Die Seelen-Trümmerfrau

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt am Main, 21. Dezember 2007. Einar Schleef gab seiner Mutter nicht nur eine Chance: in gleich zwei umfangreichen Büchern sowie in einem ergreifenden Theatermonolog ("Gertrud ein Totenfest") schrieb er sich seine Mutter vom Leib, um ihr endlich einmal nah zu sein. In einem unbändigen Bewusstseinsstrom lässt Schleef sie das 20. Jahrhundert noch einmal erleben, stellt ihr wunschloses Unglück als Paradebeispiel vor.

In lauter Stille und blendender Dunkelheit kommt nur sie selbst zu Wort und schildert ihr eigenes Leben als Extremzustand. Der Chefdramaturg des Schauspiels Frankfurt, Jens Groß, hat daraus nun eine Bühnenfassung erarbeitet, in der sich Gertrud vervierfacht.

Alterspyramide und Bilderbogen

Wir erleben sie in Armin Petras' Inszenierung in unterschiedlichen Altersstufen und Stimmungslagen. Friederike Kammer gibt die gebeugte Greisin (Gertrud 1), Sabine Waibel die noch wackere Alte (Gertrud 2), Regine Zimmermann (Gertrud 3) die blühende und Anne Müller die kükenhafte Gertrud (4). Das Leben gerät allen vieren zum einzigen Balanceakt; weswegen sie sich schon einmal bei den Händen fassen, wenn sie versuchen, auf verdammt schmalen Balken vorwärtszukommen, denn von Bordstein zu Bordstein hüpfen sie alleine.

Am Anfang betritt Gertrud 1 die Bühne, die als schwarze Ruinenlandschaft vor uns liegt, bevor der Boden sein großes Maul öffnet und den Blick auf die Unterbühne freilegt. Dort hocken die anderen drei Gertruds und lauern auf ihren Auftritt, wobei Gertrud 1 ihnen bisweilen zuschaut, als lausche sie ihren eigenen ungnädigen Erinnerungen. Dabei kommen sich die vier Frauen schon einmal in die Quere und geraten sich in die Haare. Im Namen der Wahrheit, versteht sich, die ja bekanntlich immer auch eine Frage des Alters ist.

Frauenschicksal Baujahr 1909

Die vier Frauen spielen von Beginn an furios auf: Müller als unverbrauchtes kulleräugiges Kind, Kammer als vom Leben geschlagene Witwe, Waibel als von ihren Söhnen verlassenes Muttertier und Zimmermann, die sich als ausdrucksstärkste der vier starken Schauspielerinnen erweist, als junge Frau, der das Schicksal so manchen roten Strich durch ihre Sehnsucht zieht. Dass das Leben kein Fernseh-Dreiteiler ist, müssen sie alle schmerzlich lernen.

Nicht die Welt wartet auf Gertrud, sondern Sangerhausen, wo sie Willy, den Architekten heiratet, zwei Söhne zur Welt bringt, die später in den Westen gehen. Kaiserzeit, Weimarer Republik, Hitlerzeit, DDR. Ein Frauenschicksal, Baujahr 1909, das Armin Petras in seiner fast zweistündigen Inszenierung schlaglichtartig einfängt. Wichtige Stationen im Leben Gertruds blitzen auf, Musik und Videoprojektionen (Niklas Ritter) auf der aufgeklappten Bühne untermalen zuweilen Gefühls- und Geschichtszustände.

Abstammungsgeschichte ist Geschichte

Der Beginn des zweiten Weltkriegs gleicht einer Achterbahnfahrt, die Bombardierung Dresdens ist dann Kohlkopfhagel. Die einzelnen Szenen zeugen dabei immer auch von den vielfältigen Möglichkeiten, sich den Schleef-Text anzueignen. Mit viel Gespür für Komik und Kummer vertreten die vier Schauspielerinnen ihre seelischen Trümmerfrauen, sind mal quietschfidel und hysterisch, dann verzweifelt und im freien Fall begriffen.

