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Ein Nero, dem die Harfe fehlt

von André Mumot

Berlin, 30. August 2013. Es ist übrigens Wahlkampf. Man muss manchmal daran erinnern, weil er so unauffällig stattfindet in diesem Jahr. Es ist eben so ein besonders kuscheliger Streuselkuchenwahlkampf ohne Kontroverse und ohne Konflikt, einer so ganz ohne Spannung. Insofern ist es natürlich eine prima Idee, dass das Deutsche Theater zu seiner Spielzeiteröffnung in die Bresche springt und Regisseur Stephan Kimmig mit den ganz großen Themen auffährt: Um die Strukturen der Macht und um die Unterwerfung soll es gehen, um Widerstand und bürgerliches Selbstbild, um Krieg und ferngesteuerte Politiker, um ein kompaktes Stück Gegenwartstheater und um ein klassisches Fragment. Na also: Das sollen sich Merkel und Steinbrück aber doch bitte mal ganz genau anschauen, bevor sie zwei Tage später ihr großes Kanzlerduell versenden. Oder … vielleicht lieber doch nicht.

Mario Salazar, Gewinner des Publikumspreises des Essener Stückemarkts 2012, lässt in seinem "Hieron. Vollkommene Welt" die heiklen Verstrickungen der Gegenwart vorsichtshalber außen vor und entwirft stattdessen eine Parallel- oder Zukunftswelt, in der alles schrecklich übersichtlich ist: Blind gehorchend schuftet hier die Menschheit am Fließband, erhält nur an Weihnachten einen einzigen freien Tag, und alle Arbeitslosen werden im Flutlicht der Arenen öffentlich erschossen. Dies Geschehen überwacht die groteske Karikatur eines Despoten, jener Hieron, der, gelangweilt von seiner so perfekten Tyrannei, nichts mit sich anzufangen weiß. Nur sein Sekretär (Ole Lagerpusch) tröstet ihn: "Sie haben aus der Welt eine Maschine gemacht, einen einzigen Arbeitsvorgang gemacht. Sie haben die Menschen gerettet. Ist das nicht Erfüllung genug?"

Sketchup und Königsdrama

In der Uraufführung von Salazars schlichter Dystopie herrschen neben einer gestelzt archaisierten Sprache die unterkomplexen Ressentiments und Klischees des Genres vor: Da ist die gleichgeschaltete, permanent überwachte und längst durch die Produktivität entmenschlichte Masse, die sich selbstzufrieden zur eigenen Hinrichtung begibt, und, ihr gegenüber, der weinerliche Diktator, eine sentimentale Witzfigur, ein Nero, dem die Harfe fehlt. Kimmig, der raffinierte Schauspielflüsterer, inszeniert das Ganze dann aber so, als wolle er eine Folge Sketchup zum Shakespeare'schen Königsdrama machen, friert alle schrillen Übertreibungen in kühle, fein abgestufte und schwer bedrückende Trauer ein und lässt den Hieron von Felix Goeser unter dicker Latexschicht als schwitzenden, fetten Alten an zwei Stöcken über die Bühne humpeln. Auftritte, die man so schnell nicht vergessen wird in ihrem erschreckenden schnaufenden Selbstekel und der trotzigen, halbirren, schmerzverzerrten Selbstgerechtigkeit.demetrius 560 arnodeclair hBarockkostüme und Anzugmenschen vor Wänden in Schillers "Demetrius" © Arno Declair

So beeindruckend Goeser den kaputten alten Machtmann zu leise angewehten Opernarien über die Szene und in den Selbstmord schleppt, so ganz und gar unerheblich gerät ihm nach der Pause der Jüngling, der sich in Schillers "Demetrius"-Fragment anno 1603 den Zarenthron erkämpfen will, weil er sich fälschlicherweise für den legitimen Erben hält. Man muss das schon wissen, sollte in den Text mal hineingeschaut haben, denn es ist kaum möglich, Goesers halbnacktem Demetrius zu folgen. Statt die glasklaren, überaus sachlichen Verse der politischen Rhetorik zu sprechen, verkommt der kriegerische Idealist bei ihm zur hyperemotionalen, verfolgten Unschuld, die verzweifelte Gedankensprünge vor sich hertreibt.

Ein Fragment wird geschrumpft

Kimmig tut zudem alles, um von dem eigentlich so luziden Versgeflecht abzulenken, setzt den Emporkömmling hinter einen dichten Gazevorhang und lässt auf diesen, riesengroß und in bestechender Digitalschärfe, die Gesichter des halsbekrausten Restensembles projizieren. Die ganze Bühne, von Kimmigs Ehefrau Katja Haß eingerichtet, besteht übrigens im ersten wie im zweiten Teil des Abends aus gleichgültig stimmenden, mal rotierenden, mal eng beieinander stehenden Wänden, deren Beschreibung sich kaum lohnt.

