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Joseph Beuys am Hof von König Artus

von Thomas Rothschild

Salzburg, 26. Juli 2013. Ein Bild wie aus Tarkowskis "Stalker". Moos legt sich über aufeinander getürmte Autowracks und, auf der rechten Bühnenhälfte, über Möbel und zwei Frauen. Links ein schäbiger Raum – ist es ein Gefängnis? eine Irrenanstalt? – mit einem Personal wie aus Gorkis "Nachtasyl". Aber wir befinden uns am Hof von König Artus, wie ihn der englische Komponist Harrison Birtwistle in seiner Oper "Gawain" zu einem Libretto von David Harsent in der Inszenierung von Alvis Hermanis imaginiert. Das Opernprogramm der Salzburger Festspiele 2013 ist eröffnet.

Das Jahr 2021: Die Katastrophe hat stattgefunden

Alvis Hermanis wird, so erfuhr man dieser Tage, 2017 an der Wiener Staatsoper "Parsifal" inszenieren. Jetzt konnte er üben. Denn Birtwistles "Gawain" von 1990 führt geradewegs in die Welt Parsifals, der sich jenseits von Wagner gemeinhin Parzival schreibt, nämlich in Artus' Tafelrunde. Da hat Hermanis sich nun eingerichtet oder, um im Bild zu bleiben, seinen Gral gefunden. Seit seinem verdienten Erfolg mit Bernd Alois Zimmermanns Soldaten bei den Salzburger Festspielen im vergangenen Jahr ist er wohl zur Erkenntnis gelangt, dass er in der Oper seine wahre Bestimmung entdeckt hat. Hier, in Salzburg empfahl sich der Lette dem westlichen Kulturbetrieb vor exakt zehn Jahren mit seinem grandiosen "Revisor" als Avantgardist. Inzwischen hat er, wie sein Bühnenheld Gawain, eine weite Reise zurückgelegt. Von der subkulturellen Nebenspielstätte in der republic über die größeren Schauspielhäuser in Zürich, Köln, München oder Berlin und das Burgtheater in die Felsenreitschule: das nennt man wohl Karriere. 

gawain2 560 ruthwalz uBühne frei nach Joseph Beuys Installation "Das Rudel" von 1969  © Ruth Walz

Das mittelenglische Stabreim-Poem "Sir Gawain und der Grüne Ritter" aus dem 14. Jahrhundert erzählt von einer Mutprobe, bei der Gawain versagt. Der Librettist David Harsent hat die Wertung in ihr Gegenteil verkehrt. Gerade Gawains "Schwäche" macht ihn zum Menschen. "Ich bin kein Held", sagt er immer wieder. Alvis Hermanis verlegt die Geschichte aus dem Mittelalter ins Jahr 2021. Die Katastrophe hat stattgefunden. Die Herausforderung durch den Grünen Ritter ist bedrohlich. Hoch zu Ross, mit einer Axt in der Hand, singt der Bass gravitätisch im Kontrast zu den meist überhitzten, aufgeregten Aufwallungen des Orchesters. Später wird er, wie der Komtur in "Don Giovanni", auf sein Recht pochen. In der Oper singen auch die Toten.

Rücklichter blicken wie Höllenhunde

Dann tritt die surreal verhüllte Figur aus der Aktion "Coyote" von Joseph Beuys auf, aus der gleich darauf Beuys selbst schlüpft. Es ist aber Gawain, der Gegenspieler des Grünen Ritters. Ob sich ausgerechnet der Mann, der einen abenteuerlichen Flugzeugabsturz im Zweiten Weltkrieg in seine Biographie integriert hat, als Verkörperung einer Figur eignet, die kein Held sein will, sei dahingestellt.

