Die Sanduhr läuft auch digital

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 6. August 2013. Es wird zunehmend eng für Jedermann, auch wenn alle Nebenrollen beiseite geräumt sind und Philipp Hochmair im Wortsinn schalten und walten kann: Er hat einen Fußtaster. Wenn er den betätigt, leuchtet in roter Schrift auf, wessen Rolle er gerade spricht: Armer Nachbar, Guter Gesell, Schuldknecht, und so fort. Kein Problem also, beim Young Director's Project der Salzburger Festspiele dem von Bastian Kraft zum Einpersonenstück abgespeckten "Jedermann" zu folgen.

Mitspieler gibt es doch: Mit dem lebensgroßes Skelett lässt sich herrlich totentanzen und Zwiesprache halten. Aber im Schädel des knöchernen Gesellen verbirgt sich eine Kamera. Der allgegenwärtige Knabe hat den Jedermann immer fest im Video-Auge, da gibt's kein Entkommen. Dann ist da noch die Multiinstrumentalistin und Stimmartistin Simonne Jones mit ihrem ansehnlichen Arsenal vom E-Bass bis zum Harmonium, vom Klavier bis zur singenden Säge. Letztere kommt zum Einsatz, wenn Jedermanns Mutter zur Moralpredigt ansetzt. Das allerwichtigste Requisit in der technisch aufgemotzten Jedermann-Welt auf der Pop-Bühne ist freilich die digitale Zeitleiste.

jedermannydp 560 wolfgangkirchner uJedermann alias Philipp Hochmair und Simonne Jones © Wolfgang Kirchner

Gott ist ein Techniker

Um 20:00:27 tritt Philipp Hochmair alias Jedermann auf mit den Worten "Mein Haus steht stattlich da" (die einleitenden Worte Gott des Herrn und dessen Dialog mit dem Tod sind weggeschnitten). Um 20:41 tauchen die ersten Wolken der Midlifecrisis auf, um 20:46 schmettern, begleitet von Glockenschlägen und Bühnennebel, die "Jedermaaannnn"-Rufe. Der Tod, der ist dann doch nicht Hochmair selbst, sondern die goldgewandete Sängerin mit amerikanischem Slang. "OK", dröhnt sie auf die wimmernde Bitte des Jedermann hin, ein Stündlein noch verweilen zu dürfen. Da wird die Bühne plötzlich zum kleinen Podest, und die Leuchtschrift "Live" über der Pawlatsche ist schon fast ein Hohn. Und jetzt kommt's: Noch kleiner wird die Bühne gemacht, reduziert zum Laptop, auf dessen Screen Hochmair als die verzwergten "Gute Werke" hockt und wie ein Käfer gestikuliert.

Genau da hat der aus dem Text gestrichene Gott den Theaterleuten bei der Premiere ein Schnippchen geschlagen und zuerst das blaue Fehler-Fenster von Windows erscheinen lassen. Wer nach einem solchen Signal von oben nicht katholisch wird, dem ist wirklich nicht zu helfen. Auftritt eines Technikers, bald war der Defekt behoben. Die unfreiwillige Pointe war die bei weitem stärkste des an optischen und akustischen Signalen keineswegs reizarmen Abends.

jedermannydp 280h wolfgangkirchner u© Wolfgang KirchnerJe nun: Bastian Kraft und sein wunderbar leiser, differenzierter Solo-Darsteller sind ausgezogen, die heutige Dimension des Hofmannsthal-Textes zu ergründen. Sie tun es mit viel Rotstift, aber insgesamt mit allergrößtem Respekt vor dem Text, dem kaum ein Wort hinzugefügt wird. Am materiellen Denken wird die Sache festgemacht. Die Anfangsworte "Mein Haus steht stattlich da" wiederholt Jedermann trotzig, wenn es ans Ziehen der Lebensbilanz geht. Diese fällt dann bemerkenswert kleinlaut aus. Hofmannsthals (gestrige) Antwort mit den Guten Werken und dem Glauben bleibt auch die heutige. Nicht mal ein buddhistisches Räucherstäbchen zündet dieser neue Jedermann für sich selbst an.

