Suchst Du das kleine Drama?

von Tim Schomacker

Bremen, 13. September 2013. Der Boden sieht aus, als habe jemand eine Diskokugel ausgeschüttet. In dem flirrenden Firnis, für den Bühnenbildnerin Evi Bauer anscheinend den Paillettenbesatz dutzender Cocktailkleider aufgelöst hat, brechen sich die Strahlen der Scheinwerfer. Ansonsten ist die Bühne leer. Was gebraucht wird, wird hereingetragen, geschoben oder gerollt.

Im glitzernden Treibsand

Keine schlechte Idee, die glatte Oberfläche, die den eigenwilligen und erfolgreichen Roman von Leif Randt leitmotivisch trägt, nicht in nahe liegendes Set-Design zu übersetzen, sondern die Blitzblankflächen ins scheinbar Unendliche zu zerkleinern. An einer Stelle zeichnet Wim (Justus Ritter) mit dem linken Fuß eine Linie in diesen wie ein barocker Faltenwurf bedeutungsgeladenen Treibsand und will gerade mit dem rechten Fuß diese Linie überschreiten – als Mama sich meldet. Sie habe, sagt sie, dann doch Verständnis dafür, dass sie von seiner, ihres Sohnes, Trennung mehr zufällig und durch ihren aktuellen Gatten, den Hotelbesitzer Tom, erfahren hat.

schimmernder dunst3 560 joerg landsberg uSagenhafte Märchenwelt am Ende der Geschichte: Karin Enzler und das Einhorn in CobyCounty
© Jörg Landsberg

Leif Randt zeichnet in "Schimmernder Dunst über CobyCounty" eine Welt, in der die Menschen dauernd zufällig mit dem eigenen Leben konfrontiert zu werden scheinen. Und in der sie permanent allem und jedem mit von außen betrachtet lähmendem Verständnis begegnen. Keiner der Konflikte, die am Mittzwanziger Wim, Literaturagent und in der Romanvorlage dieses Theaterabends Ich-Erzähler, vorüberziehen, scheint emotional oder gar existenziell genug, um ihn zu berühren. Die Trennung von seiner Freundin Carla nicht, nicht die Lebenskrise seines Treibsandkastenfreundes Wesley oder seine (selbstredend in freundliche Worte gekleidete) Entlassung aus der Agentur, noch ein Hochbahnunglück oder eine Unwetterfront, die im Laufe der Geschichte über das CobyCounty-Idyll hinwegfegen wird.

Man muss Randts Roman nicht gleich für den Beginn einer neuen literarischen Zeitrechnung halten, um zu sehen, wie hier eine Ideologie – Sicherheit, Geld und gute Laune – einigermaßen gekonnt aus der Binnenperspektive geschildert wird. Mit dem Clou, dass der Autor anders als, sagen wir, Bret Easton Ellis (American Psycho), Ira Levin (Stepford Wives) oder Harmony Korine (Spring Breakers) auf den dramatischen Riss in der Oberflächenstruktur gezielt verzichtet, mithin offen lässt, ob diese Ideologie denn überhaupt (noch) der Kritik würdig wäre.

Postmoderne Haushalts- und Lebensführung

Der Bremer Hausregisseur Felix Rothenhäusler, der in der vergangenen Spielzeit unterhaltsam die Oberflächenspannung der Schiller'schen Räuber untersucht hat, und sein Dramaturg Tarun Kade adaptieren mithin einen Roman für die Bühne, der eine Art postmodernes Utopia konstruiert, in dem das viel beschworene Ende der Geschichte gänzlich in Haushalts- und Lebensführung angekommen ist. Was in der Vorlage nicht ungeschickt als lähmendes (weil konturloses) Vorbeifliegen von Menschen und Situationen inszeniert wird, gerät auf der Bühne bisweilen zu einer langweiligen Szenenfolge. Die Ich-Perspektive nimmt Rothenhäusler auf, indem er Justus Ritters Wim als einzige Figur dauerhaft auf der Spielfläche lässt, während alle anderen auf- und abtreten.

