Die Graswurzelbewegung

von Astrid Kaminski

Berlin, 15. August 2013. "Wie wär's, jeder legt fünfhundert Euro auf den Tisch und wir schicken eine Kollegin aufs Fahrrad, die uns was sucht?" So klingt es, wenn Barbara Friedrich die Vorgeschichte der Uferstudios erzählt, der noch neuen Tanz-Lokalität im Wedding, deren Geschäftsführerin sie heute ist. Gesucht wurden Probenräume, gefunden wurde das alte Straßenbahndepot an der Panke, dass einen Hauch Londoner suburban-Flair verbreitet. Gefunden wurden außerdem 4,3 Millionen Kassenlotterie-Mittel, um den Fuhr- in einen Tanzpark umzubauen.

uferstudios 280uferstudios uAls sie noch ein Straßenbahndepot waren: die
Uferstudios in Berlin © Uferstudios
14 Studios gibt es dort nun, fünf werden vom Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz (HZT) fest angemietet, zwei von der Tanzfabrik, einer von den ada-Studios, der Rest steht der freien Szene zu guten Mietkonditionen zur Verfügung. Außerdem ist tanzraumberlin, die Initiatorengemeinschaft, mit Büros vertreten und eine Mediathek eingerichtet worden. In 50 Jahren will das Ensemble mit Erbpachtvertrag mietschuldenfrei sein. Danach wird es ein quasi unabhängiges Raumangebot für die Szene bieten. Die Uferstudios sind typisch dafür, wie sich der zeitgenössische Tanz in der deutschen Kulturlandschaft etabliert hat: als Graswurzelbewegung.

Künstler, Netzwerker, Produzent und Spielorterfinder in Personalunion

Damit hat er nun dem Ballett, wie es an Opernhäusern praktiziert wird, oder aber auch dem (Stadt-)Theater gegenüber einen Vorsprung errungen, der nicht zu unterschätzen ist: Der zeitgenössische Tanz hat Performer hervorgebracht, die ihre eigenen Agenten sind, dazu neben- und hauptberufliche Lobbyisten, Netzwerker, Produzenten und Intendanten, die in der Lage sind, kulturpolitische Überzeugungsarbeit zu leisten. Seine Üb- und Spielorte hat er, teils tête-à-tête mit den Performance-Kollegen, deutschlandweit zu einem hohen Anteil selbst erfunden. Seien es die Berliner Tanzfabrik, die Sophiensaele, das Radialsystem, die Münchner Muffatwerke, der Essener PACT-Zollverein, das Hamburger K 3 oder allen voran das Tanzhaus NRW – um nur eine Auswahl zu nennen. Und ständig kommen neue Orte, wie etwa die Uferstudios im Berliner Wedding oder die Dépendance des Dock 11 in Pankow dazu. Darüber hinaus gibt es einen wirksamen Dachverband Tanz und flächendeckend selbstorganisiserte Tanzpädagogik an Schulen und das aus der Szene heraus entwickelte HZT. Künstler und Kollektive der freien Szene laufen inzwischen bei der Fördermittelvergabe anderen Künsten, auch dem freien Theater, den Rang ab, zumindest was die Quantität der Projekte angeht.

pact zollverein 560 pact-uEine ehemalige Waschkaue der alten Essener Zeche Zollverein: seit 2002 das Choreografische Zentrum
PACT Zollverein © PACT Zollverein

Dem Zeitgenössischen Tanz geht es gut, auch wenn es ihm schlecht geht

Die Popularität des zeitgenössischen Tanzes ist dabei keine deutsche, sondern eine internationale Tendenz. Einer der Enthusiasten, die sich dem Trend anschließen, ist Matthias von Hartz, Leiter des neuen Festivals Foreign Affairs bei den Berliner Festspielen. Der New York Times sagt er jüngst, dass "im Tanz interessantere Dinge passieren als im internationalen Theater". Verbindungslinien zwischen Strukturellem und Inhaltlichem sind hier wohl nicht zufällig. Die Selbstorganisation des Tanzes aus dem kulturpolitischen Abseits heraus ist sicherlich mitverantwortlich dafür, dass im letzten Vierteljahrhundert eine agile, kommunikative, unangepasst-anpassungsfähige, politische und experimentierfreudige Szene entstanden ist, die nicht nur EU-fähig ist, sondern auch das junge Publikum magnetisch anzieht.

