Wimmelnde Alptraumbilder

von Andreas Klaeui

Avignon, 7. Juli 2013. Eine lebende Ziege, ein ledernes Krokodil. Podeste, Sandskulpturen, ein riesiges Lichtrad – es ist ein Bric-à-brac im Felsenamphitheater des alten Steinbruchs von Boulbon, über das Dieudonné Niangouna herrscht, neben Stanislas Nordey der zweite "Artiste associé" im diesjährigen Festival d'Avignon. Der "Artiste associé" ist ein beratender Gastkünstler der beiden Festival-Direktoren Hortense Archambault und Vincent Baudriller; das Konzept wird wohl mit der diesjährigen Ausgabe verschwinden: Baudriller und Archambault hören auf, an ihrer Stelle übernimmt der Autor, Schauspieler und Regisseur Olivier Py die Festivalleitung, also selber ein Künstler.

sheda 560 christopherainauddelage uWie jagt man den Teufel? © Christophe Raynaud de Lage

Die Bühne lebt

Ein Xylophon, ein Autowrack, ein kleiner See für das Krokodil, eine merkwürdige Maschine, aus der manchmal Menschen herausfallen, es ist eine Installation mit dem Charme des Behelfsmässigen, je nach Optik auf das halbleere oder halbvolle Glas: der Unterentwicklung oder des Versprechens. Die Ziege meckert, weit oben hinter den Steilwänden hört man rhythmisches Rufen, ein Schauspieler rollt aus der Maschine, ein ellenlanger Geist tritt auf, an der Leine geführt wie die Ziege, wie jagt man den Teufel?

Das Rufen nähert sich. Im leichten Laufschritt joggt das Ensemble auf die Bühne. Sie stellen sich auf, zum Kampfruf: "Shéda!" Der Titel des Abends ist ein Wort, das es eigentlich gar nicht gibt. Er habe es kennengelernt, als er im Kongo mit dem Schauspieler Dany Mukoko gearbeitet habe, sagt Dieudonné Niangouna, als eine Art martialisches "Toi toi toi". "Sheta" gebe es, das bedeute Dämon oder Teufel; und "Shita", das Wort für eine zweifelhafte Angelegenheit.

Zu lange leiden pisst an, ruft ein Schauspieler, "on se bat", man kämpft. Wir haben den Ehrgeiz, nicht zu sterben, sagt ein anderer. Einer erzählt eine Sage, einer spielt ein Geschicklichkeitsspiel, einer turnt herum wie ein Akrobat. Saxofon und Bass spielen sanfte Calypso-Rhythmen: Die Bühne lebt – gegen die Teufel, gegen den Tod. Gegen das Sterben im Krieg, gegen das friedlich saturierte Absterben ohne Krieg, gegen Traumata, gegen Anmaßungen, gegen Kategorien – gegen. Dieudonné Niangouna wütet. Er hat sich und seinem sportiven Ensemble einen wuchernden Text geschrieben, wild und gewalttätig, er fußt gleichermaßen in (authentischen oder künstlichen) Mythologien wie in einer zynischen Geschichtsschreibung, er ist von einer brutalen Poesie, einer verletzenden Verletztheit, die an ihren besten Stellen an Jean Genet erinnert, oder an Bernard-Marie Koltès, den er zitiert. Er ist allerdings weit weniger kunstvoll überformt.

Überdrehtes Wüten

Auf der Bühne wimmeln Albtraumbilder, die ihrerseits an die symbolischen Welten von Hieronymus Bosch erinnern, einfach modern kodiert. Computerritter suchen sich da ihren Weg, greise Kinder bewachen tote Städte. Schlaue Hilfskräfte feuern sie an und halten jederzeit das passende Requisit bereit, einen Autopneu zum Beispiel, oder ein leeres Blechfass. Ein Mensch fällt vom Himmel. Fussbälle fegen ins Publikum, Staub stiebt, der Sand wird zu Schlamm – es wird dann auch zu viel. Das Wüten überdreht sich ins Leere. Es kollabiert unter der Last all der Geschichten, die es auch noch loswerden will, von Fidel Castro über Léopold Sédar Senghor zu Karl Marx oder zur korrupten neuzeitlichen Politfarce. Es wird prätentiös, es findet lediglich ein schwaches Fundament in allgemeinen Lebenswahrheiten, die dann allenfalls noch an Hermann Hesse erinnern, "Chacun est seul" (jeder ist allein), "zeige, dass du frei bist, und dein Leiden wird verschwinden". Da wird der Abend lang.