Ich glaube... ich glaube... äh

Fazit: Bastian Kraft und Philipp Hochmair (man muss die beiden als enges Projektteam sehen) wollten vielleicht zu neuen Denkufern aufbrechen und sind doch im Vertrauten angelandet. Sie erzählen hinter der durch und durch heutigen, trashigen Fassade von nichts anderem als dem kreuz-brav sich bekehrenden Jedermann. Das schaut freilich toll aus im Detail: Die Frage "Woran glaubst Du?" wird insistierend eingehämmert. Hochmair – natürlich auch der Glaube – rollt in überdimensionaler und mehrfacher Projektion die Augen und wirkt da wie sein eigener Exorzist. Der echte Jedermann-Hochmaier krabbelt davor auf dem Boden und stammelt "Ich glaube ... ich glaube, dass ich glaube ... der Glaube versetzt doch Berge". Jedenfalls macht der Glaube Schluss mit der Digital-Uhr und zieht den Stecker raus. Nach dem Abschied des Mammon waren die Minuten und Sekunden nämlich bedrohlich ins Laufen gekommen.

21:47 Uhr, ein Stündchen und eine Minute später (die Digitalanzeige läuft wieder): Jedermann ist ins Grab gestiegen, kommt wieder raus, klammert sich an einen Buchstaben der Lichtleiste "Live" und wird himmelwärts gezogen. Es ist, als sei nicht Montblanc, sondern die katholische Kirche der Sponsor dieses Gemeinschaftsprojekts von Young Director's Project und Hamburger Thalia Theater. Poppig, trashig – und einfach, wirklich einfach und einfach wirklich göttlich.

 

Jedermann
nach Hugo von Hofmannsthal
Regie: Bastian Kraft, Bühne und Video: Peter Baur, Kostüme: Dagmar Bald, Musik: Simonne Jones, Dramaturgie: Beate Heine.
Mit: Philipp Hochmair und Simonne Jones.
Aufführungsdauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.thalia-theater.de
www.salzburgerfestspiele.at

 

Alles über die Salzburger Festspiele auf nachtkritik.de hier entlang.

 

Kritikenrundschau

"Dass man die bestgehasste Altlast der Salzburger Festspiele, Hugo von Hofmannsthals 'Jedermann', auf sehr direkte Weise entkalken kann, beweist der Schauspieler Philipp Hochmair mit seiner furiosen OneJedermann-Show, die er in gebührendem Abstand zur neuen, großen Reform-Inszenierung vor dem Dom performt", lobt Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung (8.8.2013). Die Moritat nehme er mit "Verve, Witz und Wahn und eben auch immensem Können als barocke Sprechoper sensationell auf die eigene Narrenkappe". Und er bringe genau das halbseiden Schlawinerhafte mit für den Jedermann, bei ihm ein verstrahltes Party-Animal. Fazit: Er, die ihm ebenbürtige Musikerin Simonne Jones, und der Regisseur "versetzen den Festspielen einen Stromstoß an intelligentem Irrwitz, den man in Salzburg so oft vermisst".

Der wunderbare Philipp Hochmair, den die Wiener Burg fahrlässigerweise ziehen ließ, stellt sich dem Skandal unserer Zeitlichkeit, so Ronald Pohl im Standard (8.8.2013). "Die vielgeschmähten Verse spricht er gaumig und weich, jeder Endreim gerät ihm zur Pointe." Hochmair scheint an drei, vier Fronten gleichzeitig zu kämpfen, "er wäre für das Spiel am Domplatz eine kräftige Besetzung. Seinetwegen ist Bastian Krafts Inszenierung einen Besuch wert". Die habe sonst leider gar nichts mitzuteilen, außer: Gibt es keinen Gott, spielen wir halt Pop.

"Kraft interessiert am Jedermann nicht nur das Laute, Schillernde und Leidenschaftliche, sondern auch dessen Schattenseiten", schreibt Hanna Pfaffenwimmer in der Presse (8.8.2013). So tanze Jedermann vor der imaginären Tischgesellschaft mit einem Skelett oder schaufele sich visionär schon frühzeitig sein eigenes Grab. "Jeder Gedankengang wird dabei von den mitreißenden Songs von Simonne Jones begleitet, die am Bühnenrand die ganze Zeit über als multifunktionelles Ein-Frau-Orchester wirkt. Durch ihre Melodien verleiht sie der fiebrigen Getriebenheit Hochmairs den Feinschliff an Energie, die von Minute zu Minute mehr ins Publikum schwappt."

 

 
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