Prinzip Dosentelefon

von Michael Stadler

München, 13. Juli 2013. Und es ist Sommer. Draußen sitzen sie, der Mann und die Frau, an einem Tisch im Freien, und spielen ein Spiel, bei dem er, der Mann, Fragen stellen darf und - typisch Mann? – erst mal wissen will, wie das denn bei ihr war: das erste Mal. Die Frau lenkt erst ab und antwortet dann bereitwillig. So hat Peter Handke es geschrieben. In seinem 2012 bei den Wiener Festwochen von Luc Bondy uraufgeführten Stück "Die schönen Tage von Aranjuez" (hier die Nachtkritik von der Uraufführungs-Inszenierung) fühlt er den Beziehungen auf den hohlen Zahn, und wenn er sich auch nicht auf der Höhe des modernen Geschlechterdiskurses bewegt, schnörkelt sich seine Sprache doch so feinnervig ins Hirn und schweift das Paar so symbolträchtig ab – besonders der Mann, der sich an einen Aufenthalt in Aranjuez erinnert und den Einstieg aus Schillers "Don Carlos" auch zu zitieren weiß –, dass man das Stück durchaus mit einigem Genuss zu Ende liest.

Und auf der Bühne? Ist es Sommer. Drinnen sitzen und kochen sie, der Mann und die Frau, in einem sich breit erstreckenden Zimmer, durch dessen Mitte unsichtbar eine Trennlinie verläuft, die den Raum in zwei Hälften teilt: auf der linken Seite eine Küche, auf der rechten Seite eine Küche, beide exakt gleich eingerichtet, so dass die Hälften sich spiegeln. So hat es Bühnenbildnerin Claudia Kalinski im Marstall gebaut, für eine Inszenierung von Handkes Stück, die dem Text trotz einiger Striche treu bleibt, aber schon mal in ein anderes Setting verpflanzt. Und nicht nur das: Regisseurin Daniela Löffner und Dramaturg Stefan Bläske haben nicht nur Handkes Sommerdialog in ein Innen verlagert, dessen Holz-Ambiente den Eindruck einer ländlichen Urlaubswohnung erweckt – die Natur steckt handwerklich verarbeitet im Interieur –, sondern sie verfolgen auch konsequent einen Einfall, der das Spiel der sommerlich barfüßigen Darsteller Michaela Steiger und Markus Hering stark bestimmt.

Paar-Bild als Diptychon
In Handkes Stück haben bereits beide Parteien offenbar vorab einige Abmachungen getroffen (die Frau darf nicht einfach nur mit "Ja" oder "Nein" antworten, dem Mann bleibt die Antwort auf einige Fragen verwehrt). In Löffners Inszenierung gibt es zusätzlich Spielregeln für das Duo Hering und Steiger: Zu Beginn treten beide Darsteller fast synchron jeweils auf einer Seite ein, kehren von einem Einkauf zurück, waschen Erdbeeren – und stutzen gleichzeitig, als sie auf dem Boden die Schuhe des anderen in ihrer Raumhälfte erblicken. Was folgt, ist ein gespenstisches Aneinander-Vorbeireden in zwei Sphären. Da setzt sich Michaela Steiger auf der linken Bühnenseite auf die Anrichte und spricht, während Markus Hering auf der rechten Bühnenseite die dortige Anrichte anblickt und zuhört.

Dieses Prinzip wird insofern gebrochen, als dass die eingenommenen Positionen und die Blickrichtungen bald nicht mehr übereinstimmen. Hering schaut gen Anrichte, Steiger sitzt jedoch  am Tisch in der Raummitte. Es ist ein seltsam abgewandtes Spiel, bei dem beide Darsteller in die Luft blicken, sprechen, zuhören, während der Zuschauer sich das Paar-Bild im Kopf zusammensetzen muss. Ins Leere agieren – kennt ein Schauspieler das nicht eher vom Film? Man denke nur an "Falsches Spiel mit Roger Rabbit": Bob Hoskins und der Hase, der nachträglich hineinanimiert wurde. Und hat Clint Eastwood nicht vor fast einem Jahr entschlossen mit einem leeren Stuhl gesprochen?

aranjuez1 560 andreas pohlmann uAngucken gilt nicht! Daniela Löffners "Die schönen Tage von Aranjuez" mit Michaela Steiger und Markus Hering © Andreas PohlmannIm Theater ist das ungewöhnlich anzusehen und vom Ansatz her spannend. Markus Hering und Michaela Steiger schaffen es auch, die Konzentration über neunzig Minuten zu halten, sich in Handkes Sprachbilder zu begeben und gleichzeitig Punkte in der Tiefe des Raums zu fixieren. Besonders Steiger entwickelt in ihrer Rolle einen leichten, etwas überschwänglichen Charme. Die phallische Gurke, die der Mann schält und auf den Tisch legt, reibt die Frau zackig klein. Später sticht sie in eine Packung, und weißer Quark spritzt auf ihr Kleid. Kein Grund zur Aufregung. Von ihrer erotischen Karriere erzählt sie souverän, nur das (Sich-)Aufmachen fällt schwer: "Und nur die Schönheit, die gibt, die offen ist, und die öffnet, heißt Schönheit, oder?", sagt sie. Und entkorkt eine Weinflasche.