Die Oper ist gekennzeichnet durch das Prinzip der Wiederholung – im Text wie in der Musik. Sie ahmt den Formelcharakter alter Epen nach, ähnelt gelegentlich einer Litanei. Der unsichtbare Chor wiederum lässt an Strawinskys "Psalmensinfonie" denken. Musikalische Strukturen aber interessieren Hermanis kaum. Seine Personenregie ist, vor allem vor der Pause, eher statisch. Unaufdringliche Lichtspiele beleben die Galerien der Felsenreitschule im Hintergrund. Die Breite der Bühne wird weniger visuell als akustisch genutzt, durch das Orchester, dessen Harfe und Perkussionsinstrumente, wie schon bei den "Soldaten", auf Seitentribünen platziert sind.

gawain 560 ruthwalz uAm Hof von König Alvis in der Salzburger Felsenreitschule © Ruth Walz

Im Zweiten Akt wälzen sich dann allerhand wabernde Frauengestalten in Fetzen auf den Autowracks, deren Scheinwerfer und Rücklichter blinken wie die Augen der Höllenhunde in der Bregenzer "Zauberflöte". Auf der linken Bühnenhälfte tummeln sich unförmige Wesen unter Decken, halb Hexen, halb Wahnsinnige. Fantastik spielt in "Gawain" eine wichtigere Rolle als in den Stoffen, die Alvis Hermanis bislang inszeniert hat, und Fantastik ist offenbar nicht seine Stärke. Am Schluss erweist sich die Musik dem Szenengeschehen überlegen. Die Aufforderung, die an Gaiwan gerichtet wird wie an Peer Gynt und die Peter Altenberg so formuliert hat: "Sei, der du bist, nicht mehr, nicht weniger, aber der sei!", ist in ihr aufbewahrt.


Gawain
von Harrison Birtwistle
Regie und Bühne: Alvis Hermanis, Musikalische Leitung: Ingo Metzmacher, Kostüme: Eva Dessecker, Dramaturgie: Ronny Dietrich.
Mit: Christopher Maltman, John Tomlinson, Laura Aikin, Jennifer Johnston, Jeffrey Lloyd-Roberts, Gun-Brit Barkmin, Andrew Watts, Brian Galliford, Ivan Ludlow, Alexander Sprague.
Dauer: 3 Stunden 5 Minuten, keine Pause

www.salzbugerfestspiele.at

 

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Kritikenrundschau

Als "Flop" schätzt Karl Harb von den Salzburger Nachrichten (online 27.7.2013) diese erste Opernpremiere der Salzburger Festspiele 2013 ein. Das Orchester "verschwendet seine Energie an ein Werk, das episch ausufernd statt dramatisch stringent, lastend und schwer in Tempo, Inhalt und Ausdruck, kontrastarm, bleiern und uninteressant in den klingenden Ergebnissen ist." Regisseur Alvis Hermanis verorte "das Stück vor den moosbewachsenen Arkaden der Felsenreitschule in einer katastrophischen Endzeit voller lebender Toter. Die Natur hat die Hybris der Menschen besiegt, die Zivilisation überwuchert." Allerdings: "Das Setting hilft indessen dem dramatischen Mangel der Oper nicht wirklich auf die Beine; alle Aktionen bleiben blutleer, schleppen sich einförmig je länger je mehr zäh dahin. Die Musik schlägt keine Funken: weder aus Stoff noch Szene."

In einer Reaktion auf den Kritiker entgegnet Dirigent Ingo Metzmacher ebenfalls in den Salzburger Nachrichten (online 27.7.2013): "Ich halte Ihre Einschätzung des Stückes für grundlegend falsch und muss meinerseits vermuten, dass Sie sich im Vorfeld nicht die nötige Zeit genommen haben, um die hohe Komplexität, Vielfalt und den tieferen Sinn dieser Partitur zu erfassen."

