt die Inszenierung bieder plakativ mit ihren szenischen Behauptungsbildern, und doch gelingen einigen Schauspielern Momente von klarer bis eindringlicher Figurencharakterisierung. Cosma Shiva Hagen zeigt Kriemhild als jungmädchenhaft fröhliches Klischee, Kathrin von Steinburgs Brunhild verspinnt sich in energisch düster suchende Wut, und Susanne Uhlens Ute wirkt wie ein ruhender schauspielerischer Pol im aufgedrehten Geschehen. Bernd Michael Lade gibt Gunther vor allem als unsicher Zweifelnden, vermag der Figur aber nicht die von Wedel angekündigte entscheidende neue Nuance von Menschlichkeit zu geben, während Lars Rudolph seinen Hagen souverän und etwas eindimensional als ehernen Macher und Bösewicht spielt.

Dazwischen dann wieder so viel Gerenne, so viel Getue. Und Filmeinspielungen. Die vermochten in Wedels früheren Nibelungen-Inszenierungen das Geschehen voranzutreiben, diesmal wirken auch sie vor allem illustrativ. So, wenn Siegfried von seinen Heldentaten erzählt und auf die Wand des Domes Bilder geworfen werden, auf denen er durch Steingetürm und Wurzelgewirr klettert. Kabarettistisch gelungen immerhin eine Kirchenszene, in der König Gunthers Kämpferschar sich aus dem Gottesdienst im Film hinaus auf die Bühne begibt, um hier Wein und Weib im Volkstheaterstil zu frönen. So schlingert die Inszenierung bis nach Mitternacht auftrumpfend und zugleich unsicher dahin. Da machte es nicht viel, dass ich einmal vor Schluss kurz aus der live vom SWR-Fernsehen übertragenen Inszenierung aussteigen musste. Denn drei Stunden Unterhaltungstheater, – das zog sich doch arg.

 

Hebbels Nibelungen – born to die
von Dieter Wedel
Regie: Dieter Wedel, Bühnenbild: Jens Kilian, Kostümbild: Ella Späte, Komposition: Jörg Gollasch, Dramaturgie: Hans-Joachim Ruckhäberle, Kampfchoreografie: Klaus Figge, Annette Bauer, Choreografie: Richard Weber, Maske: Katharina Börner, Lichtdesign: Ulrich Schneider, Sounddesign: Jörg Grünsfelder, Stuntgruppe "Heimdalls-Erben": Claudia und Holger Hörstkamp.
Mit: Cosma Shiva Hagen, Kathrin von Steinburg, Vinzenz Kiefer, Bernd Michael Lade, Lars Rudolph, Loretta Pflaum, Susanne Uhlen, Markus Majowski, Roland Renner, André Eisermann, Kai Malina, Peter Englert, Tilo Keiner und einem zwölfköpfigen Chor der Nibelungen.
Dauer: 3 Stunden, 10 Minuten, eine Pause

www.nibelungenfestspiele.de

 

Kritikenrundschau

Der Inszenierung gelängen effektvolle Tableaus beim Auftritt großer Formationen aus den Reichen der einstigen und künftigen Nibelungen mit eindrucksvoller Choreografie und als exakter Sprachchor, so Viola Bolduan auf der Website der Mainspitze (6.7.2013). "Antike Ausmaße gewinnt die Inszenierung dadurch aber nicht. Es gibt kein Innehalten im Tempo, keine Momente für die kleinen, feinen Töne im großen Drama von Friedrich Hebbel, auf dessen Text-Grundlage das diesjährige Spiel von Liebe, Rache und Tod doch aufbaut." Ihr Fazit: "Wer immer unter Fantasy farbfreudig aufgemachtes, aber nicht unbedingt von der Geschichte, die erzählt wird, motiviertes Theater versteht, ist bei den diesjährigen Nibelungen bestens aufgehoben. Alle anderen werden sich fragen – wozu all der Aufwand?"

Eine "rundum ernsthafte Arbeit an Stoff und Text" Friedrich Hebbels wird Dieter Wedel von Eckhard Fuhr auf Welt-Online (8.7.2013) bescheinigt. Über weite Strecken wird Fuhr zufolge "Hebbel pur geboten", "eine Sprachoper aus dem 19. Jahrhundert". Erstaunlicherweise funktioniere das auch. Besonders Lars Rudolph als Hagen mache vor, "wie man Hebbels Verse so sprechen kann, dass aller Staub aus ihnen hinausgeblasen wird. Das ist das wirklich Erstaunliche an diesem Abend. Das Spektakel in der Freilichtarena lebt aus der Sprache, aus Hebbels strotzendem Deutsch, und nicht von seinen Effekten. Manchmal wechseln die Figuren ins Gegenwartsidiom. Aber das unterstreicht nur die Wirkung des Originaltextes."

Von einer "Nicht-Fisch-Nicht-Fleisch-Inszenierung" spricht Harald Raab in der Rhein-Neckar-Zeitung (8.7.2013). Aus seiner Sicht ist Dieter Wedels Rechnung schief gegangen, "den klassischen Nibelungenstoff Hebbels in einen Comic- und Fantasy- Rahmen zu spannen". Denn das eine schlage hier das andere tot. Grundsätzlich hätte das allerdings durchaus funktionieren können: "Aber dann bitte konsequent, böse, schräg, abgefahren, vielleicht auch 'gaga'. Sich ein bisschen Fantasy mit ab- gestandenen Kalauern zu trauen, wirkt nur blöd." Dann schon lieber Hebbel pur, schreibt Raab. Dass das gehen könnte, scheint für in im Zickenkrieg Brunhilds und Kriemhilds auf.

Dieter Wedel erweise sich als "veritabler Textdompteur", schreibt Jürgen Berger in der Süddeutschen Zeitung (11.7.2013). Er habe aus dem Stoff eine "Fantasy-Operette (…) mit eigens angeheuerten Reitern auf stämmigen Pferden und einem weiß gewandeten Siegfried-Chor, der Hebbel skandiert" gemacht. "Das bevorzugte Mittel sind drastische Bilder." Von denen der Rezensent sich zu der Frage verleiten lässt: "Ist da nun der Fluch der Karibik über Worms gekommen, (…) oder sind das doch die Karl May-Festspiele?"

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