schimmernder dunst2 560 joerg landsberg u"Sometime someone, please, tell me who I am": Johannes Kühn als Frank © Jörg Landsberg

Das leise "Hä?" von Randts Romangestus erreicht die Bühnenfassung am ehesten dann, wenn nichts bis kaum etwas passiert. Einen ziemlich langen Moment stehen Wim und seine Noch-Freundin Carla beieinander und kauen Croissants. Ob man nicht heute einen Tag lang alles ganz ernst meinen wolle, was man sagt, schlägt sie vor. Worauf Ritters Wim die Gegenfrage "Ist dir langweilig, Carla? Suchst du das kleine Drama?" sehr hübsch mit dem Blätterteig verschluckt. Oder wenn Johannes Kühn als Wesleys robuster aber scheuer Freund Frank mutterseelenallein mit der E-Gitarre da steht, lange auf einem einzigen Akkord beharrt, dann in überraschendem Falsett zu singen beginnt ("Sometime someone, please, tell me who I am") und sich, statt Luft zu holen, unwillkürlich räuspert.

Einiger ansprechender Momente zum Trotz: Auf die der Institution eingeschriebene Kritikgeste will die Inszenierung dann doch ebenso wenig verzichten wie auf komische Momente. Was dazu führt, dass Randts Sätze ("Das Milieu unserer Mütter freut sich genauso auf den Frühling wie wir" oder Carlas ins hingehetzte Stellungsspiel gesetztes "Wir leben in einem utopischen Sexraum") wie Schnittreste aus einer beliebigen Pollesch-Produktion aufgesagt werden – ohne welchen Sog auch immer zu entfalten. "Die Zeit rauscht und wir rauschen mit", sagt Wims Mutter einmal, "das ist nichts, worüber man sich Sorgen machen muss". Weder den Rausch noch die – konsequent gedacht – äußerst fragwürdige Sorgenfreiheit stellen sich in diesem Bühnen-CobyCounty ein. Da hilft auch kein geschickt gestreuter Glamour-Rest auf dem Bühnenboden.


Schimmernder Dunst über CobyCounty
nach dem Roman von Leif Randt
Regie: Felix Rothenhäusler, Bühne: Evi Bauer, Kostüme: Anja Sohre, Musik: Matthias Krieg, Licht: Fréderic Dautier, Dramaturgie: Tarun Kade.
Mit: Karin Enzler, Peter Fasching, Guido Gallmann, Lisa Guth, Irene Kleinschmidt, Johannes Kühn, Siegfried W. Maschek, Justus Ritter.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theaterbremen.de



Kritikenrundschau

Leif Randts "Zeit-Diagnose der leisen Art" bringe Felix Rothenhäusler mit der "Technik des szenischen Ausdünnens und Weglassens" auf die Bühne, berichtet Sven Garbade im Weser Kurier (15.9.2013). In betont ereignisarmem Setting poliere die Inszenierung "hingebungsvoll an einer zum Programm erhobenen Oberflächlichkeit". Die Welt sei hier "Fantasy, eine bunte Fassade, ohne die sinnstiftende Kraft des Wortes". In manchen Momenten luge "tatsächlich das gesellschaftskritische Konzept der Veranstaltung ein wenig hervor". Doch sei dessen Vermittlung "immerfort von der kolossalen Ödnis im eigentlichen Spiel bedroht".

Regisseur Rothenhäusler, so Johannes Bruggaier in der Kreiszeitung (16.9.2013) schaffe eine "inhaltlich radikale, in ihren Mitteln aber angenehm sparsame Inszenierung. Indem er die Übersättigung seiner Figuren behutsam und pointiert an aktuelle Erscheinungsformen der Saturiertheit anschließt, vermeidet er, dass die Penetranz des hier gezeigten Alltagsstumpfsinns der Produktion selbst auf die Füße fällt." So werde aus Randts Roman "eine erfrischende Gesellschaftsparodie fernab aufdringlicher Fingerzeige". Spielerisch herausragend sei vor allem Guido Gallmann in verschiedenen Rollen.

 
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