Die "enorme Herausforderung" das "Breitwandgeschehen" in der Felsenreitschule "gestisch zu koordinieren" gelinge Dirigent Ingo Metzmacher "auf fabulöse Weise, und akustisch macht die Spreizung der instrumentalen Massen mächtig Effekt", schreibt Frederik Hanssen im Berliner Tagesspiegel (28.7.2013). Alvis Hermanis konzipiere seine Inszenierung nicht als "Kampf des christlichen Gawain gegen den heidnischen Grünen Ritter", sondern als einen "zwischen Natur und Zivilisation" mit Gawain als Wiedergänger von Joseph Beuys. Doch auch "wenn Christopher Maltman mit Hut und Weste dem Künstler verblüffend ähnlich sieht, funktioniert das mehrfach um die Ecke gedachte Konzept überhaupt nicht. Was eindrucksvoll als apokalyptisches Szenario beginnt, wird bald zum Beuys-Biografical mit nachgespielten Happenings".

Hermanis erzähle die Geschichte des Artus-Ritters Gawain als "Endzeit-Drama" und deutet die Oper "als Metapher für die Kraft der Natur", berichtet Ernst Naredi-Rainer in der Kleinen Zeitung (online 27.7.2013). "Kraftvoll setzt der Regisseur, der den Titelhelden mit Joseph Beuys gleichsetzt und den Gründervater der Öko-Bewegung mit einigen seiner Aktionen szenisch zitiert, der starken Musik seine Bilder entgegen. Virtuos bespielt Hermanis mit Haupt- und Nebenhandlungen die gesamte Breite der Felsenreitschule, die er in imposanten Videos einstürzen und in Flammen aufgehen lässt. Aber das konvulsivische Zucken seines Bewegungschors verflacht immer mehr zum Selbstzweck."

Als "Reinfall der Sonderklasse" stuft Michael Stallknecht von der Süddeutschen Zeitung (29.7.2013) diese erste Opernpremiere der Salzburger Festspiele 2013 ein. Und zwar trotz der Arbeit von Dirigent Metzmacher, der "die Musik nach leisen Stellen" aushorche, "um umso heftiger zuschlagen zu können. Er offenbart damit aber auch, wie wenig thematische Substanz in dieser Partitur steckt. Sie wirkt monochrom, immerzu rattert und trötet und kracht alles." Regisseur Hermanis verwende "Beuys, den er bewundert, vor allem in seiner Funktion als Öko-Pionier und frühes Mitglied der Grünen". Dabei wirke die Inszenierung "nicht nur mindestens so krude, wie Beuys-Hasser Beuys schon immer fanden. Es lädt auch den Klimaschutz mit einer Eschatologie, einer Weltenbrandsymbolik und einer Heilserwartung auf, vor denen es einen unter politischen Vorzeichen tatsächlich gruseln könnte. Unter ästhetischen Vorzeichen sorgt es für ein Pathos, das öfter in unfreiwillige Komik umschlägt. Hermanis scheint diesmal über seine sonst durchaus ehrenwerte Ernsthaftigkeit und seine Neigung zum Bühnenrealismus zu stolpern."

In einer der "postapokalyptischen hoffnungslosen Zukunftswelten" lasse Hermanis seinen "Gawain" spielen, schreibt Christian Wildhagen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (29.7.2013). Die Partitur werde "dicht und klangintensiv realisiert". Hermanis spiele mit "gehörigem Aufwand an einschlägigen Objekten und Statisten" verschiedene "berühmte Kunstaktionen von Beuys auf der Bühne nach", wobei sie sich damit auch die Problematik einhandele, "eine gewisse Bildungsbeflissenheit" auszustrahlen und "als nachgestellte Kopien schnell kunstgewerblich" zu wirken. Ihre "stärksten Momente hat die Aufführung freilich, wenn sie aus dem vordergründigen Bild- und Performance-Reigen ausbricht: sobald sie Gawain-Beuys nicht als Kunst-Guru, sondern dem Sinn von Libretto und Legende folgend als ewig Suchenden zeigt."

