Palast aus der Froschperspektive

von Joseph Hanimann

Avignon, 17. Juli 2013. Im Gegenüber zwischen stummer Zeugenschaft der hohen Steinwand im Papstpalast und den flüchtigen Zuschauer-Erinnerungen aus Avignon lässt sich eine szenische Rezeptionsästhetik des Theaters entwickeln. 66 Jahre Festivalsgeschichte, nicht so, wie sie in den Programmen, Kritiken, Rückblicken und Büchern steht, sondern wie sie spontan, widersprüchlich, zitatscharf oder bildverschwommen in den Publikumsköpfen blüht und vergeht.

Der Choreograph und Theaterspektakelbastler Jérôme Bel hat so etwas in der Cour d'honneur, dem Ehrenhof des Papstpalastes von Avignon, unter dem Aufführungstitel "Cour d'honneur" nun versucht. Der Ort ist Thema, Hauptfigur und Kulisse zugleich. Was leicht zur Nummernrevue, zum Betroffenheitsexhibitionismus oder zum artistisch angehauchten Sozialtrip hätte ausarten können, gerät zum heiteren Erinnerungskreuzfeuer jener, die es offenbar anging.

cour palais papescrdlDer Cour d'honneur im Papstpalast © Christophe Raynaude de Lage

Maria hinter der Spitzbodenrosette

Vierzehn Frauen, Männer und Kinder sehen uns da mit ihren Zuschauerblicken zunächst schweigend entgegen – wer zuerst blinzelt, hat verloren. Jérôme Bel hat sie in einem langen Auswahlverfahren zusammengebracht. Der Reihe nach treten sie ans Mikrophon und geben bald ablesend, bald rezitierend oder frei sprechend ihre Erinnerungen an vergangene Aufführungen zum Besten.

Der heute siebzigjährigen Zeichenlehrerin aus der Gegend von Grenoble ist seit ihrem ersten Avignon-Besuch im Jahr 1960 die Antigone, von der sie zuvor nichts wusste, als Lebensbegleiterin nicht mehr von der Seite gewichen. Ein junger Mann hingegen konnte mit Molière auf der Bühne wenig anfangen, lud dennoch seine Geliebte, um ihr zu imponieren, zu einer Aufführung in den Papstpalast ein, wo 2004 Thomas Ostermeiers "Woyzeck" gegeben wurde, und fand das große Kanalrohr vor der gotischen Palastfassade für Woyzecks und seine eigene Ruhlosigkeit genau passend.

Ein aus Belgien angereistes junges Paar wiederum berichtet, wie es den günstigen Augenblick abpasste, um einer ihnen unverständlich bleibenden Aufführung von Horváths "Kasimir und Karoline" zu entkommen, während ein Gymnasiallehrer aus Clermont-Ferrand seine Erinnerung an die legendäre Nacht mit Paul Claudels "Seidenem Schuh" von Antoine Vitez aus dem Jahr 1987 heraufbeschwört und der im Papstpalast Dienst habende Notarzt berichtet, wie während der "Medea" von Euripides mit Isabelle Huppert überdurchschnittlich viele Leute krank wurden.

Transformation in die Gegenwart

All das sind Privatgeschichten, die als solche auf keine Bühne gehören. Das Theater ist aber der magische Ort des Spiels zwischen unmittelbar Gegenwärtigem und Abwesendem, zwischen der Wahrheit des Augenblicks und jener der verzerrenden Nachwirkung. Hier setzt die künstlerische Leistung Jérôme Bels ein. Was ungekünstelt in den Berichten nachklingt, lässt er in einigen ausgesuchten Spielsituationen noch einmal aufleben.

Das französische Wort für "Probe" lautet: répétition. Bel bietet so etwas wie Nachproben. So hievt der Mauerkletterer aus Romeo Castelluccis Stück "Inferno" sich noch einmal über die Palastfassade, schmiegt sich als Homunkulus in die steinerne Spitzbogenrosette, hinter der im "Seidenen Schuh" einst die Jungfrau Maria erschien, und macht sich über die Dächer davon. Isabelle Huppert, die gegenwärtig gerade in Australien einen Film dreht, wird per Skype mit dem großen Medea-Monolog live in die Aufführung eingeblendet. Der polnische Schauspieler Maciej Stuhr schreit eine Passage von Jonathan Littells "Die Wohlgesinnten" aus Krzysztof Warlikowskis "(A)pollonia" von 2009 ins Mikrophon. Vor den Fenstern des Papstpalasts hängen wieder die rührend hässlichen Klimaanlagekästen aus Christoph Marthalers und Anna Viebrocks "Papperlapapp", die den französischen Denkmalbehörden vor drei Jahren empörte Protestbriefe einbrachten.

