Indiskrete Rüpel-Bürger

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 20. August 2013. "Entleinwandisierung", was für ein schönes Wort! Ob wir es den Deutsch-Übertitlern verdanken oder ob es sich auf Tschechisch auch so geschraubt anhört? Eine junge Dame sagt es, gleich in einer der ersten Szenen. Sie nörgelt kurz darüber, dass sich viele Theatergruppen heutzutage nicht an ihnen gemäßen Theaterstücken abarbeiten, sondern Filmstoffe auf die Bühne übertragen.

Ein krasser Fall von Entleinwandisierung also jetzt auch beim YDP der Salzburger Festspiele, von Luis Buñuels Oscar-veredeltem spätem Meisterwerk "Der diskrete Charme der Bourgeoisie" (1972). Jan Mikulášek hat eine gar nicht diskrete und noch viel weniger charmante Neo-Bourgeoisie im Umfeld des postkommunistischen Tschechien entdeckt. Korrupte Benimm-Prolos, die sich (wie im Film) zum Diner treffen. Die besseren Sitten beschäftigen sie freilich intensiv. Immer wieder mal hebt einer an, den Knigge auf- und herzusagen. Wie man sich stilvoll – nur mit Gabel natürlich – über eine Kartoffel im Saft hermacht, das ist allemal einen kleinen Monolog wert.

Lebende in der Überzahl

An einem dürftig gedeckten Tisch soll gleich in der ersten Szene ein Totenmahl zelebriert werden. Die passende Trauermusik ist vorbereitet, ungeduldig schauen alle auf die Uhr. Aber der zu Versterbende sitzt aufdringlich passiv da und will partout nicht dahinscheiden. Also wird handgreiflich nachgeholfen, die Lebenden sind in der Überzahl.

der diskrete charme5 560 kiva u"Der diskrete Charme" in Salzburg © Kiva
So geht das also dahin, als lockere Szenenfolge mit gediegen synchronisiertem Hyper-Slapstic zu neunt. Gewand-, Dekorations- und Textzitate aus dem Film zuhauf. Paraphrase oder ein durchgeknalltes Spiel mit Versatzstücken? Bei Buñuel und seinem Scriptschreiber Jean-Claude Carrière läuft die Absurdität auf der tiefenpsychologischen Schiene. Der gediegene Umgang miteinander gilt den Protagonisten im Film alles. Aber kleine Pannen wecken begründete Ängste und schaffen dem Einzelnen Alpträume. Schließlich handelt man mit Rauschgift, ist wirtschaftlich korrupt durch und durch. Und wenn man auch beständig gemeinsam zum Diner aufbricht, so traut man einander nicht über den Weg.

Schrankenlosigkeit

Der Brünner Theatermacher Jan Mikulášek findet in der Neo-Bourgeoisie seiner Heimat aufgeblasene Typen. Sie koksen und geben sich natürlich nicht weniger korrupt als ihre französischen Kollegen der frühen siebziger Jahre. Obendrein sind sie ungehobelte Flegel, deshalb klappt das Fasson-Bewahren nicht mal im Ansatz. "Faux Pas" steht auf der Kulisse. Diese Wände zitieren exakt den Buñuel-Film, und zwar jene Szene, da mit dem Offizier einer von der Gesellschaft "außen" in den verschworenen Bürgerzirkel einbricht. Seine Essenseinladung bringt im Film das abgezirkelt-kontrollierte Leben der Edelbürger nachhaltig durcheinander.

diskrete charme1 280 kiva u© Kiva

In Jan Mikulášeks Theaterstück haben wir es aber nicht mit diskreten Charmeuren, sondern mit aufdringlichen Rüpeln zu tun, die ihre Schrankenlosigkeit und Saturiertheit aufdringlich zelebrieren. Bürgertum als Modeerscheinung einer Gesellschaft ohne Werte. Die verkehrten Kulissenwände wollen uns vielleicht sagen, dass die Fassade hier ausschließlich nach außen gerichtet ist. Bei Buñuel hingegen hat jede Figur ihre Fassade auch vor sich selbst errichtet. Die potemkinschen Dörfer Buñuels reichen ins jeweilige Seelenleben.

