Operationen am offenen Herzen der Stadt

von Jürgen Reuß

Freiburg, 12. September 2013. "Bekommt das Theater noch mit, wie sich die Gesellschaft verändert?" Diese Frage treibt die Freiburger Intendantin Barbara Mundel um, seit sie vor 14 Jahren in Luzern erstmals die Leitung eines Hauses übernahm. Auch der Druck von außen nimmt beständig zu: Warum sollte sich eine Gesellschaft Subventionen für Kultur überhaupt noch leisten?

theaterfreiburg 2010 280 mauricekorbel xNoch immer Herz der Stadt? Das Theater
Freiburg im Jahr 2011 als es 100 wurde.
© Maurice Korbel
Aus der Not eine Tugend gemacht

Seit Mundel 2006 in Freiburg ihre Intendanz antrat, versucht sie diese Kernfragen für die Suche nach der Zukunft des Stadttheaters produktiv zu machen. Ihr zentraler Ansatz ist die Öffnung der Institution Theater in möglichst viele Richtungen und das Verwischen traditioneller Grenzziehungen – zwischen Theater und Wissenschaft durch kongressartige Groß-Events in Kooperation, mit Uni und Schulen oder im Stadtraum durch Resozialisierung des Theatervorplatzes mittels urban gardening-Begrünung, der dadurch zum sichtbaren Allmendbesitz wird. Dazu kommt das Aussenden von Sonden in die Welt jenseits des Theaters.

Die erste Sonde war der "Orbit", eine mobile Spielstätte, die jeweils wochenweise an verschieden Orten in und um Freiburg weilte. Mit beachtlichen Erfolgen: Sei es der Einblick in die Spannungsverhältnisse eines Dorfs im Markgräfler Land zwischen seiner Vergangenheit als katholisch geprägter Kalibergbaustandort und der sich heute dort befindlichen größten Moschee Südbadens. Sei es die Arbeit mit Jugendlichen im Hochhausstadtteil Weingarten, die erfolgreich darauf vertraute, die musisch-kulturelle Begabung vermeintlich Depravierter auf die Bühne zu bringen.

Im nächsten Schritt wurde aus der Not der von Sparzwängen gebeutelten Tanzsparte eine verzweifelte Tugend gemacht, indem Mundel die Leitung des bedrohten Balletts dem Ensemble PVC, Physical Virus Collective, übertrug. Ein programmatischer Name, demgemäß PVC es als sein Kerngeschäft betrachtet, in vielen kleinen Formaten überall in und um die Stadt bis in die Freiburger Wohnzimmer choreographisch-künstlerische Ansteckungsherde zu legen. Das war die Geburtsstunde von Stadterkundungen aus dem situationistischen Geist des ziellosen Umherschweifens im Freiburger Stadtteil Haslach, einem der spannendsten Orte, was die Stadtentwicklung angeht.

Grauzonen verteidigen

In der Folge wurde mit dem Finkenschlag, einer jahrelang verwaisten ehemaligen Haslacher Quartierskneipe, ein festes Versuchslabor für längerfristige Forschung angemietet. Zwei Jahre war der Finkenschlag Herberge für rund 30 Artists in Residence aus aller Welt, die sich für jeweils ein paar Wochen mit ihrer Arbeit in diesem nicht gerade theateraffinen Umfeld exponierten. Dazu gab es etliche regelmäßige Formate wie choreographierte Stadtsoziologie, Tanztee, Kochshow, Jugendprojekte, Stadtteilgruppenbeteiligung und vieles mehr. Insgesamt waren es über hundert Veranstaltungen, (z.B. Showtime Finkenschlag). Zuletzt wurde der Finkenschlag noch kurzzeitig auf die nahe gelegene Brache Gutleutmatten ausgedehnt (hier die Nachtkritik}.

finkenschlag 560 m.korbel hDas Tanz-Ensemble PVC ruft 2012 die "Showtime Finkenschlag!" aus © Maurice Korbel