Durchs Springkraut gesprochen
Der Mann erinnert sich an den fulminanten Geschmack der Johannisbeeren und spricht vom Springkraut, das sich, gleichsam explosiv, bei Berührung öffnet. Noli me tangere – Löffner erzeugt wenig Ambivalenz, sondern führt gerade vor Augen, was in Handkes Stück schon steckt: Der Mann und die Frau mögen sich nach Berührung sehnen, leben aber in zwei verschiedenen, wenn auch gleich gebauten Sphären. Kommunikation baut keine Brücken, weil die Frau direkt und unverblümt und der Mann indirekt, zwar nicht durch die Blume, aber durchs Springkraut spricht. Erst als er seine Hexenkreise um den Tisch dreht, sehen sich beide erstmals an. Bis dahin befinden sich Schauspieler und Zuschauer im Korsett eines Konzepts, das auf Blickkontakt und die Energie, die im direkten Zusammenspiel der Körper entsteht und sich aufs Publikum übertragen kann, weitgehend verzichtet. Dass die Geräusche der Umwelt, die im Stück die Naturidylle zunehmend stören, im Innenraum der Wohnung logischerweise fehlen, beraubt die Inszenierung zudem eines finalen Crescendos.

"Ich habe Hunger", sagt der Mann. "Ich habe Durst", die Frau. Licht aus. Freundlicher Applaus für ein Theaterexperiment mit zwei guten Darstellern. Aber irgendwie war es ein falsches Spiel mit Handke.

Die schönen Tage von Aranjuez
von Peter Handke

Regie: Daniela Löffner, Bühne: Claudia Kalinski Kostüme: Sabine Thoss, Licht: Gerrit Jurda, Dramaturgie: Stefan Bläske
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Mit: Markus Hering und Michaela Steiger.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten

www.residenztheater.de

 

Kritikenrundschau

Daniela Löffner verordne "Handkes namen- und zeitlosen, zu Archetypen heruntergehungerten Figuren die deftige Aufbaudiät eines Küchenrealismus", schreibt Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung (15.7.2013). Einerseits erlöse sie "das handlungsfreie Stück von seiner Statik, erfindet szenische Vorgänge, die zugleich eine zweite Bedeutungsebene erzeugen". Andererseits hole "sie den schwer greifbaren, in eine spintisierende Sexual-Philosophistik entschwebenden Text auf die handfeste Ebene eines Beziehungsgesprächs am Küchentisch herunter." Und indem die Regie "Mann und Frau jeweils als Projektion des anderen erscheinen" lasse, unterlaufe sie "die Rollenklischees, die Handke mit seinem hohen Ton zu maskieren sucht." Doch das Konzept gehe szenisch nicht auf: "Alles Hantieren mit Küchenutensilien und das präzise choreografische Parallelogramm können nicht das entscheidende Manko kompensieren: dass die Schauspieler, statt miteinander zu spielen, isoliert bleiben in ihren Raumhälften."

"Michaela Steiger und Markus Hering liefern sich souverän und fein nuanciert ein mit symbolgeladenen Küchenaktivitäten angereichertes Wort-Duell", lobt Gabriella Lorenz in der Münchner Abendzeitung (15.7.2013), relativiert aber sofort: "Dennoch interessiert einen diese unendlich geschwätzige, private Vergangenheitsaufarbeitung nicht: Sie ist letztlich nur eine verschwitzte Altmännerfantasie über die Sexualität von Frauen. Hochpoetisch verbrämt natürlich." Das harte Fazit: "verschwendete Zeit".

Es sei Handkes "wundersame Sprache, die seinen 'Sommerdialog' so leichtfüßig wie versponnen mache", meint Simone Dattenberger im Münchner Merkur (15.7.2013). "Exakt das ist es, was von Regie und Schauspielern extrem viel einfordert." Die "surreale Lage", in der sich die Figuren in Daniela Löffners Inszenierung angesichts des gespiegelten Küchen-Bühnenbildes befänden, zwinge Michala Steiger und Markus Hering indes dazu, "miteinander aneinandervorbeizuspielen." Und das sei "auf die Dauer schon arg krampfig". Der "Trick mit den imaginären Gesprächspartnern" passe nicht zu Handkes Stück, "einem so filigranen wie klugen Werk", und erschwere den Schauspielern, die ihre Aufgabe immerhin "solide bis charmant" bewältigten, die Arbeit zusätzlich.

Daniela Löffner habe Peter Handke total verstanden und aus seinem manchmal anstrengenden, weil angestrengten, immer melancholischen Volltext eine Inszenierung von allergrößter Feinheit und Ernsthaftigkeit, mit einem Schuss französischen Kinoflairs, auf die Werkstattbühne des Münchner Residenztheaters gebracht, jubelt Rosemarie Bölts im Deutschlandfunk (15.7.2013): "Chapeau!"

 
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