Die fünfziger, sechziger und siebziger Jahre vergehen auf der Bühne im Schnell(sprech)durchgang, der eher Verlegenheitslösung scheint, und spätestens ab dann hängt die Inszenierung auch ein bisschen durch und büßt Spannkraft ein. Da nutzt es auch nicht mehr viel, dass Zimmermann zauberhaft kühle Marlene-Dietrich-Unwägbarkeitsblicke wagt, Kammer einen rotzundwassertraurigen Monolog hält, in dem sie sich als geile alte Schachtel brandmarkt, und sich die vier zum hübschen Witwenchor im Gewand der echten Gertrud formieren. Dem urgewaltigen Assoziationsraum, den Einar Schleef in seinen Mutter-Texten öffnet, hat Petras am Ende einfach zu wenig entgegenzusetzen.

 

Gertrud
nach dem Roman von Einar Schleef, für die Bühne eingerichtet von Jens Groß
Regie: Armin Petras, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Katja Strohschneider. Video: Niklas Ritter. Mit: Friederike Kammer, Anne Müller, Sabine Waibel, Regine Zimmermann.

www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau

"Einar Schleef lesen ist Schwerarbeit", seufzt Jürgen Berger in der Süddeutschen Zeitung (29.12.2007); Schleef hören, fügt er an, könne aber "ein Vergnügen sein, vor allem wenn es um seinen Mutterroman "Gertrud" geht". Und, wenn man es mit einer Fassung zu tun hat, die "aus dem Leben der Gertrud ein schlaglichtartiges Panorama macht", so wie es die Adaption von Jens Groß tut. Armin Petras habe diese Vorlage als ein "schwebendes Traumspiel" inszeniert, "das aus der Tiefe der Unterbühne des kleinen Frankfurter Hauses aufsteigt". Knappe zwei Stunden dauere "das Ganze und umspannt derart poetisch ein gelebtes Leben, dass die Frankfurter die letzte Premiere vor dem großen Jahres-Kehraus durchaus als ein verfrühtes Feuerwerk empfunden haben dürften".

In der FAZ (24.12.2007) zeigt sich Dieter Bartetzko zufrieden, dass "man" trotz der Regie des "gern schäumenden Armin Petras" keine "Epiphanie der einstigen Schleefschen Bühnen-Ekstasen" vorgesetzt bekam, sondern "konzentriert" blieb. "Das Wort regierte - vom enervierenden Floskelvorrat des Kleinbürgertums über Schamgrenzen attackierende sexuelle Bekenntnisse bis hin zu erschütternd lakonischen Einsichten in die Lebenslügen". Herr Bartetzko freut sich an dem Abend, auch wenn er, wie üblich bei Literaturtransporten auf die Bühne "Papier rascheln" hört. "Man wohnt einem streckenweise fesselnden Hörspiel mit bunten, drastischen Bildern bei." Zum "Erlebnis" indes werde der Abend durch die vier, "allesamt brillanten" Schauspielerinnen. Wieder staune man, "über wie viel großartige Schauspieler Frankfurt derzeit verfügt".

Im Mannheimer Morgen (24.12.2007) schreibt Ralf-Carl Langhals: Mit seiner Theaterversion von "Gertrud" werde Armin Petras der Schleefschen "Pyramdie aus Wortschotter" bestens Herr. "Jens Groß hat eine knapp zweistündige Spielfassung filetiert, die ihre Berechtigung in der Theaterkunst von Armin Petras findet." Vier "großartige Schauspielerinnen turnen und balancieren" auf den Trägerrippen zur Unterbühne, "den Knochen der Geschichte", den "Gertrudenchor", ein "verbales Erinnerungsballett, das einem den Atem nimmt". Später "lässt der Sog nach", weil der erzählerische Atem des Regisseurs nur bis zum Kriegsende reicht. "Das ist schade, bis dahin war es ein großer Abend, voll selbstironischer Verspieltheit, voll heilig monumentaler Stille der traurigen Poesie, deren man Petras zurecht rühmt."

 
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