Bei all seiner Vielfalt, eins sollte der Finkenschlag auf keinen Fall sein – eine Außenspielstätte. "Je mehr der Finkenschlag Teil des Stadttheaters würde, desto mehr würde das Stadttheater auch die Struktur bestimmen", begründet Intendantin Barbara Mundel ihr prinzipielles Problem mit Außenspielstätten. "Was bringt es, wenn Stadttheater an irgendwelche Orte oder in Industriebrachen gehen und dort die gleichen Scheinwerfer aufbauen, die gleichen Effekte generieren und die immer schon gültigen Theatergesetze implementieren. Das finde ich künstlerisch total uninteressant." Was ist die Alternative? "Wir lassen Orte wie den Finkenschlag im Unbestimmten, und ich tu nichts anderes, als diese unbestimmten Räume zu schützen, mische mich nicht ein, gebe nur ganz wenige Steuerungsimpulse." Mit welchem Ziel? "Um sich anzuschauen, was geschieht, wenn die künstlerischen Prozesse in verflüssigteren Strukturen mit eher wolkigen Aufträgen an die Künstler stattfinden." Nur so glaubt Mundel das Verhältnis von Bühne und Zuschauer und das Spiel selbst neu definieren zu können. "Solche Grauzonen muss man verteidigen, aber auch aushalten können."

Die Macht des Faktischen

Vielleicht war es ein Glücksfall, dass dabei ausgerechnet die Tanzsparte die Federführung hatte. Der Tanz muss sich nicht diskursiv vermitteln. Man kann beglückt aus einer Veranstaltung herausgehen, ohne recht zu kapieren, an was man da eigentlich teilgenommen hat. Für Projektleiter und Choreograph Graham Smith haben sich durch die Arbeit im Finkenschlag Türen geöffnet, die ihn den herkömmlichen Tanz, "egal wie post- oder postpostmodern abgefahren" er daherkommt, inzwischen als "selbstreferenzielle Brühe" empfinden lassen. Die perfekt trainierten Tänzerkörper erinnern ihn immer mehr an Dressurpferde, und die Arbeit mit ihnen reizt ihn in herkömmlichen Bühnenzusammenhängen immer weniger. "Sicher ist ein bestimmtes Niveau gut, um mit den Menschen und ihren Körpern arbeiten zu können, aber letztendlich spricht die Perfektion nur ein elitäres Kunstpublikum wirklich an."

Die Experimente im Finkenschlag sind nicht immer geglückt, haben bisweilen genervt, provoziert oder gelangweilt, aber in der Summe doch eher beseelt und inspiriert. Allerdings war, laut Smith, der Weg nach draußen intern der Totschlag von PVC, das Ende vom Tanz, der nicht nur Tanz ist. "Fünf Jahre haben wir uns immer weiter geöffnet, um immer weitere Kreise zu infizieren. Jetzt kommt das Penizillin und weg ist unsere Infektion." Für Barbara Mundel war das Penizillin die Macht des Faktischen: "Der Versuch, Politik und Feuilleton nahe zu bringen, dass das, was der Finkenschlag macht, Tanz ist, war ernüchternd. Es wird uns nicht geglaubt." Nicht mal bei den örtlichen Vertretern der in Freiburg traditionell starken progressiven Tanzszene fand das, was PVC machte, Verständnis. "Die öffentliche Diskussion, was Tanz ist, ist weder im Feuilleton noch in der öffentlichen Wahrnehmung auf der Höhe dessen, was im Finkenschlag versucht wurde. Wir hatten in der öffentlichen Wahrnehmung keinen Tanz mehr", sagt Mundel.

Gefährdung des Theaters?
Interessanterweise begleitet die Lokalpolitik Mundels Theaterexperimente in gewisser Weise wohlwollender als die Kulturszene. Vielleicht, weil Projekte wie der Finkenschlag sich auch für weniger kulturaffine Stadträte durch Etiketten wie "Sozialarbeit" oder "Bildungsauftrag" konsensfähiger präsentieren lassen. Wobei sich Mundel keinesfalls auf die in ihren Augen unproduktive Diskussion Kunst versus Sozialarbeit einlassen will. "Für viele ist es das einzige Türchen zur Rechtfertigung vor der Politik, weil die so weit weg von der Kunst und der ökonomische Druck so hoch ist, dass manche Theaterschaffende selber keine andere Deutungsmöglichkeit mehr sehen und den Bildungsauftrag als letzen Ausweg gefunden haben." Auch theaterintern beschränkt sich nach Barbara Mundels die Diskussion zu stark darauf, den Theaterraum zu erhalten. Projekte wie der Finkenschlag werden von Seiten anderer Theatermacher deshalb mit dem Vorwurf konfrontiert, damit den Raum Theater insgesamt zu gefährden.

