Trubel in Allegro vivace

von Thomas Rothschild

Salzburg, 3. August 2013. Der beste Moment kommt kurz vor dem Ende. Hippolyta, die nach einer Konvention von derselben Schauspielerin – Karoline Eichhorn – verkörpert wird wie Titania, sieht bei der Bergamesca Zettel, der in Regisseurs Henry Masons eigener, über lange Strecken gereimter Blankvers-Übersetzung in heutigem Deutsch ein Bodenleger ist, an, als wollte sie sagen: "Woher kenne ich den?"

Music, ho!

Shakespeares "Sommernachtstraum" gehört zur englischen Nationalkultur wie Nestroys Lumpazivagabundus zur österreichischen und Schillers Die Jungfrau von Orleans zur deutschen. Aber er gehört, über Max Reinhardt und dessen legendäre Inszenierung von 1927, auch zu Salzburg. Henry Purcell hat den "Sommernachtstraum" bereits ein Jahrhundert nach dessen Entstehung, unter dem Titel "The Fairy Queen", vertont, sein Bewunderer Benjamin Britten trat 1960 in seine Fußstapfen.

Bei uns aber ist die Schauspielmusik zum "Sommernachtstraum" von Felix Mendelssohn Bartholdy bekannter als die Sommernachtsträume der Engländer Purcell oder gar Britten. Allerdings nicht zur Gänze: Bei Inszenierungen und weit darüber hinaus genutzt wird vornehmlich der "Hochzeitsmarsch", der längst den Charakter eines musikalischen Signals angenommen hat wie das Tatü Tata der Feuerwehr. Es kann also durchaus als Experiment gelten, wenn Henry Mason in seinem "Sommernachtstraum" der Komposition Mendelssohns das Gewicht zugesteht, über das sie verfügt, wenn er, anders formuliert, Titanias Aufforderung beim Wort nimmt: "Music, ho! music, such as charmeth sleep!"

sommernachtstraum2 560 ruth walz uLieber ein bisschen phantasievoll und verspielt: Markus Meyer (Puck) fliegt heran © Ruth Walz

Christine Dössel hat in der Süddeutschen Zeitung das Theaterverständnis des Salzburger Schauspielintendanten Sven-Eric Bechtolf so beschrieben: "Phantasievoll und kindlich verspielt soll es sein, nicht zu sperrig, nicht zu fordernd, nicht zu fremd, Theater prall und satt und lieber ein bisschen platt als zu intellektuell-experimentell." Wenn das zutrifft, dann ist dieser "Sommernachtstraum" ganz nach seinem Geschmack.

Laufen, hüpfen, tänzeln

Die Inszenierung im stimulierenden Ambiente des Residenzhofs bietet keine Überraschungen und erst recht keine Provokation. Gleich zu Beginn, zur viertelstündigen Ouvertüre wird dem Publikum ein turbulentes Spektakel präsentiert, so eine Art beschleunigter Marthaler. Mendelssohn bevorzugt das Allegro vivace, und die Inszenierung passt sich seinen Tempi an. Es wird viel gelaufen, gehüpft, getänzelt. Irgendwie assimilieren sich alle Figuren dem Bewegungsrepertoire Pucks.

Die Musik verstärkt den romantischen Charakter des "Sommernachtstraums". Sie interessiert sich weder für das Komische, noch für das Plebejische, das die Handwerker beisteuern. Henry Mason jedoch forciert die Komödie. Die fast durchgängig groteske Komik beraubt das Stück freilich seines Kontrasts zwischen dem romantischen und dem Handwerker-Handlungsstrang. Auch die Choreographien zur Musik neigen überwiegend zum komischen Gestus.

Kritik ist leicht, und Kunst ist schwer

Eine Mütze mit langen Ohren, Hufe an den Händen, ein Schwanz und vorstehende Zähne machen Zettel (Paul Herwig) zum Esel. Er braucht weder eine Maske, noch ein Fell. Die Verliebtheit, die sich dem in die Augen geträufelten Saft einer hier überdimensionalen Blume verdankt, hat schon manchen Esel ohne Maske und Fell begehrenswert erscheinen lassen. Auf der Bühne wird die plötzliche Verliebtheit der diversen Beteiligten lediglich durch Lichtwechsel signalisiert.

sommernachtstraum4 560 ruth walz uChristian Higer (Alte Elfe), Paul Herwig (Zettel) und Karoline Eichhorn (Titania) © Ruth Walz

Die Elfen Spinnweb, Bohnenblüte, Senfsamen und Motte wirken skurril und sind unbestimmten Geschlechts. Der Handwerker Schnauz indessen scheint nur dafür eine Frau sein zu müssen, damit es zotig klingt, wenn die Wand, die sie darstellt, eine Spalte oder ein Loch hat.