Es ist überhaupt ein großes, tristes Elend, das sich bei dieser Doppelaufführung vor dem Publikum ausbreitet, insbesondere in der völlig verunglückten Schiller-Annäherung. Während beim "Hieron" mit stoischem Ernst aus einer theatralen Mücke ein finsteres Elefantenmonster gemacht wird, schrumpft der gedankenscharfe Entwurf des Fragments zu einer hilflos absolvierten Routineveranstaltung zusammen. Eigentlich liegen ja ohnehin nur anderthalb karge Akte vor, in denen nicht viel passiert, aber über vieles gewohnt profund räsoniert wird: über die Fallstricke der Demokratie, des Patriotismus, des politischen Karrieredenkens. Fragen werden kalt in den Raum geworfen, ob die Befreiung der unterjochten Zivilisten mit kriegerischen Mitteln zu rechtfertigen sei und ob man sich anschließend auf die Sitten des eroberten Volkes einzustellen habe.

Prosaskizzen zu Hausmannskost-Versen

Statt diese Aspekte, deren Aktualität derart auf der Hand liegen, dass es einem mulmig werden könnte, in ihrer unerlösten Ambivalenz herauszuarbeiten, wird undifferenziert deklamiert, mürrisch herumgesessen und auf peinigend ausgetretene Effekte gesetzt: So schälen sich die Darsteller aus barocken Kostümen, treten als zeitgenössische Anzugspolitiker vors Mikrofon und kippen Kunstblut aus Eimern. Später kommen echte Bühnenarbeiter und bauen die Wände ab. Leider geht's trotzdem weiter.

Nein, keine Spur mehr von den subtilen Flüsterkünsten des Meister Kimmig, und keine Brisanz, keine thematische Reibung weit und breit. Zu allem Überfluss greift er dann auch noch zu der ungelenken Fortschreibung, die Hansgünther Heyme in den 80er Jahren erstellt hat: Szenen, die auf Schillers Prosaskizzen basieren, aber in Hausmannskost-Versen und ohne jedes Gefühl für einen dramaturgischen Bogen dem tragischen Schluss entgegenstolpern und einfach kein Ende nehmen wollen. Ja, Judith Hofmann und Ole Lagerpusch senden dabei ab und an ein schauspielerisches Lebenszeichen ins komatisierte Publikum, aber das nützt nun auch nichts mehr. Man muss es sich eingestehen: Sogar Angela Merkel beim Wahlkampfweglächeln zuzuschauen, ist spannender als dieser Krampf.

 

Hieron. Vollkommene Welt
von Mario Salazar
Uraufführung

Demetrius
von Friedrich Schiller

Regie: Stephan Kimmig, Bühne: Katja Haß, Kostüm: Anja Rabes, Musik: Michael Verhovec, Video: Peter Engelbracht, Chrsitopher Lensing (impulskontrolle), Dramaturgie: Juliane Koepp.
Mit: Felix Goeser, Ole Lagerpusch, Natalia Belitski, Michael Goldberg, Olivia Gräser, Elias Arens, Harald Baumgartner, Markwart Müller-Elmau, Judith Hofmann.
Dauer: 3 Stunden 10 Minuten, eine Pause

www.deutschestheater.de

 

Mehr zu Mario Salazar: Bericht von der Werkstattinszenierung von "Alles Gold was glänzt", auf dem Stückemarkt des Theatertreffens 2011, die Nachtkritik zur Uraufführung desselben Stückes in Heidelberg, und ein Porträt des Dramatikers samt Video im Festivalmagazin zum Heidelberger Stückemarkt 2012 von nachtkritik.de.

 

Kritikenrundschau

Auf der Website des Deutschlandfunks schreibt Michael Laages (31.8.2013) Salazars Stück – "letztlich ein Appell zum Aufstand gegen angemaßte Macht" – wirke "gedanklich klar", dramatisch käme es allerdings "verblüffend hilflos daher". Der Sprache fehle es an "Bedeutung und Kraft", die Figurenzeichnung gebe bloß Pappkameraden her. Die anschließende Schiller-Beschwörung wirke wie eine "zweistündige Stellprobe", auf "ganz abstruse Weise" hätten sich alle Beteiligten nicht entscheiden können, "welches Maß an Abstraktion oder Zeitgenossenschaft sie bedienen" wollten. Das Ensemble agiere "obendrein uninspiriert wie kaum je eines" am Deutschen Theater. "Was für ein Desaster zum Auftakt der Saison".

