Vor dem Sündenfall

von Martin Pesl

Wien, 5. August 2013. Angenehm, dass hier mal kein Theaterzuschauer angesichts nackter Haut empört die Saaltür zuknallen wird. Allen ist von vornherein klar: 21 splitternackte Männer und Frauen werden auf der Bühne sein. Doris Uhlich wird mit ihnen die Fetttanztechnik demonstrieren, die sie im Zuge ihrer ImPulsTanz-Workshops mit dem Titel "more than naked" in den letzten zwei Sommern erfunden hat. Die Frage, ob das mit den Nackten denn wirklich sein müsse, steht also nicht zur Debatte, aber natürlich verkaufen sie sich gut – noch vor der Premiere hat das Festival eine Zusatzvorstellung eingeschoben.

Muskel, Sehnen und Fett

Und da kommen sie, lauter nackte Menschen. Hoppla, eine hat was an: Schuhe, und eine silbrig schimmernde Jacke, es ist die Choreografin und DJane des Abends, Doris Uhlich. Sie begibt sich direkt an ihr Pult, das einzige vorhandene Accessoire, während die anderen 20 sich über die sonst leere Bühne der Halle G im Wiener Museumsquartier verteilen. Gelegenheit zur ersten Erkenntnis: Nacktheit auf der Bühne ist bei allem Abgedroschenheitsgemecker immer noch kein gewöhnlicher Anblick. In dieser Masse zumindest nicht.

Apropos Masse, während die 20 erstmal noch ein Stillleben des Fleisches bilden, ertappt man sich bei einem Denkfehler: Das sind doch im Wesentlichen alles stramm gebaute Tänzerinnen und Tänzer, wundert man sich, wie soll denn das mit der Fetttanztechnik gehen? Die zweite Erkenntnis folgt sogleich: Und wie das geht! Auch die trainiertesten Profitänzer– ihre übrigen Mitwirkungen bei den letztjährigen ImPulsTanz-Festivals sind im Programmheft aufgelistet –, schaffen es, eifrig zu präsentieren, wo der Körper überall Fett hat: Nicht nur Brust und Gesäß, auch Wangen, Schenkel, Ober- und Unterarme, ja selbst die Nackenfalten können zum Schwabbeln gebracht werden, wie sie gleich an sich selbst und den anderen in den unterschiedlichsten Posen demonstrieren werden – zur ausgelassenen Gaudi der Zuschauer, die derart durch ein Museum antiker Götterstatuen, einen FKK-Strand oder ein lebendes, asexuelles Kamasutra geleitet werden.

Geschichten vom Körper

Vor allem aber haben die 20 Nackten Spaß und sie tanzen, shaken sich weg, im wahrsten Sinne des Wortes. Sie haben nichts zu verbergen, so steht auch nichts auf dem Spiel: "Everybody Will Be Dancing and Will Be Doing It Right", lautet programmatisch der erste Song, den die lässig im Hintergrund mitgroovende DJane auflegt. Dance Music und ein gut gelauntes Ensemble reißen mit, und bald schon bedauert man jeden Tänzer, der bei seiner Arbeit auch noch Kleidung tragen muss.

morethannaked 560 andreasalzmann u.jpg"more than naked" © Andrea Salzmann

Denn auch ohne bricht bei allen ungefähr gleichzeitig – und natürlich klar sichtbar – der Schweiß aus. Nach der Hälfte dieser heiteren Stunde Leibesübungen stehen sie in einer Reihe an der Rampe, das Gesäß ans Publikum gewendet, und man riecht den Schweiß förmlich, wie er ihren Wirbelsäulen entlang perlt, aber selbst der präsentiert sich in diesem Setting wie ein wohlverdienter Wohlgeruch. Kurz darauf wird kurz der Chefin selbst die Bühne zum Tanze überlassen: Ihre DJ-Jacke legt Doris Uhlich fairerweise ab – ein minimalistischer Striptease – und schwingt sie ebenso wie ihre Hüften beim einzigen andeutungsweise lasziven Akt dieses Abends. Darüber hinaus handeln die kleinen Geschichten, die die Choreografin glasklar und ohne Worte erzählt, zwar in hohem Maße vom Körper, aber nicht im Geringsten von Sex.

Zurück zur Unschuld

"more than naked" verweigert jegliche Provokation, ignoriert jeden möglichen Zusammenhang von Nacktheit und Scham und unterläuft die etwas gequälte Eh-schon-längst-nicht-mehr-Aufgeregtheit, die "die Nackerten" am Theater auslösen. Gewissermaßen erhält hier die Bühnennacktheit die Unschuld zurück, die sie nie hatte. Kindlich reiben die Performer einander die Wangen und Waden und testen aus, welche Geräusche wohl das Zusammenklatschen vom eigenen Popo und dem Bauch der Kollegin erzeugt; ausgelassenes Treiben im Paradies vor dem Sündenfall. Freilich folgt eine weitere Erkenntnis nach spätestens einer Dreiviertelstunde: Die Unschuld, und sei sie noch so überraschend, kann, einmal etabliert, auch langweilig sein. Viel mehr als nackt – da hat der Titel ein bisschen hochgestapelt – waren diese Damen und Herren dann nämlich doch nicht.

More than Naked (UA)
Choreografie: Doris Uhlich, Künstlerische Beratung: Yoshie Maruka, Dramaturgische Mitarbeit: Chris Standfest, Licht: Nadja Räikkä, Ton: Gerald Pappenberger.
Von und mit: Zinzi Buchanan, Neil Callaghan, Paige Culley, Mihaela Alexandra Dancs, Andreea Maria David, Lucia Di Pietro, Stefanie Eisl, Aleksandar Georgiev, Tova Gerge, Katharina Hölzl, Ofelia Jarl Otega, Costas Kekis, Petros Konnaris, Lilach Livne, Milan Loviska, Aloun Marchal, Andrius Mulokas, Katarzyna Szugajew, Andrew Tay, Doris Uhlich, Thales Weilinger.
Länge: 1 Stunde, keine Pause.

www.impulstanz.at

 

Kritikenrundschau

Doris Uhlich schafft es aus Sicht von Helmut Ploebst vom Wiener Standard (7.8.2013), "ihre zwanzig splitternackten Tänzerinnen und Tänzer von allem abzukoppeln, was nichtbekleidete Körper ins Zwielicht drängt". Uhlichs Abend habe Witz, lasse diskursive Unebenheiten zu und gebe das Gefühl, "dass kulturelle Regulative nicht für die Ewigkeit festgeschrieben sind".

Selbst wenn "Körperteile zum Schwabbeln gebracht werden, die Darsteller ohne Scham einander berühren", entstehen für Verena Franke von der Wiener Zeitung (7.8.2013) zu keinem Zeitpunkt obszöne oder erotische Anspielungen. Vielmehr fühlt sie sich als Zuschauerin overdressed. Uhlich gelinge mit dieser Inszenierung "ein ästhetischer Zugang mit barocken Anspielungen, der jeden einzelnen Körper in seiner Bewegung und in seinem Aussehen als einzigartig präsentiert."

 
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