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Die lasche Truppe der Demokratie

von Esther Slevogt

Berlin, 22. August 2013. Ein paar Gartenstühle aus Plastik, ein Fernseher und eine Tischtennisplatte, auf der ein paar hässliche Geranientöpfe stehen: fertig ist die Tristesse eines Provinzlokals, das in dieser Form sozusagen paneuropäisch vorstellbar ist. Hier trifft sich die Dorfgemeinschaft zu kleineren und größeren Vergnügen. Zur titelgebenden "Italienischen Nacht" beispielsweise, die der republikanische Club in lauer Sommernacht abzuhalten plant.

Zunächst wird hier noch Fußball geschaut. Im Hintergrund rumoren schon die Nazis, die im gleichen Lokal am Nachmittag einen "deutschen Tag" begehen wollen. Der Wirt denkt wesentlich ans Geschäft, weniger an die Gesinnung: "Und wenn ich jetzt den schwarzweißroten Fetzen nicht raussteck, verderben mir sechzig Portionen Schweinebraten."

Agonie der Mittelschicht

Wir schreiben etwa das Jahr 1930. Bei Ödön von Horváth zumindest, der das Drama schrieb, 1931 in Berlin uraufgeführt und so etwas wie sein Durchbruch als Dramatiker. Anhand einer Handvoll sogenannter kleiner Leute führt er die Agonie und Feigheit der Mittelschicht vor den aufsteigenden Nazis vor, karikiert feige Besserwisser, selbstgerechte Ideologen und selbsternannte Weltverbesserer, die fies zu ihren Frauen sind und kneifen, wenn es ernst wird: also vor den Nazis kapitulieren.horvathsitalienische 1 560 matthias heyde uTristesse des Provinzlokals © Matthias Heyde

Der junge ungarische Regisseur Csaba Polgár (mit den Inszenierungen Korijolánusz und Merlin auch schon hierzulande zu sehen) hat Horváths böse Komödie wie eine Folie über aktuelle Verhältnisse in Ungarn gelegt. Auch dort ist die Demokratie ziemlich jung (wenn auch schon deutlich älter als die Weimarer Republik zu Horváths Zeiten). Auch in Ungarn rücken Gesellschaft und Politik immer weiter nach rechts, ohne dass es wirkungsvolle Widerstände gibt. Und so führt Polgár die Horváthschen Republikaner als ziemlich lasche Truppe ein, die im Fernsehen in der Dorfkneipe zunächst ein Fußballspiel verfolgt. Im Geplänkel versucht ein junger Sozialist (Gusztáv Molnár) sie aufzurütteln. Am Ende schmeißen die alten Abwiegler den jungen Radikalen raus. Josef, der Inhaber des Lokals windet sich zwischen den Fronten.

Filigrane Töne aus dem Spinett

Csaba Polgár wirft die Szenen fast wie atmosphärische Skizzen hin, halb realistisch, halb verfremdet. Ein Damentrio sitzt einmal zum Beispiel auf der Tischtennisplatte und trällert "Trianon, Trianon, Trianon", um den Stoff in der ungarischen Gegenwart zu verankern. Dort spielen die Verträge von Trianon, in denen das 1918 gerade von Österreich unabhängig gewordene Ungarn einen Großteil des von ihm beanspruchten Gebietes an andere, nach 1918 aus dem österreichisch-ungarischen Vielvölkerstaat hervorgegangene Republiken verlor, eine wichtige Rolle. So wie die Versailler Verträge in der Weimarer Republik für die Nazis.

An einem Spinett sitzt ein spilleriger Musiker (Árpád Kákonyi) und träufelt filigrane Töne in die Szenerie. Musiken von klassisch über demagogische Volksgesänge bis hin zu poppigen Partykrachern von Abba oder Little Eva ("Locomotion"). Dann erstarren die Spieler, stellen sich zum Singen auf. Manchmal erstickt ein Tuch auf den Saiten des Spinetts den Klang, was einen besonders schönen Effekt bei "Money Money" von Abba ergibt, das so recht nicht zum Schunkelhit erblühen kann. Dazwischen verhandeln die dörflichen Vereinsmeier ihre Streitereien, Weltverbesserer treten als Frauenverächter und Machos auf. Polgárs Kunstgriff ist es, keinen Unterschied zu machen zwischen Rechten und Linken. Alle spielen alle, sind erst linke Republikaner, die mit roten Fahnen und Parolen wedeln. Später kommen sie mit hakenkreuzverzierten Luftballons herein.

Das "Move Op!"-Festival

Der Abend ist aber doch kaum mehr als eine dramatische Skizze, wenn auch mit viel Gespür für Zwischentöne, für Atmosphären und für eine europäische Gesellschaft zwischen Agonie und Verrohung in drei Wochen Probenzeit hingeworfen. Er ist nun an der Neuköllner Oper im Rahmen des Festivals für europäisches Musiktheater unter prekären Bedingungen "Move Op!" herausgekommen. Man blickt dort mit ein paar freien Musiktheaterproduktionen aus europäischen Ländern von Griechenland bis Ungarn auf Leben und Produktionsbedingungen unter der Krise, die immer stärker nicht nur als ökonomische sondern auch als eine Krise der Demokratie in Erscheinung tritt. Oder die, wie im ungarischen Fall, in die Abgründe einer nationalen Identitätskrise führt. "Horváths Italienische Nacht" wurde als "Preview" präsentiert – ein work in progress, dessen Progress (also dessen Weiterentwicklung) mangels Finanzierung noch nicht in Sicht ist. Das ist schade. Aber vielleicht geht da ja noch was!

 

Horváths Italienische Nacht / Délszaki éj
nach Ödon von Horváth
Inszenierung: Csaba Polgár, Musik: Árpád Kákonyi, Ausstattung Lili Izsák, Textfassung: Ádám Fekete, Dramaturgie/Übersetzung: Ildikó Gaspar, Dramaturgie: Bernhard Glocksin.
Mit: Anna Szandtner, Nóra Diána Takács, Sándor Terhes, Zoltán Friedenthal, Gusztáv Molnár, Péter Tóth, Árpád Kákonyo, Ádam Fekete.
Dauer: 1 Stunde, 20 Minuten

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