Kimmigs Idee, schreibt Volker Corsten in einer Kurzkritik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (1.9.2013), ein neues Stück und einen Klassiker, gespielt von einem Ensemble miteinander zu konfrontieren, "klinge erfrischend". Nur pralle da leider gar nichts mächtig aufeinander. In "Hieron" stünden Gedanken und Emotionen so luftdicht verschweißt im Raum wie das Gummiweihnachtsbäumchen von Judith Hoffmann. An Demetrius seien schon Schiller selbst und Goethe gescheitert. Nun auch Kimmig. Das sei kein Drama. "Aber öde".

Der "Abend strahlt in seiner Mischung aus achselzuckender Ratlosigkeit und ambitionsloser Routine eine Verschlafenheit aus, als befänden sich alle Beteiligten noch tief im Theatersommerloch", befindet Andreas Schäfer im Tagesspiegel (1.9.2013). Während Kimmig in "Hieron" jeder Handlungsebene eine Spielweise zuteile ("Sie wollen alle nicht zueinander passen."), setzte Kimmig in "Demetrius" plakativ wie im ersten Teil "einzig auf die Diskrepanz zwischen Sein und Schein".

"Es ging gründlich schief, dieses Doppelinszenierungs-Projekt mit den vielen losen Enden", lässt es auch Katrin Pauly in der Berliner Morgenpost (1.9.2013) an Deutlichkeit nicht mageln: "Es ist ein Jammer, wie hier eine kühne Idee absäuft in öder Belanglosigkeit, wie gerne hätte man in dieser Doppelkonstruktion den Mechanismen der Macht nachgespürt, doch wo einer keine Fährten legt, lässt sich nun mal nichts finden.

Ein "fader Schmarrn" sei dieser Abend, ein "in erhabener gedanklicher Unbeflecktheit sich abspulendes 'Demetrius'-Spektakelchen", meint Matthias Heine in der Welt (2.9.2013), und er hat auch eine originelle Theorie für das Misslingen des Auftakts am Deutschen Theater: Denn "seit einigen Jahren läuft nur noch ein Hochstapler durch die deutschen Großtheater, der mit einer täuschend echten Mittelscheitelindianeromafrisurperücke offenbar alle davon überzeugt, er sei der echte Stephan Kimmig."

Salazars "Hieron" sei "zwar schön sarkastisch gedacht und zumindest in seiner bitterbösen Deutlichkeit als staatsphilosophisch angehauchtes Gegenwartsporträt geeignet, dem allseits herrschenden Arbeitsirrsinn nachzuspüren, aber als Spielvorlage denkbar ungelenk", meint Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (2.9.2013). Bei "Demetrius" nach der Pause hat Pilz dann "konsequent fortgeschleppte Theaterlähmung" gesehen.

 

Stephan Kimmig begnüge sich in "Demetrius" mit simpelsten Ausdeutungen, schlichten Umsetzungen, routinierten Arrangements, schreibt Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (3.9.2013). Man donnere Schiller von der Rampe und "hofft, dass die Lautstärke die Geistlosigkeit der Aufführung übertöne". Ganz ohne Bart komme dagegen die dem "Demetrius" vorangestellte Uraufführung von Mario Salazars "Hieron" aus: "Die Erde ist unter dem Alleinherrscher Hieron zur gleichgeschalteten Monokultur geworden, deren ewiger Friede durch die permanente Produktivität der Menschen erkauft wird. Wer nicht mehr nützlich ist, wird umgebracht, wer aufmuckt, ebenso." Das sei zwar wahrlich kein neues Sujet, "aber Salazar, geboren 1980 in Berlin, gelingt damit der solide gebaute und ungewöhnlich poetische Entwurf einer nicht nur politisch, sondern auch intellektuell ausweglosen Zukunft voller völlig pervertierter Begriffe: Arbeit heißt nur noch Ausbeutung, Friede nur noch Unterdrückung, Paradies nur noch Hölle."

 

Was man bei diesem Abend aus Sicht von Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (3.9.2013) vor allem beobachten könne, sei, "wie sich ein renommiertes Theater beim Versuch, sich in politischer Machtanalyse zu versuchen, blamiert". Das analytische Instrumentarium findet er entschieden zu unterkomplex. Dafür, dass die Messlatte so tief wie irgend möglich hänge, sorge Mario Salazars Stück und das darin in hölzerner Sprache ausgebreitete "putzige Parabel-Weltbild". Dieses Werk zum Spielzeitauftakt zu servieren, zeugt aus Laudenbachs Sicht entweder von Mut oder von Leseschwäche in der Dramaturgie. Bei Schillers 'Demetrius'-Fragment, atmet er dann unwillkürlich auf, "einfach, weil der Kontrast" zwischen Schillers Text "und dem Unvermögen Salazars so enorm ist." Doch der politische Stoff um Demetrius interessiere die Regie nicht weiter. Dafür fehle es nicht an Theaterblut, angeklebten Bärten, intriganten Anzugträgern und viel Leerlauf.