Bei der Aufführung des Stücks von Pyramus und Thisbe am Ende wird auf die Tube gedrückt. Henry Mason zerdehnt es wie Zettel, der immerhin die Entschuldigung hat, dass er, ein wahrer Schauspieler, die Bühne nicht verlassen möchte. Aber was soll man dazu sagen angesichts des erpresserischen Epilogs, der in Masons Fassung unverblümt verkündet: "Kritik ist leicht, und Kunst ist schwer." Na ja, wenn das so ist... Dann fragen wir auch nicht nach, warum eine Frau – Helena –, die von sich sagt, sie sei hässlich, eigentlich eine Brille tragen muss.

Pferde und Feen

Jan Meier hat eine Art Baugerüst auf die Bühne gestellt. Im Obergeschoss sitzt das Mozarteumorchester, dirigiert von Ivor Bolton. Die Vorderseite kann nach Bedarf mit senkrechten Lamellen verschlossen werden. Links sieht man ein hohes Portal mit drei Pferden, die gut zu Salzburg passen, aber auch den Hof des Herzogs von Athen repräsentieren. Später werden die Planen vor dem Untergeschoss entfernt und ein Birkenwäldchen kommt zum Vorschein. Hierhin flüchten sich die Liebespaare und die schauspielernden Handwerker, hier treiben Oberons Elfen ihr Unwesen.

sommernachtstraum5 560 ruth walz uMit dem Orchester des Mozarteums und Vokalensemble © Ruth Walz

Der "Sommernachtstraum" hat es, wie "Lumpazivagabundus", mit den Feen. Zufall, oder doch Bechtolfs Geschmack? Zur Festspielsensation wurde der Shakespeare ebenso wenig wie zwei Tage zuvor der Nestroy. Immerhin war er, anders als dieser, stilistisch in sich stimmig. Zu den Pluspunkten der Inszenierung zählt die Sprechkultur, namentlich von Karoline Eichhorn. Vielleicht bedarf es eines englischsprachigen Regisseurs, der allerdings seit 1996 in Österreich lebt, damit dem Sprechen, insbesondere von Versen, die erforderliche Aufmerksamkeit geschenkt wird.


Ein Sommernachtstraum
von William Shakespeare
mit der Schauspielmusik von Felix Mendelssohn Bartholdy
Deutsch von Henry Mason
Regie: Henry Mason, Dirigent: Ivor Bolton, Bühne und Kostüme: Jan Meier.
Mit: Michael Rotschopf, Karoline Eichhorn, Markus Meyer, Christian Higer, Tanja Raunig, Daniel Jeroma, Claudius von Stolzmann, Eva Maria Sommersberg, Raphael Clamer, Paul Herwig, Christian Graf, Barbara Spitz, Mathias Schlung, Reinhold G. Moritz u.a.
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, keine Pause

www.salzburgerfestspiele.at

Mehr zu den Salzburger Festspielen finden Sie im nachtkritik.de-Lexikon.

 

Kritikenrundschau

Regisseur Henry Mason und Ausstatter Jan Meier ziehen mit schier unerschöpflichem Ideenreichtum in ihren Bann, schreibt Thomas Trenkler im standard (5.8.2013). Nicht die Musik untermale das Geschehen, sondern "Mason illustrierte die Musik - und zwar jede einzelne Sekunde". Fazit: Eine sanft modernisierte, gekürzte, "wirklich witzige Version, die keine Neudeutung versucht". Angesicht der unglaublichen Ausstattungsdetails gehen die Leistungen der einzelnen Akteure und dem Chor beinahe unter, "einer aber dominiert den ganzen Abend lang: Markus Meyer als Puck. Er kann drollig sein, wie es sich gehört, schillernd, heiter, mitreißend."

Wenn man wie Mason jede Deutung tunlichst vermeidet, ist die Musik ein Trost, "sie schafft Atmosphäre, wo das Wort allein stumpf bleibt", so der nicht ganz so begeisterte Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (5.8.2013). Mal wirke der neu übersetzte Text frisch, mal reimverliebt und komisch. Boltons Zerteilung der Zwischenmusiken wirke mal fabelhaft farbig und rhythmisch akzentuiert, "wenn auch, da verstärkt, erst einmal gewöhnungsbedürftig". Richtig überzeugen können auf der Bühne nur zwei: Paul Herwig als Zettel mit inbrünstiger Lust an Komik und Tanja Raunig als Hermia. "Trotz großem Ausstattungszinnober ist das zu wenig. Und die Musik verkommt zur schönen Tünche einer in sich langweiligen, braven, von Darstellerseite her manchmal sogar unbeholfenenen Inszenierung." 

"Zauberhafter Sommernachtstraum" schreibt Hedwig Kainberger in den Salzburger Nachrichten (5.8.2013). "Die oft deftige Schimpferei wird dank fantasievoller Wortwahl und präziser Rhythmik erstaunlich elegant. Auch Masons Inszenierung ist voller Dynamik, Ideen und Details, und er motiviert die Schauspieler zu Höchsteinsätzen. Einige, vor allem die vier jungen Liebenden (Tanja Raunig, Eva Maria Sommersberg, Daniel Jeroma und Claudius von Stolzmann) spielen sich gleichsam die Seele aus dem Leib." Der insgesamt gute Eindruck dieser Neuinszenierung werde aber auch getrübt. Einigen Schauspielern fehle es an Liebreiz.

 
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