Würdige Momente

Die Aufführung funktioniert, abgesehen von einigen Ausrutschern zur Lachnummer, weil der Regisseur die Register der Theaterrealität nicht vermischt. Er lässt die Schauspieler spielen und die auftretenden Zuschauer mit ihren Privatklamotten Zuschauer bleiben. Dem jungen Studenten, der zu Jan Fabres Stück "Je suis sang" 2005 innerlich das Vorspiel zu Wagners "Rheingold" dazuphantasierte, lässt er dieses aber real abspielen.

Mit baumelnden Armen steht der junge Mann zwischen Rührung und Verlegenheit auf der riesigen Bühne einfach da – ein Moment von Wahrheit am Rand des Theaters, wie man ihn so noch selten sah. Dieser Rückblick beschließt würdig zehn Jahre Festspielleitung unter Hortense Archambault und Vincent Baudriller. Es waren, mit Brecht zu sprechen, die schlechtesten nicht.   

Cour d'honneur
Konzept und Regie: Jérôme Bel, Assisstenz: Maxime Kurvers.
Mit den Schauspielern: Isabelle Huppert, Samuel Lefeuvre, Antoine Le Ménestrel, Agnès Sourdillon, Maciej Stuhr, Oscar Van Rompay. Und den Zuschauern: Virginie Andreu, Elena Borghese, Vassia Chavaroche, Pascal Hamant, Daniel Le Beuan, Yves Leopold, Bernard Lescure, Adrien Mariani, Anna Mazzia, Jacqueline Micoud, Alix Nelva, Jérôme Piron, Monique Rivoli, Marie Zicari.

www.festival-avignon.com

 

Mehr vom 67. Festival d'Avignon: besprochen wurde Shéda des kongolesischen Theatermachers Dieudonné Niangouna und Par les villages inszeniert von Stanislas Nordey, beide sind in diesem Jahr artistes associés. Alles über das Festival d'Avignon auf nachtkritik.de im Lexikon.

 

Kritikenrundschau

Eine "Ehrenbezeugung für den Ehrenhof" von Avignon sei Jérôme Bels neue Arbeit, "aber auch: eine ausgesprochen ortsbezogene Insider-Nummer, bei der vor allem die Kenner auf ihre 'Ah ja!'-Effekt-Kosten kommen", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (19.7.2013). Der Abend nehme "unsere Empfindungen von Wahrhaftigkeit und Authentizität auf den Prüfstand, ist im Vergleich zu 'Disabled Theater' aber nur ein Leichtgewicht. Eine charmante, locker ausgesessene Erinnerungs-Nummern-Revue, in der es Jérôme Bel nur stellenweise gelingt, das Erinnern selbst in all seinen individuellen und kollektiven Formen – speziell das Erinnern von 'wahren' Gefühlen, ausgelöst durch Theateraufführungen – zum Thema zu machen, also wirklich Gedächtnis(gefühls)arbeit zu leisten."

Bei "Cour d'honneur" stehe eine Frage im Raum: "Was hat man sich zu sagen, wenn nicht die professionellen Akteure der Aufführung das Wort haben, sondern die schweigenden Liebhaber des Schauspiels: die Zuschauer", sagt Eberhard Spreng auf Deutschlandfunk (18.7.2013). Eigene Erfahrungen würden das Gehörte überlagenr, Jérôme Bel interessiere "das Spannungsverhältnis zwischen den Zeitebenen: Aufführung und Erinnerung." Und noch etwas lehre "die etwas gefällige Hommage an den mythologischen Freilufttheaterraum: Wenn es eine geheime Energie gibt, die alles Theater erst ermöglicht, dann ist es die unbedingte Liebe der Zuschauer."

 

 

 
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