Die Experten der Affirmation

von Dirk Pilz

23. Dezember 2007. Stellen wir eine einfache Frage: Warum gibt es dieses Buch? Im Vorwort merken die Herausgeber an, dass es zwar "ein bisschen früh für ein ausführliches Buch" sei, schließlich gebe es Rimini Protokoll gerade mal sieben Jahre. "Doch die Arbeit von Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel ist", wird uns erklärt, "nicht zufällig in so kurzer Zeit so erfolgreich geworden." Es gibt dieses Buch also, weil es am Erfolg seines Gegenstandes partizipieren möchte. So funktioniert der Markt und dies braucht nicht weiter bemäkelt zu werden – auch wenn es ein schwaches (und entlarvendes) Motiv ist.

Schönes leeres Stichwort Wirklichkeit

Interessanter ist daher vielleicht die Frage, was Rimini Protokoll überhaupt so erfolgreich gemacht hat. Auch hierzu liefert das Vorwort die entscheidenden Vokabeln: Man habe es, erstens, mit einem "dokumentarischen" Theater zu schaffen, was seinerseits einen "Nerv" des Zeitgeistes treffe, indem es "direkt an unsere Lebenswelt" andocke und uns eine "komplexe Welt" vorführe, in der die Wahrheit "immer eine Erzählung" sei; und man habe es, zweitens, bei Rimini Protokoll mit "echten Menschen" zu tun, die "Experten" und nicht "Laien" seien, eben "Experten des Alltags".

Das Dokumentarische, die echten Menschen plus die Behauptung, bei Rimini Protokoll finde die Wirklichkeit Eingang ins Theater – das sind die üblichen, erwartbaren Stichworte. Die Beiträge dieses Bandes beleuchten und beschnuppern sie aus unterschiedlichen Perspektiven, tragen wiederkehrende Motive und Fragekomplexe zusammen, finden mitunter zu schön treffenden Beschreibungen (wie der Rede von einer "Dramaturgie der Fürsorge" etwa) und beschäftigen sich ausführlich sowohl mit den werkgenetischen als auch orts- und medienspezifischen Aspekten der einzelnen Inszenierungen.

Einblick für Kenner und Liebhaber

Kennern und vor allem Liebhabern von Rimini Protokoll wird dieses Buch also eine Freude sein. Es gibt viele bunte Abbildungen, ein ausführliches Werkverzeichnis und allerlei Einblicke in die Denk- und Arbeitswerkstatt der Riministen. Womit auch die Frage beantwortet wäre, für wen dieses Buch geschrieben ist – eben für Kenner, Liebhaber und solche, die es werden wollen. Nur die skeptischeren, erkenntnisorientierten Leser entlässt es unbefriedigt.

Gerald Siegmunds kluger Text über "Die Kunst der Erinnerung" und Hans-Thies Lehmanns instruktiver Beitrag "Theorie im Theater?" ausdrücklich ausgenommen, hat man es nämlich mit allerlei Erörterungen zu schaffen, die jene begrifflichen und denkerischen Unschärfen der typischen Rimini-Schlagworte einfach weiter schreiben. Echte Menschen, das Dokumentarische und der Einbruch der Wirklichkeit – schön und gut, aber mit welchen Prämissen wird dabei hantiert? Für den schwierigen Begriff der unterstellten (oder bestrittenen) Authentizität hätte man sich eine kritische Analyse gewünscht – und dabei zum Beispiel bei dem amerikanischen Pragmatisten Charles Sanders Peirce oder auch bei, ja!, bei Adorno nachfragen können. In Sachen Wahrheit und Wirklichkeit wäre vielleicht ein Blick auf Wittgenstein von Nutzen gewesen; und zu den Begriffen Rolle und Entfremdung hat die Sozialphilosophin Rahel Jaeggi vor zwei Jahren ein aufschlussreiches Buch geschrieben.

Wann dockt das Theater an Lebenswelten an?

Lauter Ansätze, mit denen sich das Rimini-Konzept fruchtbar gegenlesen ließe, um so mehr als affirmative Späne zu hobeln und statt dessen zu einem Erkenntnisgewinn zu gelangen, der nicht nur nachplappert, sondern im besten Sinne kritisch ist – indem er die Begriffe und Phänomene zu trennen versteht. Dass dieses "dokumentarische" Theater "direkt" an "unsere Lebenswelt andockt", dass die Wahrheit eine "Erzählung" sei und die Wirklichkeit ins Theater einbreche, sind jedenfalls saloppe, modische Behauptungen, die sich bei sachlicher Prüfung als mindestens leere, wenn nicht irreführende Formeln erweisen. Aber Erkenntnis setzt eben Distanz voraus, nach wie vor.

Dass man sie in diesem Buch an vielen Stellen vergebens sucht, hat vor allem methodische Gründe: Immer wieder werden Zitate und Selbsteinschätzungen der Regisseure von Rimini Protokoll als Beleg für die Richtigkeit des Beschriebenen herangezogen. Ein Vorgehen, das auf der schlichten Annahme aus dem schlechten alten Deutschunterricht beruht, wonach es am besten sei, beim Künstler selbst nachzufragen, um herauszubekommen, wie die Kunst zu verstehen ist (womit unterstellt wird, dass der Künstler sein bester Interpret sei, eine Vermutung, die nicht zuletzt die Arbeiten von Rimini zu widerlegen versteht). Und ein Vorgehen, das per se nur das wiederholen kann, was ohnehin offensichtlich ist.

In der Verwertbarkeit gefangen

Die Deskription huldigt hier dem affirmativen Nachvollzug des Gemeinten statt der kritischen Durchdringung des künstlerisch Gemachten. "Die Eröffnung neuer Perspektiven auf vermeintlich Altbekanntes" attestieren die Herausgeber in ihrem Vorwort Rimini Protokoll. Gern würde man das auch von diesem Buch behaupten. So aber hält man eher eine Hagiographie statt einer an Analyse interessierten Monographie in Händen. Die Liebhaber von Rimini Protokoll wird das nicht stören, und deren Erfolg nicht behindern.


Florian Malzacher, Miriam Dreysse (Hg.): Experten des Alltags. Das Theater von Rimini Protokoll. Alexander Verlag Berlin 2007. 232 Seiten. 19,90 Euro.

 
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