Grund zum Feiern gibt es also, wenn Tanz im August, das größte deutsche Tanzfestival, in diesem Jahr sein 25-jähriges Jubiläum begeht. Trotzdem muss der Auftrieb direkt wieder relativiert werden. Denn es sind, auch wenn die Bundeskulturstiftung mit dem Tanzplan Deutschland von 2005-2010 sinnvoll in die Kunst investiert hat, noch keine (kulturpolitischen) Wunder geschehen. Förderpolitisch, das heißt: in Zahlen, pflegt Deutschland immer noch eine Ballett-Monokultur. Die letzte Berliner Hauptstadtkulturfondsentscheidung hat zudem gezeigt, dass auch in einer Tanzstadt noch Jurys unterwegs sind, die alles, was sich bewegt, hermetisch finden. In Köln gilt für die Hochschulpolitik ähnliches. Dennoch: Dem zeitgenössischen Tanz geht es, auch wenn es ihm schlecht geht, gut.

muffathalle 560 muffathalleDie Muffathalle in einem ehemaligen Münchner Elektrizitätswerk © Muffatwerk

Fünf Kooperationspartner fallen Bertram Müller, dem Initiator des Tanzhauses NRW, ein, wenn es um's Ermöglichen teurer Aufführungen geht: das Berliner Hebbel am Ufer (HAU), das Festspielhaus Hellerau in Dresden, der Essener PACT-Zollverein, Kampnagel in Hamburg und der Frankfurter Mousonturm. Aber was heißt teuer? "10 000 Koproduktionsbeitrag ist für uns viel", sagt Annemie Vanackere für das HAU. In der Tanzszene gehört Selbstausbeutung nach wie vor zur déformation professionelle. Damit wird der zeitgenössische Tanz klein gehalten. Den meisten freien deutschen Kompanien bescheinigt Bertram Müller nur bedingte internationale Konkurrenzfähigkeit – schlicht, weil die Produktionen auf einem Niveau sind, das anderswo auch zu haben sei.

Dünne Grenzline

Andersherum sind wenig Mittel verfügbar, um große Kunst einzuladen. "Eine Gruppe wie Anne Teresa de Keersmaekers Rosas können wir uns etwa alle eineinhalb Jahre leisten", heißt es aus dem HAU. Auch das Festival Tanz im August, das seit diesem Jubiläumsjahr ganz unter das Dach des Berliner Theaters geschlüpft ist, kann diese Lage nur bedingt wettmachen. Es ist mit gerade mal einem Drittel des Budgets von beispielsweise Wiens Impulstanz-Festival ausgestattet (und mit der Hälfte von Foreign Affairs, aber das ein anderes Thema). Nun geht es nicht um Hoheitsansprüche und Spitzentitel. Das Sympathische an der Tanzszene ist ja gerade auch ihre Fähigkeit zur Synergie, die dazu beiträgt, aus wenig viel zu machen. Die Grenzlinie zwischen Zusammenüberleben und Zusammensterben ist dabei dünn.

tanzhaus nrw 560 tanzhausnrw uAuch ein ehemaliges Straßenbahndepot: das 1998 eröffnete Tanzhaus NRW in Düsseldorf
© Tanzhaus NRW

Die unterschiedlichen Richtlinien auf regionaler und nationaler Ebene können oft nur sehr mühsam aufeinander abgestimmt werden. Die meisten Veranstalter sind zudem mit zwei bis drei europäischen Netzwerken verbunden, deren Leistungen gegenfinanziert werden müssen. Dafür müsse es Töpfe geben, meint nicht nur Walter Heun, Leiter des Tanzquartier Wien, sowie weiterhin einer der führenden deutschen Tanznetzwerker. Gerade Produktionsstätten ohne ungebundenes Kunstgeld haben sonst keine Chance, sich an den Netzwerken sinnvoll zu beteiligen. Die Produktionen sind also von derart vielen unterschiedlichen Förderfaktoren abhängig, dass, bekanntes Thema, auch die bürokratischen Reibungsverluste enorm sind. 40 Projektförderanträge schreibt das Tanzhaus NRW im Jahr. Jeder muss einzeln abgerechnet werden. Bei Spielstätten, die keine institutionelle Förderung erhalten, kommt noch der umfangreiche Antrag für die Konzeptförderung hinzu.