Aber daneben regt sich auch immer wieder eine kleine Bewegung auf der Bühne, ein beiläufiges Spiel. Ein geschickter Ringwurf über die Kletterstange. Eine Spur Leben. Das ist das Paradox an diesem Abend, das eigentlich ja gar keins ist, sondern die Sache selber: Das Leben geht – ehrgeizig, und lebhaft! – weiter, und das bejaht dieser Abend durchaus.

 

Shéda
von Dieudonné Niangouna
Text und Regie: Dieudonné Niangouna, Bühne: Patrick Janvier, Licht: Xavier Lazarini, Ton: Robin Dallier, Kostüme: Velica Panduru, Kampftraining: DeLaVallet Bidiefono, Musik: Pierre Lambla, Armel Malonga.
Mit: Laetitia Ajanohun, Marie-Charlotte Biais, Madalina Constantin, Pierre-Jean Etienne, Frédéric Fisbach, Wakeu Fogaing, Diariétou Keita, Abdon Fortuné Koumbha, Harvey Massamba, Mathieu Montanier, Criss Niangouna, Dieudonné Niangouna.
Dauer: fünf Stunden, eine Pause.

www.festival-avignon.com

Shéda kam am 6. Juni 2013 Juni beim Holland-Festival in Amsterdam heraus

Der andere Artiste associé des Festivals ist Stanislas Nordey, der in Avignon seine Handke-Inszenierung Par les villages / Über die Dörfer zeigt. Alles über das Festival d'Avignon auf nachtkritik.de im entsprechenden Lexikoneintrag.

 

Kritikenrundschau

"Dieser Auftakt in Avignon weckt Erwartungen wie schon lange nicht mehr", schreibt Joseph Hanimann in der Süddeutschen Zeitung (10.7.2013). Denn mit den beiden Artistes associés Dieudonné Nianguna und Stanislas Nordey habe "das Poetische und das Politische dieses Jahr wie durch ein Wunder zusammengefunden". Niangunas Inszenierung versprühe sich diese Mischung aus Poesie und Politik in einem Mix aus "Singsang, Ritualtanz, Palaver, Politposse, Comic und Gewalt über den Tragödienschrottplatz seiner Bühne". Und mit einigem schwarzen Humor, "der die Hoffnung auf ein besseres Menschendasein nicht aufgeben mag". Nie versinke Niangounas fünfstündiges Spektakel im sozialen Jammer. "Je tiefer der Blick reicht, desto heller blitzt der Humor, mögen auch mitunter die Szenen mit ihrer Rhetorik davontreiben." Ein humanitäres Hilfsflugzeug stürze wegen Treibstoffmangels mitsamt dem Frieden ab. Das Wort 'Genozid' werde im Singular und im Plural konjugiert. "Ich genozidiere, du genozidierst..."

In einem streckenweise recht missmutigen Überblicksartikel in der Neuen Zürcher Zeitung (20.7.2013) stellt  Marc Zitzmann dem diesjährigen Festival in Avignon ein insgesamt wenig schmeichelhaftes Zeugnis aus. Im von Dieudonné Niangouna kuratierten afrikanischen Schwerpunkt etwa mute vieles "epigonal an", zum Beispiel "das von Niangouna selbstverfasste und inszenierte Stück 'Shéda' (…) Eine vierstündige Logorrhö mit mythologisierend-verquastem 'Inhalt' und beträchtlicher Fallhöhe zu den Vorlagen von Jean Genet, Bernard-Marie Koltès, Heiner Müller, Sarah Kane usw. Von Niangounas Regieführung im 'Mad Max'-Stil gar nicht erst zu sprechen …"

 

 
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