Reden wie im Schlaf

Bei Jan Mikulášek wird das alles ziemlich frontal. Die Neo-Bourgeoisie, die er uns vorstellt, hat keine Geschichte und strauchelt deshalb in der Gegenwart. Das ominöse gute Benehmen, das sie so eifrig betreiben, hat keine Tradition, ist bestenfalls Masche und dürftige Verkleidung. Die (Alb)Traumkomponente kommt entschieden zu kurz, auch wenn sich (wie bei Buñuel) immer wieder jemand zu Wort meldet und von seinen Schlafgespinsten berichtet.

Jedenfalls wird mit starker Theaterpranke erzählt, in bester Tradition des absurden Theaters. Im Krakauer Stari Teatr (gar nicht so weit weg von Brünn, wo Jan Mikulášek arbeitet), hätte man das in der Zeit, als Buñuel seinen Film drehte, vielleicht in ähnlicher Form sehen können. Es wird viel grimassiert, Gesten und Blicke erreichen Stummfilm-Dimension. Die feine Ironie ist hier nicht beheimatet, und das ist denn doch ein großer Unterschied zu Buñuel. Wahrscheinlich wirkt die Parodie witziger auf jene im Publikum, die die Filmvorlage nicht kennen. 
 

Der diskrete Charme der Bourgeoisie
Hommage à Buñuel et Carrière, Gastspiel des Divadlo Reduta, Národní dívadlo Brno
Regie: Jan Mikulášek, Bühnenbild und Kostüme: Marek Cpin, Dramaturgie: Dora Viceníková.
Mit: Dita Kaplanová, Zuzana Ščerbová, Petra Bučková, Ondřej Mikulášek, Jiří Vyorálek, Jan Hájek, Petr Jeništa, Jiří Kniha und Jakub Gottwald.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause.

www.salzburgerfestspiele.at

 


Kritikenrundschau

"Während Buñuels versnobte Damen und Herren jeden Einbruch der Realität in ihre Welt der gepflegten Langeweile mit vollendeter Eleganz beiseite lächeln, ist die galante Oberfläche in Mikuláseks loser Szenenfolge deutlich dünner", schreibt Cornelia Fiedler in der Süddeutschen Zeitung (22.8.2013). Beim "geringsten Anlass" würden "hier Brutalität und Gier offen zutage" treten. Die auf die tschechischen Verhältnisse gemünzte kritische Stoßrichtung der Regie führe allerdings in Salzburg  "ins Leere", denn hier "kann die Bourgeoisie ganz unbefangen über ihre Möchtegern-Klassen-Kameraden im Osten lachen." Die "kritischen Töne" blieben "leicht verdaulich".

Im Bayerischen Rundfunk BR 2 (20.8.2013) berichtet Sven Ricklefs über Jan Mikuláseks "eigenwillige Bühnenadaption" des Buñuel-Films, die "erstmals in diesem Jahr so etwas wie politische Relevanz" beim Young Directors Projekt gezeigt habe und so einen "durchaus interessanten Schlusspunkt" darstellte. "Gekonnt" setze der Regisseur in seiner Inszenierung auf "derben Slapstik, auf Vulgarität und Gewalt." Dabei dürfe man bezweifelnd, dass Mikulásek "irgendeine heimliche Sympathie für seine Bühnenfiguren hegt".

"Mikulásek hat es ganz auf das schlechte Benehmen des (er sagt: heutigen tschechischen) Bürgertums abgesehen", schreibt Margarete Affenzeller im Standard (20.8.2013). Er lasse von der konkreten Filmhandlung "wenig übrig" und kompilierte stattdessen "Ideen und Träume aus anderen Texten, etwa des tschechischen Surrealisten Jindrich Styrský". Mikulásek "stellt das Absurde aus, unterstreicht es mit einem slapstickhaft aufdrehenden Ensemble. Auch das ist reizvoll, aber nur bedingt, vieles wirkt patiniert."

 
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