Antragschreiben als Naturreflex

Wenn Peter Pleyer, Leiter des Nachwuchsfestivals Tanztage in den Berliner Sophiensaelen und selbst aktiv in der Szene unterwegs, in Freiburg gefragt wird, was er für Fördermöglichkeiten sieht, muss er erst einmal passen. Oder sich einarbeiten. Vom Tänzer bis zum künstlerischen Leiter ist die Fähigkeit, Anträge zu schreiben eine unerlässliche Qualifikation. "Das Antragschreiben ist zum Naturreflex geworden", kommentiert Amelie Deuflhard, Leiterin von Kampnagel, als Spezialistin. Für die Kompanien heißt das aber auch: Der Bär tanzt da, wo gerade ein Antrag bewilligt wurde. Sollte eine Wiederaufnahme zum Beispiel später bewilligt werden als ein anderes in Aussicht gestelltes Projekt, kann es vorkommen, dass die nomadischen Tänzer für die bereits einstudierte Produktion unpässlich sind.

sophsae festsaal 560 joe goergen presse.uEinst Ballhaus und Versammlungsstätte: der Festsaal der Berliner Sophiensäle  © Joe Goergen

Letztendlich geht dann doch meist alles irgendwie. Auch wenn nicht selten das Gefühl aufkommt, die Darbietungen seien gerade mal halbfertig. Wer Kritiken verfassen muss, beißt oft auf Halbgarem herum und wird dann manchmal gar sauer. Macht nichts, Publikum und Macher halten zusammen im Tanz! Dennoch, so zeitgemäß und sympathisch diese Kunstbürgerbewegung auch ist: Sie kommt nun langsam in die Phase, in der sie, um interessant zu bleiben, tiefgreifendere strukturelle Wandel fordern muss. Das heißt auch: Zeitgenössischer Tanz muss teurer werden. Nicht als Selbstzweck, sondern um sich Zeit-Räume zu schaffen, in denen Methodik und Reflexion noch mehr vertieft werden können.

In Österreich, Schweden oder Frankreich sind dafür mit den dortigen Tanzhäusern relativ bessere Möglichkeiten vorhanden – von denen deutsche Häuser via Networking durchaus profitieren. Rui Horta, der mit Hilfe von Dieter Buroch 1991 von Frankfurt aus Pionierarbeit in Sachen freie Tanzkompanien geleistet hat, gründete inzwischen in Portugal einen espaco do tempo. In Deutschland sind unter anderem die bundesfinanzierten Tanzkongresse und das Choreographiezentrum K 3 auf Kampnagel erste Antworten auf die Bedürfnislage. "Reines Produzieren", fasst die HAU-Leiterin Annemie Vanackere zweifelnd zusammen, "ist am Ende vielleicht nicht produktiv". Wir warten also auf das Grundeinkommen für Tänzer und alle weiteren Schritte, mit denen die Szene ihre Ästhetik auf Politisches ausweitet.

Mehr zu zeitgenössischem Tanz auf nachtkritik.de: Im Festivalsommer 2013 besprachen wir unter anderem Sur les traces de Dinozord von Faustin Linyekula beim Festival Foreign Affairs (mit seiner Produktion "Drums and digging" auch zu Gast bei Tanz im August), more than naked von Doris Uhlich bei ImPulsTanz Wien sowie, ein Beispiel für die Zusammenarbeit zwischen Stadttheater und Freier Tanz-Szene, Forest: The Nature of Crisis, Constanza Macras' Wald-Erkundung für die Berliner Schaubühne.

 
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