Unter Bäumen der Selbsterkenntnis

von Andreas Schnell

Bremen, 10. August 2013. Seit Verena Reisemann in Timmersloh wohnt, einem Dorf, das gerade noch so zu Bremen gehört (um hinzukommen, verlässt man zwischendurch kurz das Bundesland und kreuzt Niedersachsen), hat sie einen wahrlich idyllischen Garten, umgeben von Feldern, Bauernhäusern, Gräben, Weiden. Reisemann hat an der Folkwangschule Schauspiel, Tanz und Gesang studiert – und sie liebt das Draußensein. Weshalb sie beschloss, im hauseigenen Garten und auf den anrainenden Wiesen all das miteinander zu verbinden.

Schon zum fünften Mal hat das "Außen Theater Wildwechsel" in diesem Jahr ins dörfliche Idyll zum Theater auf der grünen Wiese eingeladen. Trennung, Sehnsucht, Türen – das waren Themen, mit denen sich Wildwechsel um Verena Reisemann in den letzten Jahren beschäftigte. Diesmal ging es um das Ich, der Untertitel von "SchICHten" gab die Stoßrichtung vor: "Wie viele sind wir?"

Berechenbare Natur
Das Ich heißt Anna Schmidt und wird von fünf Schauspielerinnen performt, aufgeteilt in die Rebellische, die Ausgeglichene, die Extrovertierte, die Vorsichtige, die Naive, allesamt in überwiegend wollene Kostüme gekleidet. Wie sich das wohl bei Regen trägt? Wildwechsel warnt: "Wir spielen bei jedem Wetter!" Weshalb vom Publikum festes Schuhwerk und warme Kleidung mitzubringen sind. In Bremen muss man eigentlich immer mit Regen rechnen. Auch sonst droht gelegentlich Gefahr: Bei der Generalprobe fielen, so war zu hören, zwei Schauspielerinnen in den Graben. Das Ensemble trägt also Gummistiefel, farblich auf die teils in schmerzenden Farben gehaltenen Kostüme abgestimmt.

Wildwechsel 560 BettinaEhrenberg uDürfen, Können, Sollen oder Wollen? "SchICHten" vom Außentheater Wildwechsel © Bettina EhrenbergDas Wollen kommt zu kurz
Zur Premiere herrschte gottlob eitel Abendsonnenschein. Bei der ersten Station hinterm Haus, über die Weide, läuft eine Anna nach der anderen auf. Warten, Nervösität, eine muss kurz ins Gebüsch, ein erleichtertes "Aaah!" verrät, wofür. Die anderen Annas wippen derweil nervös, spielen mit ihrem Telefon, schauen etwas Vobeifahrendem hinterher – bis es auf einmal heißt: "Hier lang, Tür auf, Füße raus, losgehen!"

Dann sitzt die fünf Annas in einem Bus und singen: "Leaving, but i don't know where" – abhauen, ohne zu wissen wohin. Die Reise ins Ungewisse. Wer weiß schon wie viele man ist?

Während ein milder Hauch Landluft um die Nase weht und die Mücken herauskommen, treffen wir Anna Schmidt auf mehreren Stationen wieder, zum Beispiel auf einem Doppelbett, nicht im Kornfeld – aber fast. Darauf wird Dürfen, Können, Sollen, Müssen durchgenommen; das Wollen kommt immer wieder zu kurz oder wird transformiert: "Ich will, obwohl ich nicht will?" Kennt jeder, morgens, wenn der Wecker klingelt, den man abends ganz selbstbestimmt auf zu früh gestellt hat. "Fuck you!", sagt die Rebellin.

Schönheit als Waffe
Und weiter geht's, ein Tisch und eine Reihe Spiegel an den Bäumen, ein Radio, das finnischen Tango spielt. Und wieder weiter zum Haus, wo sich die Annas an diversen Waschbecken, von denen eines kurz zum Maschinengewehr wird, flottmachen, während eine schwarze Katze durchs Bild läuft. Schönheit als Waffe, fürs Vorstellungsgespräch, aber auch für die Party, wo "er" – vielleicht – kommt.

Das alles ist nicht neu. Es ist ein charmanter Abend, der natürlich nicht zuletzt von seinem Setting lebt. Aber er hat durchaus auch Witz, und man spürt die Spielfreude des jungen Ensembles, dem wie dem gesamten Team vom Publikum herzlich applaudiert wird, während langsam der Nebel über den Feldern aufzieht und im Garten ein Lagerfeuer zur Premierenparty einlädt.

SchICHten
von Inga Alima
Regie und Konzeption: Verena Reisemann, Kostüm: Katja Fritzsche, Bühne: Marco Zöhke-Abis.
Mit: Chiara Kerschbaumer, Johanna Klaffke, Amaya Lubeigt, Manuela Reiser, Tascha Solis.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.wildwechsel.net

 

Kritikenrundschau

"Mit dem Stück 'schICHten - wie viele sind wir?' bewegen die fünf Darstellerinnen Chiara Kerschbaumer, Johanna Klaffke, Amaya Lubeigt, Manuela Reiser und Tascha Solis nicht nur die Beine, sondern auch die Gedanken der Zuschauer", schreibt Monika Ruddek im Osterholzer Anzeiger (13.8.2013). Die fünf Darstellerinnen zeigten auf bezaubernde Art und Weise alle Charaktere, die in einem Menschen stecken können: in sich ruhend und verspielt, modern und kritisch, zweifelnd, lustig-beschwingt und das Leben leicht nehmend oder zappelig und unruhig.  Das Publikum könne nachdenken oder es auch lassen, "aber selbstverständlich wird es denken."

 
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