gutleutmatten 560 TheaterFreiburg uBretter, die noch die Welt bedeuten? Das Projekt "Gutleutmatten 2013" © Theater Freiburg

Dass diese Gefährdung real ist, sieht Mundel auch, möchte aber lieber im Rahmen der gesellschaftlichen Veränderungen über die Relevanz von Theater streiten. Beispiel Bildungsauftrag: Das Hauptproblem sieht Mundel darin, dass Kultur insgesamt in Frage gestellt wird und sich aus den Schulen verabschiedet. Schule müsse immer näher an die Industrie heran- und der Schüler immer problemloser ins Berufsleben hinein rutschen – das sei die Haltung, gegen die sich niemand gewehrt habe, nicht mal die Theater. In der Folge müssen die Theater sich heute mit jungen Leuten auseinandersetzen, die eine andere Sozialisation durchlaufen haben als der klassische Theaterbesucher, der ja auch noch kommt. Diese Einschätzung erklärt auch den hohen Stellenwert, den Mundel den Schulprojekten des Theaters einräumt.

Zeitgemäße Neudefinition

Etwas, was Mundel in der Folge des Wandels für besonders bedroht hält, ist der Raum, den man dem Experiment, der Kreativität, dem scheinbar Sinnlosen, nicht Zielführenden zu geben bereit ist. Den Willen, den Raum für so etwas bereitzustellen, hat Mundel von Beginn an dokumentiert, aber die Macht des Faktischen kann auch sie nicht einfach beiseite drücken. "Wenn wir Prozesse im Stadtraum anstoßen, die für alle zugänglich sind, und ganz niederschwellige Veranstaltungen ohne Eintritt anbieten, die von der Politik ja durchaus gewollt sind, muss ich auch politisch darüber diskutieren, ob wir unser Einspielergebnis halten können. Je mehr Gelder ich in den Finkenschlag pumpe, je mehr Kinder und Jugendliche ich für 3,50 ins Theater hole, desto weniger spiele ich ein." Kann sich ein Stadttheater denn leisten, extrem großzügig bei Projekten zu sein, die keine Einnahmen generieren? "Das geht nur, wenn wir die Leute von deren Notwendigkeit überzeugen, sie mit der Begeisterung dafür anstecken."

barbaramundel 280 theaterfreiburg uj.pgIntendantin Barbara Mundel © Theater FreiburgEine Einsicht hat Mundel im Laufe ihrer Überzeugungsarbeit auf jeden Fall jetzt schon gewonnen: "Hier ist die Realität immer: So schnell werde ich das nicht umsetzen können." Und dieses Beharrungsvermögen empfindet sie durchaus als positiv. Die erneute Ehrung des Theatermagazins "Die Deutsche Bühne" für das Freiburger "Engagement bei der zeitgemäßen Neudefinition des Stadttheaters als auch herausragende konventionelle Produktionen vor allem im Bereich der Oper" könnte sie darin bestärken. Aber die jeweilige Gewichtung der beiden Teile hängt nicht nur von der Intendanz ab. Solange die beträchtlichen Fördermittel des Bürgertums in Form der EXCELLENCE-Initiative der TheaterFreunde Freiburg an Inszenierungen wie etwa in der kommenden Saison die "Csárdásfürstin" gebunden sind, wird die Zukunftsforschung, so existenziell sie langfristig für die Theater sein wird, prekär bleiben.

Offene Zukunft

Trotz solcher eindeutigen Voten der in unserer Privatisierungsgesellschaft immer wichtiger werdenden Sponsoren ist Mundel entschlossen, kreative Grauzonen wie den Finkenschlag zu verteidigen: "Der Mietvertrag ist verlängert, die Zukunft bleibt offen." Eine Respektsbekundung vor den Spuren, die der Finkenschlag jenseits des "Follow-the-money"-Trails nicht nur bei seinen Machern hinterlassen hat, und vor einer Haltung, die Graham Smith, der gerade mit seiner im Finkenschlag-Umfeld gegründeten School of Life and Dance von einer Gastspielreise aus Jerusalem zurück ist, in beeindrucken kompromissloser Weise verkörpert: "Auch wenn ich demnächst gekündigt wäre, würde ich weiter machen wie bis jetzt."

 

www.theater.freiburg.de

 

Mehr zum Thema: Siehe die Texte zur Stadttheaterdebatte, die im Kontext seiner 100-Jahr-Feier vom Theater Freiburg ausgegangen ist.

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