"Größter Lichtblick in dieser knapp dreistündigen Elendsfinsternis" ist für Joachim Mischke von der Welt (29.7.2013) Ingo Metzmacher am Pult mit „entspannt wirkenden Stabführung". Hermanis verliere sich „in seinem morschen Bühnenbild gern in der Wahl seiner optischen Anspielungen auf Beuys-Aktionen". Dieser „Beuys-as-Beuys-can-Abend also zieht sich, die parsifaleske Geschichte von Gawain wiederholt sich. Er kehrt, geläutert, moralisch demoliert, aus der Grünen Kapelle zurück zu seinen Rittern der Schwafelrunde und wird dort, obwohl ihm nichts ferner liegt, gefeiert, als wäre nichts gewesen. Diesen Jubel erhielt am Ende auch die gesamte Inszenierung. Als wäre nichts gewesen."

Hermanis habe "die Geschichte vom Mutprobenritter Gawain also zu einer düsteren Zukunftsvision geformt", schreibt Ljubisa Tosic vom Standard (29.7.2013), wobei die Gleichsetzung mit Beuys als "Ökovisionär der Versöhnung mit der Natur" ein bisschen weit ausholend gedacht" sei und "als Metapher nicht ganz über die Ritterlegende" passe. Mit seinen Verweisen auf Beuys-Performances wende Hermanis "quasi kompositorische Verfahren szenisch an, was in der Felsenreitschule Effekte generiert". Mit "Birtwistles entscheidenden Ritualszenen ist der Regisseur nicht so recht klargekommen"; da herrsche "eine szenische Redundanz vor, die etwas Bleiernes hat". Insgesamt aber sei dies "eine ambitionierte Arbeit, die immerhin musikalisch mit dem Modernebeitrag des Vorjahres, den 'Soldaten', mithalten kann, die ebenfalls Hermanis (grandios) inszeniert hat".

"Das Dickicht der Partitur lässt sich beim ersten, zweiten Hören wohl nur von wenigen adäquat durchdringen und nachvollziehen, Reiz und Faszination aus Überforderung wollen sich aber auch nicht recht einstellen", schreibt Walter Weidringer in der Presse (27.7.2013). Die ausbleibende Faszination sei auch Hermanis' Inszenierung anzulasten: Sie wirke mit ihren Beuys-Performance-Anspielungen „so, als habe sich Hermanis um die eigentlichen Rätsel des Stücks gedrückt und sie durch andere Rätsel ersetzt und bebildert: Auch hier bleibt ein Mehrwert aus."

"Geboten wurde, um es vergröbernd kurz zusammenzufassen, schmuddelige Luxus-Fantasy in Anlehnung an B-Movies mit einer überdrücklich epigonalen Musik", berichtet Frieder Reininghaus für die Sendung "Kultur heute" im Deutschlandfunk (27.7.2013). "Man versteht nach einer viertel Stunde, warum Birtwistlers 'Gawain' bislang über die Gartenzäune von Covent Garden nicht hinausgelangte – und nach drei Stunden, wenn dann noch die Moral zu den Stichworten von Tapferkeit und Heldhaftigkeit ihre dicken Zeigefinger erhoben hat, weiß man es erst recht."

"Keine Individuen, keine Entwicklung, keine Position, dafür Drastik", schreibt Volker Hagedorn in der Zeit (1.8.2013. "Kopf ab mit Kettensäge, Kannibalismus, auch die Hunde kriegen was ab vom Schmadder, die letzten Menschen sind die neuen Wilden, während eine Projektion in Flutvideos aus Fukushima schwelgt". Die Musik wirkt auf den Kritiker "wie ein Sound­track, der uns vor der Realität bewahrt, ein neo­romantischer Kinosound, der mit Posaunenstößen, Hornrufen, wummernden Bässen, fiependem Diskant die Apokalypse pop­corntauglich macht. Beziehungsweise schampus­ kompatibel". Den Festspielgästen werde immer behaglicher.Schließ­lich sei hier auch der Bildungs­bürger gefordert: "Gawain sieht aus wie Joseph Beuys! Er baut sogar dessen Rudel nach, mit VW­Bus und schlitten, und ist
sich mit der Natur einig, die hier als Moos schon gegenstände und Darsteller überwuchert."